aus dem kulturbeutel

Freitag, 21. März 2008

Schweinfurter Grün

Kurzer Wechsel des Faches: Besuch am Stand der schönen Freundin auf der Kunst- und Antiquitätenmesse. Ich werde für hier zugehörig gehalten, der Zillertaler Schrank als besonders augenfälliges Möbelstück muss erklärt werden. Schweinfurter Grün, war im Zillertal stark verbreitet, diese Farbintensität ist noch der Originalzustand, da wurde keineswegs nachträglich Hand angelegt. Ja, man hat sich damals einen Kirchenmaler geleistet für das Ausfüllen der Felder, Jesus am Kreuz und andere religiöse Motive, die Kunstfertigkeit der Pinselführung ist deutlich unterscheidbar, kleine Gemälde von großer Intensität. Und doch werden sie überstrahlt vom Schweinfurter Grün, hochgiftig, leuchtend, aufmerksamkeitsbindend.

Bei der Galerie gegenüber plaudere ich über Arnulf Rainer damals und jetzt, die Erinnerung an meinen Lieblings-Kunst-Aufenthaltsort der Studentenzeit wird lebendig: das Zwanzgerhaus. Mit einem Mal wird eine Lücke fühlbar, die ich nie mehr zu schließen verstand. Melancholie im März-Schnee.

Sonntag, 24. Februar 2008

Tanz 3: Der Konzertmeister

Wieder einmal waren wir seinetwegen in den Goldenen Saal gekommen, wie wir schon den strahlenden Neujahrstag seinetwegen vor dem TV-Schirm verbracht hatten: George Prêtre. Der Hirsch, in einer unbedingten und emotionalen Treue den Wiener Philharmonikern zugetan, wäre sonst kaum bei den Symphonikern zu finden.

Was sonst ganz allgemein gilt, wie nämlich die unterschiedliche Interpretationsweise das Hören von bekannten Werken zu einer stets neuen Erfahrung macht, war diesmal wieder in ganz besonderem Maße zu erleben, bei Bruckners Achter, die ich so in Jahresfrist zum dritten Male hören konnte. Und während Thielemann sie sowohl mit den Münchnern als auch mit den Wiener Philis zu einem opulenten Klangerlebnis gemacht hatte, schälte Prêtre, modellierte und formte neue Hörräume in dieser Symphonie.

Aber leider hatte ich mich gleich zu Beginn mit dem Konzertmeister angelegt, eine Figur wie Thielemann, selbst der Haarschnitt erinnerte an den Dirigenten, nur die Hände sind keineswegs so elegant. Im ersten Satz trieb er seine Gruppe geradezu an, das führte zu einiger Verschobenheit in der Stimmführung, machte mich sofort nervös. Ich unterstellte ihm mangelnde Demut vor Werk und Mitmusizierenden, dazu saß er auch noch geradewegs in meinem direkten Blickfeld, sein ausufernder körperlicher Einsatz hinter Prêtres Rücken schien wie eine Soloperformance zu eigenen Gunsten. So etwas kann einen Konzertabend ganz schön beeinträchtigen - und außerdem saßen wir diesmal rechts.

Denn 3. Loge und 3. Loge sind nun mal nicht dasselbe! Links sitzend, sieht man die stablose und damit ausdrucksstärkere linke Hand des Dirigenten besser, er neigt sich zudem immer mehr nach links zu den ersten Geigen, so ist das Mienenspiel besser beobachtbar - beides wesentliche Bestandteile der Dirigierkunst von George Prêtre. Dafür waren die Celli und Hörner näher - und die glänzten an diesem Abend recht eindrucksvoll.

Dank fließenden, großartig durchgezogenen dritten und vierten Satzes, wo auch die Extrastimme keine Chance auf Vordergründigkeit hatte, wurde es aber doch ein wunderbar eindringliches Musikerlebnis, Tanz eben. Zu Allerletzt gab's noch Extraapplaus für den Großen alten Herren, als die Musiker das Podium schon längst verlassen hatten. Das verschmitzt lächelnde, die Ehrung mit Geduld wie Heiterkeit annehmende Gesicht war ein versöhnlicher Schluss.

