"Erschrick nicht", schrieb sie, und weiter: "Sorge dich nicht". Kein Anruf, auch kein sms, nur eine trockene Mail, spätabends, die andeutete, nicht aber aussprach. Eine Untersuchung hätte es gegeben, mit einem Verdacht, und eine genauere, mit einem Ergebnis. Erst heute die Details, mündlich, weil ich sie dazu zwang, hab sie vom Frisör abgeholt, "nein, warte nicht, es dauert noch"; sie schien zwischen Erleichterung und Abwehr zu schwanken, es sei ja nichts, sie spüre ja nichts, die Koordination zwischen Augen und Händen mache ihr mehr zu schaffen.
Selbst auf mein Drängen hin blieb sie wortkarg, in die Klinik sei sie dann halt gefahren, es wurde gleich eine Biopsie angeordnet, und ja, positiv, ja was denn nun? werfe ich ein, na positiv eben, sagt sie, ungehalten. Kein einziges Mal spricht sie aus, was sein könnte. Nur Oberfläche? Oder invasiv? Das Wort KREBS jedenfalls spricht sie nicht aus, ich bleibe im Ungewissen. So professionell waren sie dort, sagt sie nur, und damit die Stelle wiedergefunden werden könne, haben sie ihr einen Titanfaden in die Brust gelegt. Und weiter? frage ich ungeduldig. Das wird sie morgen mit der Hausärztin besprechen, wenn sie den Befund hat, aber für eine Behandlung will sie nicht immer so weit fahren müssen. Ich bringe dich! sage ich; nein, du stehst so früh auf, das ist nichts für mich, wehrt sie ab, das muss auch hier gehen, und sie steigt aus dem Auto aus, als sei nichts gewesen, keine Umarmung, kein Fallenlassen, nichts. Meine Mutter.
ConAlma - 2009-11-10 21:55
Wo waren Sie, als die Mauer fiel? hatte der Standard schon zum 3.Oktober hin gefragt, und die Antworten mehr und weniger prominenter Ossis, Wessis und Ösis waren, färbig unterlegt, über die ganze Wochenendausgabe verstreut. Was mich bei manchen Sätzen zumindest verwunderte (vielleicht zunächst auch erschreckte), was die bekundete Ferne zu dem, was vor 20 Jahren geschehen war, aus dem Munde von jenen, die zwar noch Kind , aber doch nah dran gewesen waren.
Ich selbst, ich war im November wieder daheim gewesen; im Mai zuvor aber in Berlin, eine Woche mit einer Freundin (die Kinder hatten wir in Obhut der Männer gelassen), und wir tauchten in eine lebendige West-Lokalszene (Wien war 1989 mit ein bisserl Bermudadreieck-Aufbäumen noch sehr in den diesbezüglichen Anfängen) ein ebenso wie in eine im distanzierten Blick fast mystisch-karge Leere (und gastronomische Dürftigkeit) des touristisch besuchbaren Osten. Am eindrucksvollsten für mich blieben die in Düsternis geschlossenen, zügig durchrasten U- bzw. S-Bahnstationen, die der Phantasie Nahrung gaben. Vielleicht wurde aufgrund jener Berlin-Ersterfahrung Cees Nootebooms
Allerseelen zu meinem Lieblingsbuch?
Jedenfalls waren mir Blick und Ohr geschärft nach dieser als Hausfrauen-Vergnügungs-Auszeittour angelegten Reise, und was in jenem Sommer in so unmittelbarer Nachbarschaft Wiens (Unizeit-70er-Jahr-Ausflüge nach Prag hatten auch diese Stadt in der Empfindung sehr nah wachsen lassen) geschah, war mehr als ein einfach irgendwo stattfindendes Geschehen - ich fühlte mich vielmehr inmitten von GESCHICHTE lebend.
OE1, mein verlässlicher Reisebegleiter, sendet (gerade noch) mit einem etwas weit her geholten Bezug zum Mauerfall (weil Brecht und Dreigroschenoper auch gesungen) ein Konzert von Marianne Faithful vom Sommer diesen Jahres - aber es sind so schöne
Songs dabei, dass sie für jede Gelegenheit passen.
ConAlma - 2009-11-09 20:18
Dr. Schein hat mir da was herübergeweht mit seinem
Laubgebläse, hat mir damit eine Traumgeschichte eingebrockt, die zunächst mit einem solch metallisch-phallischen Teil begann, das ich als Fön erklären wollte und mit dem ich dann doch durch den Herbstgarten spazierte, das Laub herumzuwirbeln. Durch jenen Garten, der schon lang nicht mehr mein ist, wo ich für sieben Jahre das glückliche Leben versuchte, und der immer wieder in meinen Träumen auftaucht mit einem stillen, dunklen Herbstgesicht. Aus solchen Träumen erwache ich immer mit einer Melancholie und etwas, das die Italiener
nostalgia nennen - eine verwehte Erinnerung und Sehnsucht, die wie Nebel hineinkriecht ins Gemüt.
