Samstag, 24. März 2007

Thielemann in Ereignispose

Gestern im Wiener Musikverein: die Wiener Philharmoniker mit Bruckners Achter Symphonie. Nach einem fulminanten Vierten Satz erstarrte Christian Thielemann skulpturgleich, verharrte in einer Pose wie von Rodin gemeißelt: Oberkörper nach vorne gebeugt, Kopf gesenkt, die rechte Hand zur Faust geballt, als hielte er darin noch alles, was zuvor gewesen, fest. Und blieb, als wolle er ein paar ungezügelte Zu-Früh-Klatscher strafen, darin um noch einige endlose Sekunden länger, ehe er mit seinem Aufrichten den ungezügelten Applaus und Begeisterungsrufe auslöste. Der Dirigent als Ereignis.

Doch abgesehen von dieser Selbstinszenierung, die am Rande des Erträglichen schillerte, bescherte er mit diesem zuvor in Amsterdam und Berlin schon heftigst applaudierten Konzert nun auch in Wien ein intensives, streckenweise schier unfassbares Klangerlebnis. Im Adagio war ich mir immer wieder sicher, so Schönes noch nie gehört zu haben, die Ergriffenheit war rundum fassbar, und ich bin voller Dankbarkeit, dieses Erlebnis geteilt haben zu können.

Die (Klang)Größe des Orchesters lässt sich mit nichts anderem als Superlativen mitteilen; über die Anstrengungen der langsamen Tempi und der Intensität, die der Dirigent abverlangt, kann ich nur mutmaßen.

Als uns, viel später irgendwann, die Worte wieder kamen, ging der Hirsch auf die Suche nach einer Instanz, der er seine Dankbarkeit über das Erlebte mitteilen könne. Doch abgelenkt von einer Flasche Schrammler und einem exzellenten Branzino al Cartoccio blieb nur ein begonnener Satz über die europäische Musik als abendländische Form von Meditation zur Erfahrung des Seienden im Raum hängen. Das innerlich vorhandene Dankesbedürfnis, gerichtet an etwas, das über eine mütterliche Instanz hinausgehen müsste, sei so groß, dass es von einem Menschen, der versuche, dies aufzunehmen, wohl gar nicht erfasst werden könne. Ein solches Bedürfnis war den Hirschen gestern mit großer Vehemenz überkommen und damit der Wunsch, dies "irgendwo" aufgehoben zu wissen.


Nachtrag des Hirschen:
Zusätzlich zum eigentlichen, durch die Musik evozierten Musikempfinden, das für sich alleine schon für große Dankbarkeit gut ist, ist es noch der Umstand, solches gemeinsam mit Alma erlebt haben zu können, auch wenn nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Empfindungen jeweils dieselben seien. Aber doch ist die Dankbarkeit durch das Gemeinsame über alle Maßen gesteigert.

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