Samstag, 10. November 2007

Georges Prêtre, Dirigent und Bilderzeichner.

Nach langer Zeit wieder einmal im Goldenen Saal. Bizets Erste Symphonie ist ein für mich gänzlich unbekanntes Werk; spätestens im zweiten Satz bin ich ganz im Banne der Musik, als die Oboe so zart und intim das Thema anstimmt. Vor allem aber bin ich im Banne jenes Mannes, der den Abend auf eine Weise gestaltet, wie ich es so noch nie erlebt habe: Georges Prêtre. Mit minimalen Gesten hält er jeden einzelnen Musiker bei sich, die Finger machen kleine Bewegungen, vor allem aber sein Gesicht spricht. Die expressive Mimik erzählt alles, was er sagen will, mit Augen und Mund baut er Beziehungen auf, zu Instrumentengruppen, zu Einzelpersonen, zum Orchestergesamt, zu den Zuhörern, zur Musik selbst.

Er macht bildhaft, was er hört und sieht in der Musik, lässt uns teilhaben an seinen Blicken, transportiert mit seinem Körper ganze Bilderwelten, lässt sie durch die Musiker vor uns erstehen. Zwei Mal legt er den Taktstock ab, im zweiten Satz bei Bizet, im dritten von Mahlers erster Symphonie. Hier zeichnet er mit beiden Händen weiche Gesten in den Raum, füllt ihn mit Emotionen. Die linke Hand baumelt zu Boden, es gibt kaum Bewegung, dann legt er sie ans Herz – was für ein Glück muss es sein, mit ihm musizieren zu dürfen.

Ja, es ist ein unentwegtes, unbändiges Musizieren, auch in den verhaltensten Augenblicken, mit den fast nicht mehr hörbar dahinflirrenden Violinen, den weich aus der Tiefe steigenden Bratschen. Der mitreißenden Lebendigkeit dieses Mannes, der da nicht nur das Orchester, sondern den ganzen Saal in seinen Händen hält, ist Hingabe gewiss, er verführt zu Lachen, wenn er verschmitzt ins Musikerrund lächelt, da oder dort ein Detail einmahnt, er lässt mittanzen und mitsingen. Und vor allem fühlen.

Was ich an diesem Abend aus Mahlers Erster heraushöre, ist um so vieles differenzierter, als ich es bislang kannte. Und mir bestätigt sich in aller Deutlichkeit, was ich bei Mahler auch sonst immer wahrnehme: neben all der Landschaftsmalerei, den Wald- und Wiesenidyllen ist eine zweite, ungewisse Ebene stets gegenwärtig, als ginge man frohgemut über grünes Gras, bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher, und plötzlich verdunkelt sich der Himmel, unsicherer Boden liegt vor einem, Moor oder Treibsand, irgendetwas, das einen in Abgründe ziehen kann. Doch plötzlich sind da wieder die vertrauten Töne, unbedarfte, bodenverwachsene Tanzmusikklänge. Ständig wähne ich mich Traumwanderungen, wo die Szenenwechsel zwischen Freude, Heiterkeit und Alb so unvermittelt kommen.

Irgendwann, als Prêtre die Philharmoniker nur scheinbar entfesselt, aber mit raschen, kleinen Schlägen des Taktstockes geführt und gehalten, in einen Rausch aus Vollklang und Tempo geleitet, denke ich mir: was, wenn Gustav Mahler, dieser ernste, trockene Mann, der sich ein lebenshungriges Mädel zum Weib genommen hat, diese unbändige Kraft und Leidenschaft, die in seiner Musik wohnt, öfter in den dürstenden Schoß Almas gelegt hätte?

