Der Gesang der Geister
Geister haben mich heimgesucht, ungebeten, hinterrücks über Nacht. Die lautesten unter ihnen waren jene der Angst, tanzten mir allesamt auf der Nase herum, bis Schuberts tieftönender Gesang der Geister über den Wassern sie erst durchs Festspielhaus wirbelte und dann durch Harnoncourt und Bruckners Siebte endgültig gebannt waren.
***
Als wir nach Mitternacht ins Hotel zurückkehren (jenes mit Salzburg und seinen Festspielen so untrennbar verbundene Haus, zu dieser Zeit ein einziges Theater für sich, in dem die Hirsche auf Handtüchern und Pölstern, auf Tellern und Tassen springen und geweihweise die geduckten Räume zieren), liegt eine Ausgabe der Salzburger Nachrichten bereit. Eine Kollegin schreibt über jenen alpingastrosophischen Event, den ich mir auch, mehr privat, gegönnt hatte. Die Bilder sind gut, von Bildern lebt die Zeitung, der Text ist – nun, er genügt wohl, wer will sich denn noch auf erzählendes Wort einlassen, um daraus eigene Bilder entstehen zu lassen? Eine der vielen Überlegungen der letzten Tage ist wieder da: wie wichtig ist mir diese Egobefriedigung pur, die in den letzten Monaten so herrliche Blüten getrieben hat, wirklich? Da und dort und hin und wieder auch den eigenen Namen lesen zu können, über einem Text, der Text sein darf?
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Wir sind wegen Harnoncourt in die Stadt gekommen, und jetzt lastete die zu fällende Entscheidung über den Tagen. Alles war zurechtgelegt, die veränderten Strukturen, die Aufgaben, ja auch der tägliche Reiseweg, alles war schon geordnet gewesen, auch was mir an Zeit bliebe für den Geliebten und die Kinder, und wie ich noch welche für mich finden könne. Vorgestern noch, den Chiemsee passierend, aus den Bergen in die plötzliche Weite fallend, schien alles so klar und überzeugend; doch dann hatte ich die verwinkelten Räume in der Stadt vor mir, und vor allem jene eine Stelle bei den Stufen legte sich allmählich, in den Nachtstunden daherschleichend, mit ihrer Enge aufs Gemüt und ließ mir jene Angst, die ich ausgetrickst hatte, wieder aufstehen.
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So aus dem Nichts auftauchend habe ich die Siebte Symphonie von Bruckner noch nie gehört. Selbst ganz oben, in den Rängen des Festspielhauses, war jeder hingehauchte Ton zu hören, atemlose Stille rundum, da bin ich auch dem Publikum dankbar für diese Konzentration. Es war ein großer Wunsch von mir gewesen, einmal Harnoncourt live zu hören, schwierig war es gewesen, überhaupt noch Karten zu bekommen; alles Drumherum war arrangiert und – was zunächst nicht selbstverständlich war – gelungen; da saß ich aber nun mit dieser unerwarteten Trübnis statt reiner Freude und wollte doch ihm, der dies alles ermöglicht hatte und dem das gemeinsame Hören und Erleben zu einer solch großen Wichtigkeit geworden war, nichts davon allzu sehr spüren lassen, ihm die Freude nicht nehmen. Harnoncourt ließ kein falsches Pathos aufkommen. Setzte die Themen und Motive ganz klar hin, nichts verschwamm im trügerischen Schmelz und Saft, so luzide, dachte ich, und immer wieder dieses Auflaufenlassen, wo eine Erwartung ist und ein Anderes kommt, das aber gut ist.
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Mit dem Herausschälen und Entkernen fielen auch mir nach und nach die Mahre der Nacht ab, die nicht einmal ein Gesicht hatten, Alben, die auch im gleißenden Sonnenlicht drücken wollten. Ich tauchte ein in Bruckner und auf erst wieder daheim, im Sommerdaheim des Hirschen, das ich mir nimmer wegzudenken vermag aus meinem Leben. Ein Schatten ist geblieben von diesen zwei Tagen, der wird mich begleiten, aber es ist gut zu wissen, dass er da ist, er hält die zu hohen Erwartungen, die ich auch immer an mich selbst habe, ein wenig in Zaum.
