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aus dem kulturbeutel

Freitag, 3. Juli 2009

Heiraten Sie keine Jungfrau.

Der Mann bei der Gratisverkostung sah auf den ersten Blick nach einem gewohnheitsmäßigen Schnorrer aus. Das Personal aber schien ihn zu dulden, nur wenn er einer anderen Kundschaft nahzukommen drohte, wurde er mit vorsichtigen Worten wegkomplimentiert. Als ich vom Barbereich wieder zur Shopabteilung herüber kam, erwischte er mich zwischendrin. Sie haben eine Doppelgängerin, sagte er, vorhin war eine Dame an der Kassa, die sah genauso aus wie Sie, aber Sie hatte schon ein Sackerl und bezahlt. Das war ich, sagte ich, ich habe schon bezahlt, ich warte nur auf die gekühlte Flasche. Ach so, strahlte er, ich hatte mich schon über die große Ähnlichkeit gewundert.

Der Mann war schmächtig, kleiner als ich, mit einem wilden grauen Bart, etwas bescheiden, aber nicht wirklich schlampig gekleidet. Das Gesicht schien alt und war es doch nicht. Ich war 10 Jahre in der Wehrmacht, sagte er. Er muss beträchtlich älter als der Hirsch sein, überschlug ich rasch, und schon schoss er heraus na wie alt schätzen Sie mich? Ich griff geringfügig daneben, Im Neunzigsten, strahlte er, im Herbst würde im Literaturhaus sein Neunziger gewürdigt, Dichter sei er und Maler, doch bevor er eine lange Ballade zur Lobau zitierte, fragte er Welches Sternzeichen sind Sie? Krebs, sagte ich, und Ihr Partner? Jungfrau ... Jungfrauen sind nicht zum Heiraten, triumphierte er, das sind Menschen, die hohe Ansprüche an das Leben stellen, und noch höhere an sich selbst, das macht sie so schwierig! Ich weiß, wovon Sie sprechen, sagte ich.

Und dann begann er mit Zitaten aus seinen Gedichten, rückte mit jedem Satz näher, er roch erstaunlich gut, nach Pfefferminz, es war nichts wirklich Unangenehmes an diesem Menschen, er wollte nur einfach nicht aufhören zu reden ...

Erl-09

In Erl sind nun die Festspiele eröffnet. Die Gewitter sind am ersten Abend ausgeblieben. Ich werde nur wenig von dem hören können, was ich mir vorgenommen hätte. Es hat mich jedoch gefreut, bei der Eröffnung jemanden zu treffen, der ohne die gewesene Verbindung zu mir wohl niemals hierher gefunden hätte.

Montag, 25. Mai 2009

Der Traum vom Norden

Über Intervention der Cellistengattin, die aus unserer Kleinstadt stammt, wurden uns 2 Karten für die gestrige Matinee zuteil, erste Reihe Balkonloge, da seht ihr unseren Stardirigenten besonders gut, den ungepflegten den ..., der Rest verschwand in Gemurmel.

Erste Symphonie Sibelius, für den Geliebten eine so wichtige Musik, in der er seinen Traum vom Norden verbildlicht sieht; seine Ergriffenheit war in seinem festen Griff um mich spürbar. Ich mochte mich nicht über die Brüstung beugen, um von Valery Gergiev mehr zu sehen als seine beginnende Glatze; mit geschlossenen Augen konnte ich besser hören. Und auch wenn der Klang des Goldenen Saales oben ein anderer ist, die Bläser viel prägnanter, überhaupt die einzelnen Gruppen im Orchester viel deutlicher als solche wahrnehmbar - aber doch auch mir inzwischen wichtig und angesichts des riesigen Saales der Münchner Philharmonie am Mittwoch wieder so spürbar geworden: die Intimität dieses Raumes in Wien, die a u c h zum Hörerlebnis beiträgt, gerade das enge Sitzen, merkwürdig, bei aller Akustikperfektion zum Beispiel auch in Luzern, aber das Erleben in diesem Saal geht über das Hören weit hinaus - ich erlebte also eine intensive, aber nicht breitgetretene, vielmehr eine ungemein lebendige Interpretation der Symphonie. Dem Feuervogel nach der Pause indes fehlten die getanzten Bilder. Oder aber der schlemmerische Vorabend auf der Terrasse des Grandhotels zeigte seine Wirkung.

Welche Sendung war das nochmal, die sich eine Passage aus dem Feuervogel für die Signation geliehen hatte?

