müttersorgen

Sonntag, 11. Mai 2008

Vom Glück des Fensterputzens

Der sonnige Morgen ist verführerisch. Ich könnte laufen gehen, nach viel zu langer Zeit endlich wieder Waldboden unter den Füßen spüren. Ich könnte natürlich auch, mit Blick auf die wachsende Baustelle vorm Fenster (wie lange dauert es noch, bis mir die Sicht auf den seit Kindertagen vertrauten Hausberg endgültig verstellt ist?), an längst fälligen Schreibarbeiten kauen.

Doch dann finde ich mich mit einem Packen Zeitungspapier vor den unzählichen Glasflächen der Wohnung wieder, und mit jeder wieder glänzenden Scheibe löst sich etwas von den Anspannungen der letzten Tage. Die Terrassentür sperrangelweit offen, von Vogelgezwitscher begleitet (so reichhaltig an Tönen und Stimmlagen ist es nur zu dieser Zeit) Baustellendreck von Monaten endlich von den Jalousien waschend, falle ich in die Zufriedenheit des Augenblicks.

Die Kinder schlafen noch, das Frühstück zum Tage gibts schon seit Kindergartenzeiten nimmer. Muttertag, was für eine Erfindung! Kinder seien doch die Erfindungen ihrer Mütter, rumort es hingegen gerne, wenn wieder mal nach der Schuld gesucht wird. Oh ja, Mother's Invention.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Dialektion

guad dass ois klappt hod.
wead morgn glei noch da schui zua post gehn. briefmarkn homma ned ge ?!

und wia wors sist so as schifohrn?! mei des wead scho wieda midn sonnenbrond!
gfreit mi foi dass endlich moi zum skifohrn kemmen seds! und sist is a ois guad?!
mia gehts guad jo. najo scho ziemlich komisch wiedamoi gonz alloa. oba najo hoit i scho aus, am wochenend kemmen eh boor freindinnen.
wünsch eich no an schenen urlaub und an schen gruas ondn hermann! und i find des foi nett das ma per email in kontakt nu sein kennen. danke ans internet.
morgen hob i wieder übungskochen, oiso muas i nu bügeln gehn (nicht sehr erfreulich) woast du zufällig wo mei kopftuach is weil des vamiss i scho seid 2 wochen...
bussi


Auszug aus der Mail des Kindes an die urlaubsferne Mutter.

Samstag, 5. Januar 2008

baasd

Was in der korrekt geschriebenen Fassung so kurz, hart und scharf sich liest, wird in der gesprochenen Version zu einem weichen Irgendwie, das alles heißen kann und doch nichts ist als der Ersatz fürs Okay von ehedem: Passt.

Es war das Hauptwort des gar nicht so jungen Kollegen, der seit heute nicht mehr Kollege ist, weil es mit dem Passen doch nicht so gepasst hat, es ist aber auch Hauptwortschatz von Tochter und Tochterfreundinnen, an jeden Satz angehängt, an jede Frage und Antwort. Ich nehm's allemal als beruhigend, wenn mich das Gewissen ob mannigfacher Absenzen plagt, die suche ich auszugleichen durch seltsame Präsenzen, als Chauffeuse durch die Winternächte, wo ich das aktuelle Leben 16-, 17-, 18Jähriger in allzu rascher und stets unverständlicher streng dialektaler Schilderung marginal wahrnehmen darf, Zwickmühlen von Lusthaus oder Mühle?, Beziehungsspiele mit all dem dazugehörigen Von- und Zueinander, Ein- und Fremdgehen, B'scheissen sagen sie, und dass die Lena dem "Freund" die 10 Euro nicht geben wird, weil sie sie sonst nie wieder sieht, steht auch fest, kaufen kömma uns schließlich bessere purzeln die lockeren Sprüche nur so hervor, Gruppenmut vor dem Start in die Disconacht.

Auf der Hinfahrt FM4, dann stelle ich fest, dass hinter den Bergen Bayern4 so viel deutlicher zu hören ist als vor selbigen . Edgar Varèse, und dann Bartok, der Dachauer vor mir ist kein Münchner, der die Eiberg-Kurven im Schlaf kennt, so darf der Wunderbare Mandarin noch länger klingen.

Fellinis Süßes Leben stünde heute noch auf dem Programm, aber der Schlaf verteilt sich jetzt schon in den Gliedern, baasd, sag ich, Mastroianni gefiel mir im Alter ohnehin besser.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Amerikanische Nacht

Es gibt sie wirklich, diese Nächte, die aussehen, als hätte jemand eine blaue Linse vors Tageslicht gehalten, so mondhell, dass selbst die Sterne verblassen müssen, so schneehell, dass jeder reifüberzogene Baum wie eine Skulptur in die Landschaft ragt. Amerikanische Nacht.