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Als wir nach Mitternacht ins Hotel zurückkehren (jenes mit Salzburg und seinen Festspielen so untrennbar verbundene Haus, zu dieser Zeit ein einziges Theater für sich, in dem die Hirsche auf Handtüchern und Pölstern, auf Tellern und Tassen springen und geweihweise die geduckten Räume zieren), liegt eine Ausgabe der Salzburger Nachrichten bereit. Eine Kollegin schreibt über jenen alpingastrosophischen Event, den ich mir auch, mehr privat, gegönnt hatte. Die Bilder sind gut, von Bildern lebt die Zeitung, der Text ist – nun, er genügt wohl, wer will sich denn noch auf erzählendes Wort einlassen, um daraus eigene Bilder entstehen zu lassen? Eine der vielen Überlegungen der letzten Tage ist wieder da: wie wichtig ist mir diese Egobefriedigung pur, die in den letzten Monaten so herrliche Blüten getrieben hat, wirklich? Da und dort und hin und wieder auch den eigenen Namen lesen zu können, über einem Text, der Text sein darf?
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Wir sind wegen Harnoncourt in die Stadt gekommen, und jetzt lastete die zu fällende Entscheidung über den Tagen. Alles war zurechtgelegt, die veränderten Strukturen, die Aufgaben, ja auch der tägliche Reiseweg, alles war schon geordnet gewesen, auch was mir an Zeit bliebe für den Geliebten und die Kinder, und wie ich noch welche für mich finden könne. Vorgestern noch, den Chiemsee passierend, aus den Bergen in die plötzliche Weite fallend, schien alles so klar und überzeugend; doch dann hatte ich die verwinkelten Räume in der Stadt vor mir, und vor allem jene eine Stelle bei den Stufen legte sich allmählich, in den Nachtstunden daherschleichend, mit ihrer Enge aufs Gemüt und ließ mir jene Angst, die ich ausgetrickst hatte, wieder aufstehen.
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So aus dem Nichts auftauchend habe ich die Siebte Symphonie von Bruckner noch nie gehört. Selbst ganz oben, in den Rängen des Festspielhauses, war jeder hingehauchte Ton zu hören, atemlose Stille rundum, da bin ich auch dem Publikum dankbar für diese Konzentration. Es war ein großer Wunsch von mir gewesen, einmal Harnoncourt live zu hören, schwierig war es gewesen, überhaupt noch Karten zu bekommen; alles Drumherum war arrangiert und – was zunächst nicht selbstverständlich war – gelungen; da saß ich aber nun mit dieser unerwarteten Trübnis statt reiner Freude und wollte doch ihm, der dies alles ermöglicht hatte und dem das gemeinsame Hören und Erleben zu einer solch großen Wichtigkeit geworden war, nichts davon allzu sehr spüren lassen, ihm die Freude nicht nehmen. Harnoncourt ließ kein falsches Pathos aufkommen. Setzte die Themen und Motive ganz klar hin, nichts verschwamm im trügerischen Schmelz und Saft, so luzide, dachte ich, und immer wieder dieses Auflaufenlassen, wo eine Erwartung ist und ein Anderes kommt, das aber gut ist.
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Mit dem Herausschälen und Entkernen fielen auch mir nach und nach die Mahre der Nacht ab, die nicht einmal ein Gesicht hatten, Alben, die auch im gleißenden Sonnenlicht drücken wollten. Ich tauchte ein in Bruckner und auf erst wieder daheim, im Sommerdaheim des Hirschen, das ich mir nimmer wegzudenken vermag aus meinem Leben. Ein Schatten ist geblieben von diesen zwei Tagen, der wird mich begleiten, aber es ist gut zu wissen, dass er da ist, er hält die zu hohen Erwartungen, die ich auch immer an mich selbst habe, ein wenig in Zaum.
ConAlma - 2007-08-26 09:21