Feine Musik für feucht-trübe Laubtage
da und
hier.
Grad gesehen: am 23. kann ich ihn im Treibhaus in Innsbruck hören!
ConAlma - 2009-11-07 19:45
Stürme der Begeisterung und solche der Entrüstung wehen gegeneinander, die große Tochter, die die Enge eines FH-Studiums kannte, genießt enthusiastisch ihre After-Work-Solidaritätsabende auf der Uni, und als gar Otto Brusatt als Ausklang seines morgendlichen Pasticcios den Studenten alles Gute für den fortlaufenden Tag und ihre Proteste wünscht, konstatierte ich einen Hauch von Rührung in mir. Und weiß die (Studien)Freiheit, die mir war (und wie sie Robert Menasse am Abend zuvor in einer verzweifelten Diskussion auf ATV auch aus der eigenen Erinnerung geholt hatte), noch mehr zu schätzen.
ConAlma - 2009-11-06 06:55
Zefix halleluja ... luja
sog i
Das Kreuz sei die Wurzel Europas höre ich in den religiösen fünf Minuten vor sieben, als Teil der Entrüstungs-Statements zum italienischen Entscheid des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Das Kruzifix als europäische Wurzel? Es wär ein Kreuz mit dem Kreuz, sollt es gesamteuropäische Wurzel sein - da könnten auch andere Wurzeln beansprucht werden! Aber das Kreuz hat nachhaltig seinen Stempel aufgedrückt.
Als
wine-addicted person freu ich mich über Kreuzfunde allenthalben, vor allem aber über Tiefwurzler, wenn sie dann endlich auf Flasche gefüllt sind und das, wo sie wurzeln, schmecken lassen.
P.S. Ein präsentes Kreuz hab ich nicht fotografiert: eine Art Herrgottswinkel (die ich als Teil des Volks-Kulturgutes durchaus schätze) im Gasthaus Nigl, das Kreuz gekrönt von einer - Lautsprecherbox!
ConAlma - 2009-11-04 22:11
22 stand geschrieben, also zähle ich auch 22.
Melancholischer Morgen, Abschied. Und Aufbruch: meine große Tochter zu treffen, bei ihr zu sein für eine Nacht.
Heute Abend werden wir Murmeltier essen, in der Katze.
ConAlma - 2009-11-03 08:34
Nebel und Reif. An den Zweigen kann man sehen, woher der Wind weht.
Morgen Früh werden die drei Wochen voll sein, drei mal sieben Tage, einundzwanzig mal Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Schlaf. Jeden Dienstag frische Bettwäsche (also auch heute ...), drei Mal die Woche frische Handtücher, alles nach Plan, nicht nach Bedarf. In der Versicherungsbestätigung aber stand zu lesen: 22 Tage. Danach wurde auch der Selbstbehalt berechnet - 22 mal sieben Euro. Wundersame Tagesvermehrung.
Alles, was heute noch geschah - die letzte Gymnastik, die letzte Fangopackung, die letzte Massage - war von leiser Melancholie durchzogen; das Nebelwetter half mit. Doch die Aufmerksamkeit ist schon auf das fokussiert, was künftig wieder zu tun ist.
Für morgen Früh ist Schneefall angesagt - mit Schnee bin ich eingezogen, mit Schnee zieh ich wieder aus.
Winterlied
ConAlma - 2009-11-02 16:43
Heute fuhr ich in die richtige Richtung, die Waldviertler Highlands strahlten unter blauem Himmel, während weiter nördlich und östlich der Nebel dicht hängen blieb. Skurrilitäten zuhauf auf der Strecke, westwärts ziehend,
oh show me!
Eine Alteisenshow der Sonderklasse fand ich dann in der Gegend von Lohn; die einzelnen Figuren tragen auch Namen, wie die
Verliebten Centauren:
Dabei wollt ich nur die bestellten
Mohnzelten abholen, im Gasthof Seidl in Pretrobruck. Aber ich bin dann auch gleich zum Essen geblieben; seit der Sohn kocht, sagte der Tiroler Freund im Waldviertler Exil, sei es nun durchaus beachtenswert. Feinstes Lammbeuscherl, und die Mohnzelten machen sie da nicht mit "Eapfitoag", sondern mit einem geschmeidigeren, saftigeren Sauerrahm-Mürbteig.
Um zwei begann sich der Nebel schon wieder zu senken, und nach und nach legte sich eine vorbildlich allerheilige Atmosphäre über die Landschaft.

ConAlma - 2009-11-01 19:16