Die mütterliche Fürsorge hat mich in diese Nacht hinausgebracht, das Kind von der Diskothek abzuholen, einer, die es vor 33 Jahren schon gegeben hat. Der Beamte beim mitternächtlichen Planquadrat hätte sich eine solche Nachtfahrtmutter gewünscht, sagte er. Es sei zu voll gewesen in der Mühle, sagte die Tochter, das hielte sie einmal aus, sagte sie, die Saisoneröffnung hätte gereicht, die Freundinnen hatten aber noch bleiben wollen, doch es heißt nicht, dass sie jetzt daheim ist, aber immer hin in der Stadt, da geht's dann später auch zu Fuß.

Dienstag, 6. November 2007

transitorische Kindheit

Paulus Hochgatterer schreibt in seinem klugen Aufsatz zur Kindheit heute unter anderem:

...Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten: wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selbst. Kinder haben in einer teilfragmentierten Welt ein Bedürfnis nach Kontinuität, nach Menschen, die bereit sind, die Geschichten, die ihnen zur Verfügung stehen auch zu erzählen....

Ich sehe meine Kinder eher selten. Oft weiß ich so gar nicht, was zu sagen. Der Sohn ist sehr stumm geworden, die Mutter ist ihm meist peinlich. Und so fange ich einfach zu erzählen an. Irgendetwas aus der Zeit, die jener ähnelt, in der sich die Kinder gerade befinden. Beispiele von Schwierigkeiten, von Empfindungen. Ich ernte verlegene Blicke, aber sie irritieren mich nicht. Ich weiß instinktiv, dass damit Verbindung geschaffen ist.

Mittwoch, 17. Oktober 2007

k'n'k

Der Sohn hat seinen Schulmittelpunkt von Kufstein nach Kaindorf verlegt. Auch er muss fahren, lange Strecken, wochenends.

Die Mutter fährt nicht nur mutterbewusst zum ersten Elternabend. Sie fährt gern, durchschneiden doch ihre Wege jene immer vor ihr ausgebreitete virtuelle Landkarte, und begegnen ihr denn nicht auf dieser Strecke so viele ungeschriebene Geschichten!

Der Lehrer für Programmieren hält seinen Unterricht zu 90% auf Englisch, als einziger verwendet er zusätzlich englische Fachbücher. Der Sohn hat aus eigenem Antrieb die Variante mit englischsprachigem Unterricht gewählt, er träumt schon von Amerika. Er liebt die Schule, er fühlt sich im Internat wohl, er zelebriert die erste Selbstständigkeit.

Doch er ist gut aufgehoben, wird getragen, selbst wenn er es vielleicht icht so spüren mag. Auf den für den Elternabend vorbereiteten Tischen liegt eine von der Klassenvorständin gestaltete Mappe mit den Terminen und einem Gedicht. Ich fand es nirgendwo in dieser Übersetzung, deshalb verlinke ich nicht, sondern tippe ab - mir sind einzelne Übertragungsdetails so lieber:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,
aber nicht von euch.
Und wenngleich sie bei euch sind,
gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
doch nicht eure Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen.

Ihr dürft ihrem Körper eine Wohnstatt geben,
doch nicht ihren Seelen,
denn diese wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht aufsuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt euch bemühen, wie sie zu sein,
aber trachtet nicht danach,
sie euch gleich zuzmachen.
Denn das Leben geht weder zurück,
noch verharrt es im Gestern.


[K.Gibran]

Donnerstag, 23. August 2007

Der erste Freund

[Ein Special für die Tochter der Testsiegerin]

Das Kind, eben erst aus Wien zurück, will gleich in die Stadt. Kaum im Auto, die Frage:
"megst wos neis wissn?"
"Ja?"
"I hob an Freind!"
Sofortbremsung und spontane Umarmung meinerseits.
"Wer?"
"Da Sennad, woaßt eh, wo die Simmi und i letztn Montag so long woan"
"Ah-der Bosnier! Ist der auch ein Skater?"
"Na, eha a Fuaßbolla"
"Aha, und arbeitet und ist 18?"
"Na, zwanzge"
"Oh - dann willst du jetzt wohl wie deine Schwester damals sofort zur Ärztin und die Pille?"
"Na ja ..."
"Morgen hab ich einen Termin, um halb elf, komm gleich mit"
"Na gehd ned, i foa mid da Pia shoppn"
"Aber ein neuer Termin kann dauern, ich hab dir allerdings Kondome gegeben."
"Mamaaa...!!!"
.
.
.
"War er in Wien mit?"
"Na"
"Ja seit wann dann?"
"Seit gestan"

"??? Wie geht das?"
"mid sms!"