+++

Ebenso selten wie die Kinder sehe ich auch den Hirschen. Aber zwei Stunden gemeinsamen Musikerlebens sind von solcher Tiefe und Energie, dass damit so viele fehlende gemeinsame Stunden wettgemacht werden. Fünf Jahre Altersunterschied sind zwischen Prêtre und ihm, fällt mir auf, in fünf Jahren werde ich (Wunsch? Gewissheit?) ebenso wie die Musiker auf diese kleinen Bewegungen der Hände reagieren, die mich auch jetzt auf dem Weg halten. Keine großen Gesten, keine großen Worte - aber Achtsamkeit und Intensität im Kleinen.

Montag, 6. August 2007

Following Gustav

Ursprünglich wäre das ein Edit zum vorherigen Eintrag gewesen, aber um diese Uhrzeit nicht mehr ganz up to date. Dafür erweitert.

Alma Autofahrerin unterwegs

Auf der österreichdurchschreitenden Tour widerfährt mir Beethovens drittes Klavierkonzert. Aber, ja aber, es bleibt draußen, ist der Landschaft fremd, wiewohl mit ihm durchaus emotionale Erinnerungen verbunden sind.

Ganz anders etwas später Mahlers erste Symphonie. Schon die Hörner scheinen aus dem Wald zu steigen, die Streicher murmeln dann durch die Wiesen, die Flöten sitzen in den Bäumen. St. Dionysen, Allerheiligen, irgendwann Mürzzuschlag, nach der Phyrn weitete sich das Tal, die Musik legt sich über die Landschaft, wie ich es liebe, trägt mich mit. Als ich ins Mürzer Oberland biege und sich die Rax unvermutet vor mir erhebt, mit der mir unbekannten Hinterseite (vor vierzig Jahren war ich zuletzt da, den keuchhustenden Bruder auf Höhenluftkur begleitend), mich staunen macht, da tun die Geigen etwas, das sich in Tirol "schmirbm" nennt, sie fahren so weich und schmelzend rein, dass mir lustfröstelnd zumute ist.

Erst als aus Salzburg der der impulshaft sofort mit dem letzten Ton aufbrausende Applaus einsetzte, begab ich mich in den stillen Gastgarten der Holzers, Kalbsbraten und Kardinalschnitte ergaben ein vorzügliches Sonntag-Mittagsmahl.

Etwas windiger Rostbraten, durchaus anständiges Backhendl (zuständig: Tourismusschule Semmering) und heiß umkämpfter Weißwein waren erst zu viel späterer Stunde zu haben, Gustav (Mahler), Gustl (Klimt), Franz Werfel, ein sehr junger Gropius, ein trotz allem mit Bravour outrierender Kokoschka und vier grandiose Almas wirbelten durch die eindrucksvollen morbiden Räume des Semmeringer Kurhauses - ich tät ja sagen hinfahren, wenn ned alles schon ausverkauft wär.

Montag, 16. Juli 2007

Der Mond ist ein blutrot Eisen

Einem heißen, makellosen Tag bin ich gestern entsprungen, eingetaucht in die kalte blaue Bühne von Martin Kusejs Woyzeck-Inzenierung. Hab das warme Licht des Sonnenabends eingetauscht gegen grelles Neon, gegen Sätze von fataler Wucht, hab zugesehen, wie Figuren hilflos über eine von blauen Mülltüten zu unwegsamem Gelände gewandelten Bühne taumeln, sich an ihren zur eigenen Wahrheit gemachten Sätzen aufrecht halten, übereinanderstürzen, sich ineinander krallen, Marie im blutroten Kleid, ja da ist sie, für Augenblicke auch Herrin ihrer Lust, das war es, was ich überpüfen wollte, ob es denn wirklich dann so gewesen sein wird?

Anders ist es geworden, ich hab nicht mit dieser Wucht der Inszenierung gerechnet, die mich immer stummer werden ließ, nichts mehr konnte ich denken, hielt mich nur noch fest an Jens Harzer, diesem schmalen, bleichen Woyzeck, der sich selbst mit verlorenem Blick im Reigen der sich über ihn erhebenden Männergestalten irgendwo zu halten versuchte. Als es irgendwann stille war und die einen zu applaudieren begannen, musste ich weinen.

[Bislang kannte ich nur Alban Bergs Wozzeck, eine der wenigen Opern, die ich jemals mochte.]

