tage

Sonntag, 30. März 2008

Nacht, verkürzt.

Die mutwillige Verkürzung der Nacht durch menschliche Willkür ist nicht ohne Spannung, will doch der Frühzug ins Hochgebirge erreicht werden: nicht mehr klar erinnerbar ist, ob sich das Handy von selbst an die gemachte Zeit anpasst und damit der Wecker stimmt. Auch wenn die späte Heimkunft der Tochter (Mei, mia ham a Stund aufs Taxi wartn miassn) die Korrektheit der Zeitannahme bestätigt (Bei mia wor's erscht zwanzg vua viare) und das sternklare Nachtdunkel auf noch allzu nächtliche Stunde schließen ließ, verschaffte erst die vertraute OE1-Stimme Gewissheit: eine Stunde blieb noch für kurzen Zusatzschlaf.

In dem schlich die alte Nachbarin aus viel früheren Jahren in einem zerschlissenen Kittel, mühsam an einem Stock gehalten, aber mit einem Glas voller Wein wirr ums Haus, jenes Haus, das ich schon lang nicht mehr bewohne, das sich aber immer wieder in meine Träume schleicht. Aus dem Stiegenhaus öffnen sich nicht existente Räume, fremde Bewohner sind hier (es ist immer noch Nacht) zugange, ein junger Handwerker schleicht durch mein offenes Schlafzimmer, ein Spielzeugtierchen kehrt wieder, doch plötzlich hängt ein ausgewachsener Ratz festgebissen an meiner Hand.

Die Tochter und ich, wir wollen doch nach Lech, aber wie machen wir das mit der Wohnung, das Jahr Wohnrecht ist um, wie sollen wir da in aller Eile alles verpacken, muss ich zu meiner Mutter ziehen? Aber vielleicht können wir ja bleiben, ist ja nur die alte Frau im Haus, ach und das Kind, sie muss doch morgen früh zur Schule, gibt es einen Frühzug herunter vom Berg? Aus der Kompliziertheit dieser Fragen holt mich dann tatsächlich der Wecker.

Frühmorgenlicht und Vogelgezwitscher.

Samstag, 29. März 2008

Donau schwimmen

Heute früh schwamm ich in der Donau.

Es war ein zartlichter Morgen, ein feines Sonnenlicht war hinter dem diesigen Vorhang aus warmen Nebeln zu erahnen, blasses Blau und Apricot bestimmten den Ton dieses Tages. Ich tauchte nackt ins Wasser, in den Händen ein kleines Spielzeugtierchen, das - gut aufgezogen - vor sich hin vibrierte und mich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit mit sich zog. So musste ich selbst nichts zum Fortkommen tun, wurde dahingezogen, sah Ufer längs des sich glatt und klar ausbreitenden Flusses, die teilweise bewachsen waren von Gesträuch und Wiese hinter sandigem Ufer, zum Teil aber dicht bebaut mit Mauern, seltsamen Gebäuden, dann wieder Hafenanlagen. Immer wieder kamen im Dunst Schiffe entgegen, kleine Kähne und große meerestaugliche Gefährte, das Tierchen in meinen Händen aber manövierte mich geschickt zwischendurch, ich sah, wie das Wasser sich immer mehr weitete, gegen Norden geradezu meerhaft sich dehnte.

Irgendwo entstieg ich dem Strom, da war eine Inselzunge, Buchten aus Plastik und Beton, wie eine futuristische Strandanlage, ein paar einzelne Menschen, und dann sah ich erst mit dem immer klarer werdenden Licht, dass überall Schnee lag, ja, es war Schnee, auch wenn er wie weißer Sand aussah. Mich fror aber nicht, ich wollte wieder ins Wasser, zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war, aber nun hatte ich die Strömung gegen mich, das Tierchen war nicht mehr da, das milchige Licht wich klaren Farben und scharfen Konturen, Hafen- und Industriegebäude lagen in einem rötlichen Abendlicht vor intensiv blauem Himmel, und auf einmal war nur mehr ein einzelner leuchtend oranger Schein am fast schwarzen Horizont, ich wusste, es war Zeit, heimzukehren, und so wachte ich auf.

