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Freitag, 15. September 2006

Sprachsalzkristalle

Föhnwindwärme und sehr entspannte Atmosphäre im wunderbaren Welzenbacher-Bau.

Erste Lesung: Thomas Glavinic - Wie man leben soll. Gustostückerln aus dem Leben des "Sitzers" und zu dick geratenen Charlie Kolostrum; vor allem die sexuellen Abenteuer (durchwegs traurige Angelegenheiten) amüsieren die Damen. Ich hatte das Buch letztes Jahr gelesen, hätte lieber etwas aus "Die Arbeit der Nacht" gehört, aber das ist erst morgen dran. Das Buch ist in der "man"-Form geschrieben, jedes Kapitel endet mit einem Merksatz.

Thomas Glavinic, groß, schlank (warum nur dachte ich, dass er auch etwas fülliger sein müsse?), nachlässig sitzende Jean, Kapuzensweater, wie ein Junge von nebenan, schaut vorher etwas misstrauisch drein, dann freundlich in die rune, liest Bruchstücke, die makaberste Szene mit dem Luftröhrenschnitt nach dem Karpfenessen beendet er nicht, auch seine erklärenden Sätze reißen gerne ab, sympathisch unbeholfen wirkt er, ich überlege, ob man dieses Buch eigentlich verfilmen kann. Das viele Lachen hat die Zuhörer gelockert. Am 17.10. gibt es "Die Arbeit der Nacht" im Literaturhaus Innsbruck, da könnte ich können.

Dann: ANH, eindrucksvolle körperliche Präsenz ( die des Weblogs kannte ich ja) in Schalwirrwarr und Jeans, hier allerdings straff sitzend ;-), souveräner Blick, ein schneller Mensch, am schnellsten ist wohl sein Denken, aber auch in Bewegung, Umherschauen stete Unruhe, ein ständiges Vibrieren vermeint man zu spüren. Die Stimme dann sanft, wohlig-vibrierendes Timbre, ich schließe die Augen. Er liest eine Erzählung aus "Die Niedertracht der Musik", eine ganze Erzählung, auf der Terrasse draußen saßen mehr Leute als im Raum, ich empfand jede von außen kommende Störung als ärgerlich, die Geschichte gab mir eine Ahnung von Leben, das ständig zwischen Fiktion und dem, was gemeinhin als Wirkliches genannt wird, wandelt, sie spielt in Linz, merwürdig, Fiktion und Wirklichkeit in Linz kenne ich auch, nur bin ich keine Böschung hinuntergerollt. Die Erzählung steigert sich bis zum Schluss hin zu einer fast unerträglichen Spannung, aus der ich gleichwohl nicht entlassen werden will. Hätte ich nachsehen sollen, ob die Zahnspuren auf der Brust noch da sind?

"Allmählich begreife ich, daß wir abzutragende Schuld als Tonart und Melodie hören und daß wir sie mitsingen müssen, weil sich eine Geschichte sonst niemals erlöst."

Audio der Lesung

Wolfgang Hilbig war aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen. Ich hätte auch ihn gern gehört.

Fundspruch 9: Sprache jenseits des Geredes

Er liebte die lateinischen Sätze, weil sie die Ruhe alles Vergangenen in sich trugen. Weil sie einen nicht zwangen, etwas dazu zu sagen. Weil sie Sprache jenseits des Geredes waren. Und weil sie in ihrer Unverrückbarkeit schön waren.

(aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

Ich bin selbst nicht vor Sprache inmitten Geredes gefeit. Welche Wohltat also, in Sprache jenseits des Geredes einzutauchen. Es muss nicht Latein sein.

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