Freitag, 6. Juli 2007

Musik liegt in der Luft

Seit gestern sind sie wieder in Erl eingefallen, die Tiroler Festspiele. Nein, falsch, nicht die Spiele, sondern die Spieler. Die auf der anderen Seite der Bühne. Vor allem bei der Eröffnung sind viele Spieler da, Selbstinszenierer, Dortseinmüssenspieler, Pflichtspieler in deren Gefolgschaft, Neugierigspieler, Spielevermittler, was tat Ro Raftl da?, aber freilich auch viele, die um der Musik willen kommen.

Heinz Fischer, als Bundespräsident zu Erl zwangsverpflichtet, eröffnete recht aufrichtig bezüglich seiner Erler Unkenntnis, dafür mit leisen, langen politischen Worten; LH Van Staa war polternder gewesen; prägnant und kurz wie immer Geldgeber Haselsteiner, das Flugzeug verpasst hatte aufgrund von Stau in Paris der Moitier, der hat einen launigen Brief an den Kuhn geschickt, der es sich wiederum nicht nehmen ließ , diesen mit Accent vorzulesen; die eigentliche Rede (Kernthema: Kunst muss politisch sein) war dann Vortragssache jenes Schaupielers, der auch die Meistersinger-Lesung wird durchführen - hoffentlich mit verständlicherer Aussprache als alle seine Einsätze gestern.

Nach so viel teils ermüdendem Wortlaut sich dann der Musik hinzugeben ist gar nicht leicht, zudem auch Bruckners Dritte Symphonie, selbst in ihrer dritten Fassung, kein Werk für leichtes Hineinschlüpfen ist. Zwischen den mächtigen Bläserblöcken (sehr beeindruckend die Hörner), zarter Streichermeditation (so wunderbar samtig) und fröhlichen ländlerisch-volksnahen Weisen schweifen die Gedanken ab, der Blick bleibt an der zentral sitzenden jungen Cellistin hängen, die mit strahlender und lächelnder Energie fast ständig zum ihr frontal davor, ja darüber stehenden Gustav Kuhn blickt und in ihrem hingebend leidenschaftlichen Spiel fast nie in die Noten blicken muss. Auf der Seite der zweiten Geigen sind bemerkenswert viele schöne Frauenbeine zu sehen, dort tragen die Mädchen mehr Röcke, die nackten Füße sind in zarte hochhackige Sandalen gesteckt.

Beim Frühstück erfahre ich, dass über verschlungene Wege Karten für Bruckners Siebte mit Harnoncourt in Salzburg errungen wurden; vor drei Tagen erst hat das Scherzo die Landschaft, die ich gerade durchfuhr, auf so unwiderlegbar überzeugende Weise zum Klingen gebracht, wie es in einem Konzertsaal nie geschieht.

Montag, 18. Juni 2007

Move him into the Sun

Als ich vorgestern im Sonnenlicht von den Abhängen des Manhartsberges in die heiße Stadt fiel, war Dunkelheit, Kühle, gar Schauder nicht im Bereich meiner Vorstellungskraft. Doch die Aufführung von Brittens War Requiem brachte dies und noch viel mehr. Ich war unvorbereitet, kannte den zusätzlichen, von Britten verarbeiteten Text nicht: die Verszeilen des englichen Lyrikers Wilfred Owen, der mit 25 Jahren 1918 gefallen war und die mit ihrer verdichteten Form so viel eindrücklicher Kriegsschrecken vermitteln als lange Plädoyers, erfahren durch die musikalische Ausgestaltung Britten s eine ins Unheimliche, wahrlich Erschütternde gehende Ausgestaltung: Tenor- und Baritonsolo, Kammerorchester. Ian Bostridge und Christian Gerhaher transportierten die Inhalte auf so eindringliche Art, dass am Schluss nur mehr Tränen blieben.