Donnerstag, 21. Mai 2009

Brillenschlangen in Akazienträumen

...Das...Konzert...aber mögen die Konzertgeber sich und dem Publikum künftighin schenken. Dieses musikalische Geräusch mag vielleicht gut genug sein, Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abgerichteten Bären zu erwecken - in den Konzertsaal taugt es nicht.

Wer dies schrieb, war ein noch junger Hugo Wolf, worüber er schrieb, war das a-moll-Klavierkonzert von Edvard Grieg. Nun, ich nenne den Geliebten Hirsch und nicht Bär, er liebt jedenfalls dieses Konzert, deshalb fuhren wir ins Bayrische, um Buchbinder spielen zu hören und Thielemann, diesen zu groß gewachsenen Buben mit der schlechten Frisur und den guten Manieren - erst das Orchester und dann er, beim Schlussapplaus - dirigieren zu sehen. Nun, Grieg ist schon etwas mehr als Geräusch, ein überarbeiteter Zustand aber nicht der rechte Modus für Konzertgenuss.

Akazien aber auch in München:

muenchner-akazien

die opulente Süße ihrer letzten Blütentage drang mehr zu mir durch als die Musik. Der Hirsch, stellte ich fast mit Entsetzen fest, kannte diese Bäume nicht, sie waren offenbar noch nie an seinen Wegen gewachsen.



Daheim dann ein verwundertes Auflachen: Was tun vier halbwüchsige Burschen an einem lauen Maifeiertagsabend? Sie sitzen vorm Fernseher beim Finale des Next Top Models ....

Mittwoch, 20. Mai 2009

Verklärte Nacht

Eröffnungskonzert der Musik im Riesen. Nach einem filigran, mit viel Witz musizierten Haydn dann eines meiner Lieblingswerke, "nur" in der Orchesterfassung - ich hatte irgendwo schon einmal angemerkt, dass mir die schlankere Sextett-Version ungleich lieber ist. (Der engliche Titel transfigured night scheint mir fast noch stimmiger als das deutsche verklärte) Doch gestern, mit Heinrich Schiff als Dirigent, mochte ich auch diese Fassung gelten lassen, so klar und trocken, kein Gramm Schmelz zuviel, fast skelettiert; dem kam auch die gnadenlose Akustik der Swarovski-Werkshalle entgegen. Die Intensität, mit der der Dirigent ans Werk ging, war deutlich zu hören, ich verstand seinen Atem nur zu gut. In der Pause war ich froh, ins Freie treten zu können, die Kraft, die ich beim Zuhören aufgewendet hatte und die noch im Körper festsaß, in die Nachregenluft atmen zu können.

wattens

Mozarts Klarinettenkonzert aber, sonst zum Dahinschmelzen gut (weshalb fällt mir da immer Wallace & Gromit - The Wrong Trousers ein?), konnte ich nur mit geschlossenen Augen hören - die Solistin hatte sich schon so exaltiert in Pose und Show begeben, bevor noch ein Ton von ihr gekommen war, dass ich mir dieses Theater ersparen wollte. Und so fehlte mir im Klarinettenpart die Seele; die heitere, im zweiten Satz gar ironisch-sehnsüchtig anmutende Interpretation durch Kremerata und Schiff, die Tänzelei im dritten und die lose Fröhlichkeit im vierten Satz konnten die Schlangenbeschwörer-Attitüde der Klarinettistin (ich hab geblinzelt) nicht aufheben.

Nacht

Freitag, 8. Mai 2009

Abendblick 8

Juliette



en tv. Eben sang sie "Ne me quitte pas" - überwältigend.

Die Freundin wird auf der After-Show-Party sein, ich bin grad erst von der Hackn heimgekommen. Hab nur den Blick aus der Ferne.

Montag, 27. April 2009

Schostakowitsch in der Wachau

Einstimmung auf den Abend: während wir am Rechten Ufer entlang gleiten, lasse ich Schostakowitsch mit der Sechsten durch die Landschaft tönen. In Wien packt mich plötzlich das Heimweh, das nach meiner Kindheit in dieser Stadt, nach den Jahren meiner Studentenzeit und der anderen Zeit meines Lebens hier. Im Goldenen Saal dann die vertraute Geborgenheit, Hilary Hahn lässt die komplizierten Griffe des Sibelius-Violinkonzertes wie simpelste Etüden erscheinen. Dirigent Yakov Kreizberg kann neben dieser mädchenhaften Erscheinung nur verlieren, sein Körper steckt wie verloren in einem viel zu großen Frack, aber der lange, kräftige Hals und das energische Kinn zeigen die Konzentration; er dirigiert auch die Schostakowitsch-Symphonie ohne Partitur. Mir wird der Abend viel zu kurz, ich hätte von dieser Musik noch weit mehr hören mögen.

