so ist das leben

Samstag, 5. April 2008

schreie und flüstern

Am Makartplatz blühen die Magnolien beharrlich gegen den kalten Schneehauch der letzten Tage. Jene, denen das Leben auf der Straße nicht seltsamer erscheint als uns das in den Häusern und Wohnungen, schlüpfen wieder in die Wärme der öffentlichen Toilette unter den Bahngeleisen, aus der sie unzeitige Frühlingsluft schon vor Wochen hinausgetrieben hatte.

In den ersten verführerischen Sonnenstrahlen, als zaghaftes Vogelgezwitscher an einen bereits gebannten Winter glauben ließ, war gar trauliches Geflüster zu beobachten gewesen, schiefes Lächeln aus kleinen Augen, der Mann und die Frau, die immer beieinander stehen, sie nie ohne Tetrapack mit Wein (Niederösterreicher, nicht Süditaliener), er immer mit beschwörendem Redefluss. Bisweilen saßen sie gar auf der steinernen Bank, als hätten sie nichts anderes als Lenz.

Doch es gab auch andere Tage, dunkle Tage, da lag sie am kalten, dreckigen Fliesenboden der Herrentoilette, die Tür so weit offen, dass der Blick hineinfallen musste, und schrie Unverständliches, umringt vom Gebrabbel von Männern, alt oder doch nicht, zottelig, schmutzig, verwahrlost, verfallen, und trunken, ein wüstes Szenario, die Unwürdigkeit schmerzt selbst im eilenden Blick.

Nahezu täglich halt ich Ausschau nach dem Paar ohne Bleibe, seh, wie ihr gedunsenes Gesicht sich zum Lächeln verzieht, er sich in schwankender Neigung beharrlich erklärt (oder ist's die Welt, die er meint?) und bin froh, wenn ich's flüstern hör und nicht schreien.

Dienstag, 1. April 2008

Freie Ferse

Während ich mich noch immer nicht entscheiden kann, ob mir die Buckelpiste unterm Kriegerhorn, klassisch zu befahren, lieber ist oder aber die weiten Carving-Schwünge über den sanften Hang der Weibermahd, sehe ich eine junge Frau in eigenwilliger Kniebeuge-Haltung über den Hang gleiten: Telemarken, sagt der Hirsch lächelnd, nichts als das Wiederaufleben einer alten Technik! Ich bin fasziniert von der schwerelos und tänzerisch anmutenden Bewegungsart auf Schnee.

schneehang

Der Schnee, ja: aus der Schneebeschaffenheit kann auf Hangausrichtung, Dauer und Grad der Sonneneinstrahlung geschlossen werden, das erinnert mich an Wein.

Freitag, 28. März 2008

Schlaf

Das tägliche Defizit summiert sich, gräbt sich tief ein um die Augen.
Den Kater lässt das kalt, er springt um halb vier Uhr morgens ungerührt an die Türklinke, schleicht sich ins Zimmer, um meine nächtliche Aufmerksamkeit zu erzwingen. Während ich mich schlaflos wälze, streunt er fröhlich durch die nasse Nacht.

Freitag, 22. Februar 2008

Tanz 2: Muttersöhnchen

Einziger gesellschaftsrelevanter Ball in der Kleinstadt. Am Saalentrée, im makellosen Smoking, der Morgenreisende mit dem Knackarsch. In seiner Begleitung: nein, kein ähnlich eleganter junger Mann, wie ich möglicherweise hätte erwarten mögen, sondern: Mutter! Überblond, aufgedonnert, grell, lippengepolstert. Und der Sohn wird vom hinreichend interessanten Mitreisenden auf einmal zum pummeligen Knaben mit Brille und Zahnspange, der von der Mutter im Leopardenmantel oder im Tigerkostüm mit festem Handgriff zur Schule gebracht worden war, vereinnahmtes Muttersöhnchen, Mitschüler der ältesten Tochter. Seit diesem Tanzabend, an dem er der Mama (und Ex-Frisörin mit Stadtruf) nicht von der Seite wich, ist es mir nicht mehr möglich, am Bahnhof den jungen Mann mit Eigenlebenversuch, sonden den Buben mit verzweifeltem Blick und Zahnspangenlächeln. Womöglich lispelt er. Ach und mir fällt auch Almodovar ein.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Tanz 1: Im Botox-Land

La Serenissima strahlt gewissenhaft in der matten Februarsonne, als sich eine junge Frau anschickt, ihrem Kleinmädchentraum wahrzumachen und damit auch ein Versprechen an die Großmutter einzulösen: Nozze a Venezia.