Die Abraham-Isaak-Passage, die erstes Schmerzempfinden brachte: But the old man would not so/but slew his son/and half the seed of Europe/one by one. Die beiden Sänger nahmen mich mit ihren Blicken und ihrer Stimme bei der Hand, führten mich vor die unvorstellbare Szenerie des Schlachtens: I am the enemy you killed, my friend/I knew you in this dark; for so you frowned/yesterday through me as you jabbed and killed.

Beim abschließenden gemeinsamen Let us sleep now ... konnte auch Ian Bostridge seine Berührung nicht mehr verbergen, mit Tränen nahm der den nach lang anhaltender Stille langsam aufbrausenden Applaus entgegen.

Jeder - so dachte ich da - der auch nur im Geheimen einen Krieg anzudenken wagte, müsse mit diesen Männerstimmen und diesem Text und diesem Kammerorchester eingeschlossen werden und so lange hören, bis er fühlt. Und versteht.

Die gleißende Sonne, in die wir uns dann bewegten, schien härter als zuvor; weich und wohlig wärmend aber war die Liebe der Freunde, die mich danach umfing.

Dienstag, 3. April 2007

Requiem

Samstag, Musikverein, Ein deutsches Requiem von Brahms. Wiener Philharmoniker und der Schönberg-Chor - zwei der besten Klangkörper Österreichs im überwältigenden Miteinander. Dazu eine Stimmung von aktuellem Tod und künftigem, greifbarer gewordenem Vergehen: bei den hämmernden Versen des zweiten Satzes, Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, diesem eindringlichen Trauermarsch, spätestens hier beginnt eine Auflösung alles in dieser Woche Aufgestauten, ein sich in Mahnung und Trost Begeben; dazu bedarf es keiner christlichen Religiosität, nur eines Annehmens: das ist Sein.

Samstag, 24. März 2007

Thielemann in Ereignispose

Gestern im Wiener Musikverein: die Wiener Philharmoniker mit Bruckners Achter Symphonie. Nach einem fulminanten Vierten Satz erstarrte Christian Thielemann skulpturgleich, verharrte in einer Pose wie von Rodin gemeißelt: Oberkörper nach vorne gebeugt, Kopf gesenkt, die rechte Hand zur Faust geballt, als hielte er darin noch alles, was zuvor gewesen, fest. Und blieb, als wolle er ein paar ungezügelte Zu-Früh-Klatscher strafen, darin um noch einige endlose Sekunden länger, ehe er mit seinem Aufrichten den ungezügelten Applaus und Begeisterungsrufe auslöste. Der Dirigent als Ereignis.

Doch abgesehen von dieser Selbstinszenierung, die am Rande des Erträglichen schillerte, bescherte er mit diesem zuvor in Amsterdam und Berlin schon heftigst applaudierten Konzert nun auch in Wien ein intensives, streckenweise schier unfassbares Klangerlebnis. Im Adagio war ich mir immer wieder sicher, so Schönes noch nie gehört zu haben, die Ergriffenheit war rundum fassbar, und ich bin voller Dankbarkeit, dieses Erlebnis geteilt haben zu können.

Die (Klang)Größe des Orchesters lässt sich mit nichts anderem als Superlativen mitteilen; über die Anstrengungen der langsamen Tempi und der Intensität, die der Dirigent abverlangt, kann ich nur mutmaßen.

Als uns, viel später irgendwann, die Worte wieder kamen, ging der Hirsch auf die Suche nach einer Instanz, der er seine Dankbarkeit über das Erlebte mitteilen könne. Doch abgelenkt von einer Flasche Schrammler und einem exzellenten Branzino al Cartoccio blieb nur ein begonnener Satz über die europäische Musik als abendländische Form von Meditation zur Erfahrung des Seienden im Raum hängen. Das innerlich vorhandene Dankesbedürfnis, gerichtet an etwas, das über eine mütterliche Instanz hinausgehen müsste, sei so groß, dass es von einem Menschen, der versuche, dies aufzunehmen, wohl gar nicht erfasst werden könne. Ein solches Bedürfnis war den Hirschen gestern mit großer Vehemenz überkommen und damit der Wunsch, dies "irgendwo" aufgehoben zu wissen.