Sonntag, 26. April 2009

Wunderlich

Wenn das Kronos-Quartett vor den Hochöfen der Glasfabrik Riedel spielt oder, wie gestern, das Los Angeles Guitar Quartet in der Fertigungshalle einer Dosenfabrik, dann ist dies einem Kulturverein zu danken, der aus eigenem kabarettistischem Dilettieren heraus seine Veranstaltungstätigkeit vom Kabarett hin zu vielfältiger, immer interessanter Kulturperformance ausgeweitet hat. Mit viel persönlichem Einsatz zahlreicher helfender Hände und lokalen Sponsoren, die schon mal ihre Betriebshallen für einen Abend ausräumen, um eine ungewöhnliche Location zur Verfügung zu stellen - offizielle Saalmieten sind für einen solchen Verein nicht leistbar - ist so über die Jahre ein sehr lebendiges Kulturgeschehen entstanden.

Dazu gehört auch die gastronomische Grundversorgung der Events: Öffnung der Hallen eine Stunde vor Aufführungsbeginn, spartanische Sitzmöbel mit Biertischen und -bänken (mit weißen Tischdecken allerdings), vorzügliche Flaschenweine, und neben Käseteller und der Prosciutto-Grana-Antipasti-Kombination immer ein Überraschungsgericht; gestern warens Strudelteilsäckchen, gefüllt mit Schafkäse, dazu Rhabarber mit Ingwer und fein marinierter Radicchio. Zum künstlerischen Genuss also auch immer ein kulinarischer, das ganze ohne steife Saalbestuhlung - so was spricht sich rum, die Leute kommen mittlerweile auch von weiter her.

Von den vier Abschnitten des gestrigen Abends fühlte ich mich bei spanischer Renaissance und brasilianischen Arrangements (Jobim, Baden Powell) am wohlsten.

Sonntag, 31. August 2008

durchlässig

Nun weiß ich's, wie ich dieser Symphonie begegnen muss: mit allerhöchster Durchlässigkeit; so weit sein, dass mir die Grenzen abhanden kommen, um dieses wilde, bisweilen unbezähmbar scheinende Gebilde mit seinen disparaten Kapiteln einfließen zu lassen.

Gustav Mahlers Dritte Symphonie war mein persönlicher Festspiel-Abschluss, nicht anders als mit dem Geliebten hätt ich diesen erleben mögen, manches ist nur so und nicht anders vorstellbar. Hör ich mit ihm solche Musik, so ist es ebenso, als beugte er sich über mich, käme über mich, und ich, mit dem Moment des Aufnehmens: bin ich Meer.

Strahlend ist die Posaune, makellos in ihren Melodiebogen gegeben, unerschrocken der Musiker vor diesem großen Part. Wagner glitzert durch, Bruckner wohl auch, und alles, alles will hineingefügt sein in dieses Werk, die ganze Natur bekommt darin eine Stimme. Im letzten Teil dann, die Streicher weben so überwältigend Schönes, ist mir kein Halt mehr, mein Atem wird tief, ich spür die zu Klang geformten Noten bis in die äußersten Kapillaren, lege mich hinein in dieses Fließen, nicht aufhören soll's, dieses Empfinden -
doch Mahler setzt neu an, ganz zart mit den Flöten -

...mir ist manchmal selbst unheimlich zu Mute bei manchen Stellen, und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte.

Ja, als hätte er Angst bekommen vor diesen Emotionen, die da durchdringen, denn als dann der sich langsam aufbauende Schluss immer drängender sich formt, klingt's nicht mehr so unkontrolliert weit, gar unendlich, sondern gezielt bombastisch, klar männlich, wohl gesetzt das Blech, die Tremolos, das Geflirre der Holzbläser: so viel kalkulierter als der "sich selbst gemacht habende" Abschnitt zuvor wirkt es (Man ist sozusagen selbst nur ein Instrument, auf dem das Universum spielt.)

Wiewohl, die Wucht macht wohl Gänsehaut, der den riesigen Raum füllende Applaus ist wie ein Rausch.

***

Der Hirsch ruft zum Frühstück zwischen Sonne und Bergen.
Schnittlauchbrot mit frischem Ingwer, Bauerneier im Glas, hausgemachte Marmeladen, grüner Tee.