Multikulturell, finanzweltlastig und erlesenen Namens die Gästeschar, kunterbunt in Stilfragen wie Zugehörigkeiten. Jede Menge Vogue, wenig Individualität, viel Laufsteg auf der jugendlichen Seite, Model-Figuren überragen ihre Wallstreet-Begleiter. Und sonst: Fabelhafte Schuh-Show, erbarmungswürdige Demaskierungen durch Missgriffe in die Designerkiste, der Reichtum manchen Mannes am erstarrten Antlitz der Begleiterin abzulesen, und eine unglaubliche Nebenbühne die Londoner Botox-Fraktion am Nebentisch.

Über allem schwebend, sich an Säulen rankend, über Treppen fließend und die Tische in Farb- und Duftrausch hüllend: die Blumeninszenzierung im Teatro, Kunst aus Echtem inmitten von Überhang an künstlichem Theater.

Inmitten all dessen ein Grüppchen Freunde, von sechs zur glorreichen sieben angewachsen; der Beweggrund für die Anwesenheit ist hier kurz wie treffend genannt. Sieben, das ist auch wesentliche Zahl in der Zeremonie, die Anlass gab für all das grandiose Drumherum, das goldene Theater zum Sakralraum gemacht

teatro

durch die blumenumkränzte Chupah, Wiener Musik und jüdische Riten, Minuten der Ehrfurcht inmitten von Stunden der Show.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Zusammengeklappt

Wie lebt ein Mensch, der zusammengeklappt durchs Leben gehen muss?

Soeben hielt ich am Zebrastreifen, eine junge Frau, in der Hüfte zusammengelegt, die Beine geradeaus gestreckt, der Oberkörper auf den Oberschenkeln, so in den Rollstuhl gezurrt, die Hände an den Rädern, den Kopf in den Nacken geworfen, um zu sehen, wo es langgeht, überquerte die Straße.

Mittwoch, 16. Januar 2008

Der Schnorrer

Vorsicht, ein Schnorrer! flüstert die Kollegin, derweilen der Mann durch die Regale im Oberstock schleicht, ich hab ihn erwischt, im alten Geschäft, als ich etwas aus dem Kühlraum holen wollte und die Tür öffnete, saß er drin und hat gegessen! Und als ich noch ungläubig eine solche Situation mir vorzustellen versuche, setzt sie nach: Und ein anderes Mal, da wollte ich was aus dem Lager holen, da war er auch drin und hat in den Regalen gekramt. Aber vor dem Geschäftsführer alles abgestritten!

Ich beobachte den schmächtigen Mann, Brille, Pulli, Sakko, Ende Dreissig, oben unauffällig, aber unten eine um gut 10 cm zu kurze Hose an (falsche Größe geschnorrt? kann ich mir nicht verkneifen zu denken), und in dem Augenblick greift er sich zwei Weinzeitschriften. Die sind zu bezahlen! rufen die Kolleginnen unisono nach, Was? kontert er, in den Hotels liegen die massenweise auf! - Mag schon sein, diese Tourismus-Promotion-Journale, aber das hier sind aktuelle Weinzeitschriften, die sind überall zu bezahlen! - Nein, in den Hotels nicht beharrt er und klammert sich an die Hefte, dann gehen Sie doch in die Hotels! platzt mir der Kragen, indigniert legt der Mann die Zeitschriften zurück, ja murmelt er, bleibt noch kurz bei den aufgelegten Tageszeitungen an der Bar hängen, und geht ab.

Journalist sei er, gerüchteweise, sagt die Kollegin noch, das trifft mich in meiner Teilzeitehre, aber dass da einer im kalten Kühlraum hockt und vor sich hin isst, das bedarf schon besonderer Chuzpe, bleibt als Bild der traurigen Lächerlichkeit hängen..

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Beiträge zu meiner real virtuality

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steppenhund - 2008-05-12 20:23
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walhalladada - 2008-05-12 12:15

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