Nachtrag des Hirschen:
Zusätzlich zum eigentlichen, durch die Musik evozierten Musikempfinden, das für sich alleine schon für große Dankbarkeit gut ist, ist es noch der Umstand, solches gemeinsam mit Alma erlebt haben zu können, auch wenn nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Empfindungen jeweils dieselben seien. Aber doch ist die Dankbarkeit durch das Gemeinsame über alle Maßen gesteigert.

Samstag, 17. Februar 2007

Ein von Musik geschüttelter Körper

Das endgültige Programm des Konzertes der Wiener Philharmoniker am Donnerstag dieser Woche stand erst zu Wochenbeginn endgültig fest: ursprünglich sollte Daniel Barenboim erst Schuberts Fünfte, dann Bruckners Siebte Symphonie dirigieren. Die erste Programmänderung kam vor etwa zwei Wochen: nicht Bruckner, sondern Wagner, Orchesterstücke aus den Opern. Und dann mit Wochenbeginn: Boulez, nicht Barenboim. Kein Schubert, dafür Bartók. Und doch Bruckner. Der Hirsch war glückselig.

Die "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" von Bela Bartók hörte ich zum ersten Mal. Ziemlich viel mitreissende Lebensfreude. Ich hatte den Cellisten Franz Bartolomey direkt im Blickfeld - ihm im zweiten Satz zuzusehen, wie er verschmitzt lachte, mit den Augen blitzte, eine Fröhlichkeit hinausstrahlte, sich wiegte und bewegte: das verstärkte noch das eigene Empfinden.

Im Adagio ergriff mich dann unvermittelt Rührung, ganz ungewohnt bei einem Stück, das ich nicht kenne. Es schien mir, als griffe etwas in dieser Komposition direkt auf mich zu, verflüssigte sich in den Gliedmaßen und drängte über den Hals in die Augenhöhlen. Ich war erstaunt - und glücklich.

Und dann Bruckners Siebte. Ein Stück, bei dem ich vorher schon weiß, was geschehen wird. Wo dieses "Ergriffensein", also dieser Zugriff der Musik nie ausbleibt. Allerdings ist da, im Unterschied zu Bartók, die persönliche Historie mit im Spiel. Es sind Erinnerungen an Gefühle, an sehr zwiespältige Gefühle, verschüttete "Erfahrungen" aus der Jugendzeit, die sich mit der Kraft der Musik verbunden haben. Erfahrungen, die erst in den letzten Jahren aus dem Eis der Abwehr herausgetaut sind.

Doch dieses bisschen an Tränen, das sich da jedes Mal staut, ist nur eine kleine sentimentale Regung im Vergleich zu dem, was ich bei der unmittelbar vor mir sitzenden Person wahrnehmen konnte. Ein schmächtiger Mann, Asiate, ich sah ihn nur von hinten, hätte im Nachhinein nicht sagen können, ob Japan oder doch eher eine südlichere Herkunft, in einem bescheidenen braunen Tweedsakko drückte er sich die ganze Symphonie über ganz nah an die Säule zu seiner Linken, sah kein einziges Mal auf die Bühne. Aber er h ö r t e. Er hörte offenbar mit einer solchen Intensität und Offenheit, dass er von der Musik ganz durchdrungen wurde, der zarte Körper begann immer mehr zu beben. Ich konnte von hinten nur das Zucken der Schultern sehen, das immer wieder, vor allem bei ganz filigranen Stellen, in ein unverhohlenes Schütteln überging. Wie mir der Hirsch danach sagte, sei auch das Gesicht tränenüberströmt gewesen.

Und Pierre Boulez? Ich empfand ihn als wunderbar bescheidenen Dirigenten. In seiner trockenen Art benötigt er keine großen Gesten, die überwältigenden Steigerungen münden geradezu mühelos im unnachahmlich weichen Piano. Ich könnte mich ebenso vertrauensvoll in seine Hände begeben, wie es die Philharmoniker offenbar taten. Denn sie klangen - überwältigend.

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walhalladada - 2008-05-12 12:15

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