[Die kursiv gesetzten Zitate sind dem Text von Walter Weidringer aus dem Programmheft der Salzburger Festspiele entnommen, der seinerseits G.Mahler zitiert.]

Freitag, 29. August 2008

Der Meerjungfrau Hals

Ein braunrosa Schleier legt sich über die Landschaft, ehemals üppiges Grün macht sich auf den Rückzug, die Wiesen atmen apfelschwere Ruhe. Wieder einmal hab ich Wege von hunderten Kilometern durchmessen, mich in neue Berge und lockendere Wiesenhänge verschaut, anderswo scheint schöner als daheim, der Reiz fremder Hausformen, die unbekannte Tiefe untadelig blauer Seen unter steilen Felswänden, was für ein Reichtum in der Welt! Und doch atmen wir ruhiger im Vertrauten, die Abende lösen sich in frühherbstlicher Stille.

...

Mir war viel erzählt worden von "Rusalka", so ergab sich nun die Gelegenheit, Dvoraks Oper selbst zu hören. Eine Inszenierung zum Hören, nicht zum Schauen, so schrill schien mir das Bühnenbild, das erste Bild ein billiges Puff, froschartig hüpfende Nymphlein darin, barockisierte Plastiksofas, und diese Projektionen an die Rückwand, waberndes Wasser mit Blüten und Schatten, muss ich sehen, was ich doch hören kann? Das Schloss des Prinzenin schrillem rot/weiß , ein weißer Flügel - wo ist Udo Jürgens?, die Hochzeitsgesellschaft eine Karikatur an herausgeputzter Dorf-Haute Volée, ist das gar der Ententanz? Die Ironie ist nur schwer zu begreifen, das Neon-Kreuz im Eck erinnert an versteckte Winkel in Neapel.

Die Augen also schließen, zumal mir ohnehin ein auftoupierter grauer Haarturm die Sicht auf die Bühne nimmt, und eintauchen in die wunderbaren Stimmen und Orchesterklänge. Mensch sein wollen, doch die Sprache nicht zu haben, wie lässt sich da lieben? Das Libretto macht Rusalka zur Kühlen, doch sie hat ihre Begierden, nur scheinen sie unvereinbar mit der Welt, in die sie sich selbst sehnte. Meine bislang gültige Meerjungfrau ist Ingeborg Bachmanns Undine, diese Inszenierung ließ mich nichts Schlüssigeres erleben.

Mit der Pause gab ich auf, mir selbst saß eine Jezibaba im Nacken, ich wollte keine weitere Verkrampfung im engen Gestühl riskieren, der Weg durch die Nacht war noch weit genug. So wusste ich allerdings nicht, ob die laryngitische und doch tapfer angetretene Camilla Nylund den ganzen Abend durchgestanden hat, ihre helle, klare und doch auch zu verzweifelter Kraft fähige Stimme aushielt.

Sonntag, 10. August 2008

Museum of Innocence

Die beiden Männer erschienen vor der mächtigen Kulisse der Felsenreitschule unfreiwillig reduziert auf ein höchst bescheidenes menschliches Maß.

pamuk

Sich eine Verbindung zur intimen Geschichte über Liebes- und Objektbesessenheit zu verschaffen war in dieser Raumunendlichkeit nicht leicht, und der Eindruck, es handle sich nicht eigentlich um den Dichter zu Gast, sondern eine in pompösem Rahmen inszenierte Promotion für dessen neuen Roman, ließ sich nicht wegschieben.

Helmut Lohner las einige Passagen aus der deutschen Übersetzung vor, aber seine schnarrende Stimme und der immer ein wenig auf Effekt bedachte Tonfall mochten atmosphärisch so gar nicht zu dem Text passen, in den man bereits gefallen war dank Pamuks von immer feinem Lächeln begleiteter eigener Worte zu den 600 Seiten, in eigenwilligem Englisch und endlos mäandernden Sätzenvorgetragen, in deren Fluss man am liebsten geblieben wäre.

Will man nun wissen, wie es zu den 4213 gesammelten Zigarettenkippen kam und zu all den anderen Objekten aus der Berührungsnähe der Geliebten? Bei gebackenem Kalbskopf und Veltliner im Garten der Blauen Gans gerieten Frau S. und ich allzu schnell vom Thema des Nachmittags zu eigenen Obsessionen. Und die Philharmoniker warteten auch schon.

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