Diesmal waren es die Morgenglocken von Salzburg, die mich zu viel zu früher Stunde aus dem Schlaf geholt hatten.

Donnerstag, 2. August 2007

Der Taxifahrer ...

... der vergangenen Nacht war so schwungvoll, allein schon sein "Passt"auf das Nennen meiner Adresse war von ungewohnter Emphase getragen. Dann erzählte er plötzlich, dass er Kuhn nicht so toll fände, dass er in Erl einmal einen enttäuschenden Zarathustra gehört hätte, dass ihm die Selbstherrlichkeit des Dirigenten nicht angenehm sei, er höre sich manchmal Proben an; als ich von der doch sehr persönlichkeitsentblößenden Probenarbeit zur 2. Mahler erzählte, die ich als Mitsängerin vor Jahren erlebt hatte, schoss gleich ein "Aha, die Symphonie der Tausend" aus ihm heraus, dass ist zwar um 6 Nummern daneben, aber was soll's, offenbar ist ihm auch die Achte ein Begriff, er dachte wohl einfach an die Chöre, und dass er zu Symphoniekonzerten lieber nach Innsbruck fahre; ganz abgesehen davon triebe es ihn sowieso gerne nach Saalfelden zu den Jazztagen. Das alles hatte auf 3 km Taxifahrt Platz.

Donnerstag, 9. November 2006

Herbstfrühling

Es war nun schon der vierte Tag gewesen, da ich im vierten Stock des Seminargebäudes gesessen hatte, den Blick vom Bildschirm immer wieder nach der Nordkette richtend, welche bis gestern mit tadellosem Weiß gegen ein spätes Blau gestrahlt hatte. Heute aber sanken nach und nach die nassen Wolken nieder, eine milde Sonne schickte noch einen satten Regenbogen über die Türme und Dächer der Stadt, der Regen aber mochte sich nicht mehr halten.

Ich hatte die Gastfreundschaft einer Freundin, der Malerin angenommen, um einmal nicht die nervöse Autofahrt mit der früheren Kollegin unternehmen zu müssen, auf einer Autobahn mit zu vielen Baustellen, zu viel Verkehr und einem Tempo 100, das bei allem Verständnis für notwendige Maßnahmen sich ins Gegenteil des Gewünschten zu verkehren scheint: da fließt nichts mehr, es herrscht ein stetes Abbremsen und Beschleunigen, und die mit der Beamtenmentalität und knapp unter 100 wollen partout nicht von der Überholspur weichen.

Dank dieser Freundin also spazierte ich gestern in der beginnenden Dämmerung durch die Stadt, ein starkes Abendrot lag noch über dem Tal, und die Luft roch nach einer Erinnerung an Frühling, so wie Frühling damals roch, als ich mit 17 abends noch hinauswollte und die Amseln schon schlugen, der Winter aber noch lange nicht gegangen war. Diese Empfindung kehrte auch heute morgen wieder, hatten wir denn nicht vor ein paar Tagen schon Schneeluft in der Nase gehabt? So ging ich durch neue Straßen, an fremden Bürgerhäusern vorbei, denen die Bürger abhanden gekommen waren, im milchigen Morgenlicht waren es nicht Luster und Kandelaber, die durch die hohen Scheiben leuchteten, sondern unerbittliche Büroleuchten, die den Fassaden eine traurige Gegenwart geben. Hinter dem Klinikum, das sich wie eine Krake in die ganze umliegende Gegend zu verteilen schien, lag, von einer hohen trockenen Mauer abgeschirmt, der Westfriedhof wie ein geträumter Ort der Ruhe.



Als ich in der Wohnstadt aus dem Zug stieg, schien es noch wärmer als morgens, es fiel dichter Regen, und mein rotes Mäntelchen roch, als ich daheim ankam, wollnass. Der Regen aber war weich gewesen.

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