fundsprüche

Donnerstag, 7. Februar 2008

Mehr Raum Mehr Zeit

Lech, Ort luxuriöser Hotels und (einstmals) luxuriöser Gäste, wirbt mit dem Luxus von Raum und Zeit.

Inmitten einer aus scheinbar endlosen Schihängen sich formenden Landschaft

raum-und-zeit

dehnt sich mir jeder Augenblick zur Unendlichkeit. Auf den Richtung Süden gewandten Bergkuppen weht der Föhn mit stürmischer Gewalt entgegen, nimmt wieder kurz jenen Atem, der sich doch gerade in diese Unendlichkeit breiten wollte, legt aber auch eine weiche Schicht aufgewirbelten Schnees über die harten Pisten.

foehn

Auf den steileren Hängen aber vermisse ich die Eleganz der alten langen Skier, die die knappen, von Fersendruck gesteuerten Schwünge in perfekter Parallelität ermöglicht hatten. Mit den mir überantworteten kurzen und schaufeligen schwarzen Brettern muss ich mich bewusst in das weit ausholende und hangraumgreifende Gleiten fallen lassen, aber ich folge den routinierten Schwüngen des schönsten Geliebten*, lasse mich von seiner Freude über meine Gegenwart tragen.

Über dem Hochplateau mit extremer Hoteldichte holen Fettgeruch und Schneebargedröhne wieder ins enge Jetzt zurück, nur der Respekt vor der Erinnerung eines Mannes, der schon vor 35 Jahren auf dieser einen Bank mit einer zu früh verstorbenen Frau in der Sonne saß, lässt ein kurzes Verweilen zu. Abends führt die Flucht vor billigem Trubel in jene wundersamen Räume,

rausch-und-wunderkammer

wo aphrodisierende und rauschbringende Gewächse auf güldenem Grund den inszenatorischen Rahmen bilden für die schlichte Kunst des grand pièce. Und wieder öffnen sich Raum und Zeit.


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Montag, 14. Januar 2008

avec ailes d'ange

Im Schein
des Leselichtes nehme ich zur Hand
was anderswo mir zugedacht,
Gedanken über eine Himmelsmacht
(auf Engelsflügeln überbracht?).

Ich schlage auf und wähle aus, nach Willkür, und die Neigung liest
im Codex XVII aus Ritterszeit den Satz,
der jedes Sentiment vertreibt:
Eine Neue Liebe vertreibt die alte.

dabadabada eben.



[Co(i)nspirative Überraschungen würzen den vorsätzlichen Pragmatismus meines gegenwärtigen Lebens. Frau Alma dankt.]

dabadabada

... und Männer anscheinend speziell dazu neigen, in der Auseinandersetzung mit starken Frauen zu regredieren und in die Kindheit zurückzufallen.

Danke, Gloria Steinem, für diesen starken Nachsatz, der für mich lebensdurchgängig beobachtbar war und ist, auch im engsten Freundeskreis.

An solche Ab- und Umwege zwischen Mann und Frau werde ich aber sicher nicht denken müssen, wenn ich zu meinem (noch fernen) Geburtstag auch dort sein werde (was hat mir mein Unterbewusstsein da zusätzlich an Idee beschieden?)!

Dienstag, 12. Dezember 2006

Gesetz der Lakonie

Je wichtiger ein Gedanke, umso kürzer muss er gefasst werden.



So etwa formulierte Alexander Kluge gerade eben im Literaturhaus München.
Ich warte auf den Zug nach Hause.

Sonntag, 26. November 2006

Fundspruch 13: Körper und Geist

[Wieder mal aus Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon]

Auch hier bestätigt sich, was mich die Erfahrung stets von neuem gelehrt hat, ganz gegen das ursprüngliche Temperament meines Denkens: daß der Körper weniger bestechlich ist als der Geist. Der Geist, er ist ein charmanter Schauplatz von Selbsttäuschungen, gewoben aus schönen, besänftigenden Worten, die uns eine irrtumsfreie Vertrautheit mit uns selbst vorgaukeln, eine Nähe des Erkennens, die uns davor feit, von uns selbst überrascht zu werden.

Da überrascht er also, der Körper, und lehrt die Staunende, wie wenig jene Worte halfen, die doch g u t gedacht waren. Als sich selbst "Belügende" die Verletzung eines Menschen bewirkt zu haben. Der ebenso an die Worte geglaubt hatte.

[Für HH]

Sonntag, 15. Oktober 2006

Fundspruch 12: Zettelkasten Leben

Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?

[aus: Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon]

Dieser Satz, an einem stillen Herbstnachmittag im noch wärmenden Sonnenlicht gelesen, hält alles an: das diffuse Licht, meinen Atem, die Bewegung, die auch in der Stille war, und für Bruchteile von Sekunden wird alles sichtbar, ein Sehen im Spüren, was da alles noch ist und noch sei und wie es doch immer so milchig bleibt wie die Luft dieses Nachmittags, klar nur in solchen Zeitbruchteilen wie eben. Man verzettelt sich so, denke ich, unzähligen Fetzchen von möglichem Leben verstreuen sich im Alltag, ich denke an all die wirklichen Zettel und Zettelchen, die in Schubladen, Ordnern und Kartons liegen, das Leben ist ein einziger Zettelkasten mit unzähligen Schnipseln, die sich nicht und nicht zu einem Ganzen fügen wollen.

