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Sonntag, 9. November 2008

unter meinesalters

... hieß an jenem Abend: mit Schulkollegen von damals. In eine Herrenrunde (zweimonatlich zwecks Weinbetrachtung einberufen) hineingeplatzt. Sechs Weine, karaffiert, ein nicht bekanntgemachtes Thema, ein Pirat darunter. Erst Kostrunde, dann Besprechungsrunde. Eher vernichtende Beurteilungen. Ratlosigkeit bezüglich Zuordnung schwirrt im Raum, Spanien, tönt es oft, gereift alle Weine, darin ist man sich einig, kleiner Bordeaux-Jahrgang, keinesfalls Italien jedenfalls, so ein Garnacha aus Navarra der eine, ja das könnte es sein. Dann die Aufdeckung: alles Italien, fünfmal Toskana, einmal Marche. Einmal gute Weine gewesen, aber die 9 oder 10 oder gar 13 Jahre nicht so recht überlebt. Einzig den Guado al Tasso kannte ich, der jüngste (2000) und beste der Serie, alles andere mir unbekannte, wohl kleine Güter, Eintagsfliegen vielleicht auch, einst gehypt und dann vom Markt verschwunden. Gut, dass ich die alle schon ausgetrunken hab, sagt der Anwalt-Klassenkollege, der bei allen gemeinsamen Weinreisen dabei war.

Ich hatte eine Flasche mitgebracht, in Zeitungspapier gehüllt, wahrer Pirat: Ah, endlich ein guter Wein! DAS ist Bordeaux, na ja, vielleicht auch Supertuscan, aber schon eher Bordeaux. Ich grinse: Nittnaus Comondor 1999. Noch ganz frisch und klar in der Farbe, tief in der Frucht, balanciert, nur für Freude sorgend.

Die Ehefrau des Gastgebers ist Religionslehrerin und trinkt keinen Alkohol, sorgt aber für adrett angerichtete Jause danach. Die Gespräche kreisen um "Damals" (=Maturareise) einer- und Kleinstadt-Gegenwärtiges andererseits. Lokalpolitik, Freundesbegebenheiten, mehr Geplänkel als Inhalt. Habe ich tatsächlich jemals hier gelebt?

Pogromatisch

kristallklar
die erinnerung
an finstere nacht

noch.

Dein ist, was du geliebt

Niemals liebte ich dich
mehr
da Mahler uns umhüllte
dein Arm mich fester an dich zog
als müsstest du mich in dich binden
und meine Schläfe in die deine fiel.

So liebte ich dich niemals mehr
ein Dutzend Male wohl und wieder
so lang wir Taucher sind
in Klänge Strom.


(Und uns gesungen:
O glaube, mein Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was du gesehnt,
Dein, was du geliebt, was du gestritten!
)


Wien, in den letzten Oktober- und ersten Novembertagen:
Staatskapelle Berlin, Pierre Boulez, Daniel Barenboim, Mahler Symphonien 1-5.
Der Geliebte kann sich alle Tage nehmen, ich folge erst am Wochenende. Die Zweite mit Boulez ist ein überwältigendes Erlebnis aus Schönheit, Klarheit und Trost; Barenboim am nächsten Tag mit der Fünften zelebriert mir zu viel Gefühlsshow, ein wenig Ermüdung ist im Orchester zu hören, nur zu verständlich. Aber immer wieder nahe am Atemstillstand erlebt: Pianissimi, die erfahrbar machen, wieviel Klang in der Stille liegt.
Die Rückert-Lieder sind mir seit meiner Jugend herznah, ich hätte wohl eine Frauenstimme lieber gehört als Thomas Quasthoff, der mir zu scharf erschien - jedoch: Ich bin der Welt abhanden gekommen ist und bleibt mein Zufluchtstext. Unfassbar, was Mahler (auch aus schlichteren Sätzen etwa aus Des Knaben Wunderhorn) mit seiner musikalischen Umformung zu schaffen vermag!

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

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