...

Wenn diese first love mit sms geht, wozu dann die Muttersorgen??

Dienstag, 14. August 2007

16 und so

Als wäre der sechzehnte Geburtstag ein Startloch: das Kind geht auf einen kurzen abendlichen Stadtspaziergang und kommt um 3:52 nach Hause. Die Freundin schläft sicherheitshalber auch da, weil offenbar in unserem Hause unangenehme Fragen nicht gestellt werden. Dabei hat mir die andere Mutter gestern noch erklärt, dass sie ganz zufrieden sei, wenn ihr Kind nächstens noch gerade Sätze spräche. Sich mit über 180 cm und vielleicht 50 Kilo überhaupt aufrecht zu halten scheint mir ganz schön schwierig, vor allem wenn die offenbaren Objekte der Begierde selbst auf dem Skateboard nicht diese Größe erreichen, da wiegen auch die zwei Jahre mehr nicht. Warum nur finde ich es beruhigend, dass unter den verwirrten Skatern auch der Sohn meines Lieblingswirten (derzeit ohne Wirtshaus) ist?

Sonntag, 14. Mai 2006

Muttertag einer Nichtmutter

Sohn und Tochter werken in der Küche. Das Frühstück hatte ich für mich ganz allein, jetzt werden noch die große Tochter, der Kindsvater und meine Mutter erwartet. Die Zeit peinlicher Gedichte und missglückter Basteleien ist schon lange Jahre her. Für ein gutes Mittagessen begebe ich mich gerne in die Mutterfunktion. Immerhin kann ich dann auch ein Flasche guten Weines aus dem Keller holen (na ja, die hole ich mir auch sonst gg). Heute ist es Riesling Heiligenstein 2002 von Hannes Hirsch, Zöbing/Kamptal. Aus der ersten Serie mit Drehverschluss. Septemberfüllung. Jetzt macht er nur mehr eine - späte - Füllung, zum Zeitpunkt, wo es gut für den Wein ist. Ich bin schon neugierig, in welcher Verfassung ich den Wein vorfinden werde.

Im Radio dirigiert Barenboim die Orchesterversion der Verklärten Nacht von Arnold Schönberg. Das war - allerdings in der usrprünglichen Streichsextett-Version - eines der Lieblingswerke meiner Jugend. Darin konnte ich all mein Sehnen unterbringen. Wenn es heute ein Sehnen gibt, dann ist es ein wesentlich friedvolleres, nach Frieden mit mir selbst. Ich denke, dazu hat sollte auch die endlich vollzogene Entscheidung zu einem unbemannten Leben beitragen (betrifft nicht den Kindsvater, der hat schon seit 9 Jahren nur diese Funktion).

Warum ich als dreifache Mutter Nichtmutter bin? 80 % meiner Zeit verwende ich auf mich selbst: Arbeit, persönliche Interessen, Müßiggang. Für mich gab es nie den Berufswunsch Mutter. Die Kinder wissen das zu respektieren. Sie dürfen dafür auch Kinderwünsche haben: z.B. nach einem neuen Haustier. Demnächst also wieder ein Minikätzchen in diesem Theater. Dabei waren die Katzen bei uns nie glücklich. Denn auch diese benötigen eine Bezugsstabilität. Aber es ist oft tagelang niemand zu Hause. Ein Hund wäre ganz unmöglich. Ganz abgesehen davon, dass ich Hunde überhaupt nicht in meiner Nähe mag. Allein die Konnotation Hund-treu löst schon Engegefühle aus. Deshalb habe ich auch bei einem unlängst absolvierten Führungsseminar als Lieblingshaustier die Spinne angegeben. Still, autark, freundlich und, bei näherer Betrachtung, von eigener Schönheit.

In der Festwochenmatinée erklingt jetzt Beethoven5. Soll heißen Klavierkonzert Nummer fünf. Beethoven 3 wird es im Juli geben, bei den Festspielen Erl. Mal sehen, ob sich da nicht ein Ausflug auf die Riezau-Alm arrangieren lässt ....

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walhalladada - 2008-05-12 12:15

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