So verstehe ich Menschen, die, noch viel mehr wissend um den nicht gelebten, noch zu leben wollenden Rest, sich brennen müssen wie ANH, der seinen Arbeits- =Lebensdrang täglich mitlesbar macht und sich nur selten eine schweifende Zeit erlaubt, aber auch wie meinen Vater, der angesichts langsam sich ankündigender Schwäche (die mit 83 doch auftreten darf) sich mit einer Verzweiflung und Verachtung für die ungebetene Schwäche in sein Opus Magnum stürzt, als könne er damit noch ausreichend von diesem ungelebten Rest zum gelebten machen (und gleichzeitig immer vor Augen, dass sein E i g e n t l i c h e s, das was er noch vor wenigen Jahren für durchführbar hielt, nie mehr zum Leben kommen würde).

Was geschieht mit dem Rest?

Freitag, 15. September 2006

Fundspruch 9: Sprache jenseits des Geredes

Er liebte die lateinischen Sätze, weil sie die Ruhe alles Vergangenen in sich trugen. Weil sie einen nicht zwangen, etwas dazu zu sagen. Weil sie Sprache jenseits des Geredes waren. Und weil sie in ihrer Unverrückbarkeit schön waren.

(aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

Ich bin selbst nicht vor Sprache inmitten Geredes gefeit. Welche Wohltat also, in Sprache jenseits des Geredes einzutauchen. Es muss nicht Latein sein.

Samstag, 26. August 2006

Fundspruch 8: Eis schlecken.

Weil heute Samstag ist, gibt es statt Spruch gleich eine ganze Geschichte. Um sie zu lesen, klicken Sie bitte hier: Daniel Glattauer beschreibt in seiner heutigen Titelseitenkolumne im Standard die Nöte eine verliebten Knaben.

Diese Geschichte erinnert mich an viele ähnliche Geschichten, die ich aus Männermünden gehört habe. Die unsägliche Not, etwas sagen, tun zu wollen. Die Pein, nichts herauszubekommen. Die Mädchen, die so sicher wirken. Man(n) selbst, voll Scham, doppelter Scham: zu wollen, nicht zu können.

Dann werden die Knaben fast Männer, gewinnen eine Sprache, vor allem untereinander, wagen zu sagen und sagen - das Falsche. Weil die beschämende Erinnerung nicht auszutilgen ist. Sie über-reden sich selbst, mit lauten Sprüchen, die nicht ernstzunehmen sind und doch genommen werden. Und wenn sie sich selbst genug über-redet haben, wollen sie Rache nehmen, für erlittene Scham, und so nimmt das Reden und Reden und über alles Drüberreden kein Ende, die Frauen wollen nicht mehr zuhören, und das große Schweigen bricht aus.

Mädchen, Frauen: wenn ihr Männer wollt, die euch die rechte Ansprache geben - bitte helft ihnen beim Eis schlecken!

Donnerstag, 24. August 2006

Fundspruch 7: Free Woman and Free Man

And then, a free woman, Dorothy lay down on the bed with Dieter, that free man, and they began, at last with delight and with wonder, their seven year embrace as well as a spiritual connection which does not permit itself to be lost.

Das ist der Schluss der Bildergeschichte "An Icelandic Saga" von Dorothy Iannone, heute in der Kunsthalle Wien betrachtet. Sie erzählt minutiös ihre lebensentscheidende Begegnung mit Dieter Roth, die in eine siebenjährige Liebesbeziehung und anhaltende künstlerisch-spirituelle Freundschaft führte.

Einiges an fundamentaler Information samt Bildbeispielen habe ich auch hier gefunden. Mich faszinierte nicht nur die Erhabenheit ihrer in Liebe verbundenen Figuren, sondern vor allem auch ihre Darstellung der Vulva, die extrem nach außen gewandt erscheint: zwei große, runde, "weiche" Gebilde, mehr an männliche Hoden erinnernd als an weibliche Schamlippen, kraftvoll, und meist nur ein kleiner roter Kreis - oder Oval - darüber, der die Klitoris andeutet; kaum aber ist jener Spalt zu finden, der sonst Mösendarstellungen ausmacht.

vulva

Die Kraft, die in dieser Form der Verbildlichung liegt, ist mitreißend.

Montag, 21. August 2006

Fundspruch 6: Die Selbste

Eigentlich sind es zwei zusammengehörige Zitate, in einem Buch gefunden.
(Ich nehme gleich die Übersetzung)

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.

Michel de Montaigne, ESSAIS

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.

Fernando Pessoa, LIVRO DO DESASSOSSEGO

Es ist schon schwer, sich durch die eigenen Ambivalenzen = Doppelwertigkeit zu finden, dann gar noch mehr Selbsten! Und wie schwierig wird es dann, wenn einem ein Anderer mit seinen Selbsten gegenübersteht!

* Dieser Eintrag ist explizit einem gewidmet, der sich ins Nichts auflösen wollte und mit wievielen? Selbsten wieder zurückgekehrt ist.

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