Mittwoch, 11. Oktober 2006

Wortspiel: auf::schaukeln

Auf der Schaukel: jene Kindheitserfahrung, die schon allerfrühst konditioniert auf ein gleichzeitiges "nicht so fest" (weil es den Atem nimmt) und "noch viel mehr" (weil der Reiz des Fliegens mit nichts bislang Bekanntem gleichzusetzen ist).

Erinnerungen an den Wurstelprater: die Bootsschaukeln, im Stehen mit wenig Aufwand so lange Schwung holen, bis man oben anschlägt und der Inhaber ganz schnell auf die Bretterbremse tritt. Damals gab es auch noch die Loopingschaukeln, die verwegenen jungen Männer und ihre Mädchen, denen die Röcke über den Kopf flogen und das Gejauchze ein viel freieres schien als das Gekreische in den blinkenden Rundummaschinen heute.

Die Schaukel: Erwachsenenspielzeug im Rokoko, die Frivolität der fliegenden Röcke schaukelte die Phantasien hoch, ganz unverbrämt dann die Schaukelbilder des Thomas Rowlandson.

Heute: das Schaukeln im Netz, das Spiel der Sätze, die wiederum mit der Phantasie spielen: Durch Anstöße mit der richtigen Wiederholungsfrequenz kommt es zum Aufschaukeln. Eine Schwingungserregung. Die Gedankenkraft wird dazu verwendet, die natürliche Vorwärtsbewegung zu beschleunigen - mittlerweile beliebtes Sujet auch in belletristischer Literatur, z.B. bei Daniel Glattauer.

Die Erwartungshaltung im Netz ohne Boden ist groß, die Bereitschaft zum Aufschaukeln und Aufgeschaukelt-Werden nicht minder, als gäbe es keine Sturzgefahr. Ein gelegentlich auftauchendes Dilemma (dies nur als sehr dezentes Beispiel über die Unterschiede der Schaukelebenen zu lesen) wird nicht grundsätzlich den Willen zu weiterem Schaukeln beeinträchtigen: es fliegt sich so leicht! Wer mit wem schaukelt, lässt sich nicht immer eindeutig feststellen, auch nicht, ob man nicht schon längst alleine schaukelt, und: geht es denn um mehr als Schaukeln?

Aber: die kleinen feinen Anstöße, die man gibt und erfährt, sie bringen so oft ein sonst nicht vorrätiges Lächeln in den Tag.

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