Samstag, 31. Oktober 2009

Steillagen. Sohnsinn. Kurtag 19.

Vom Nebel in die Sonne tauchen wollte ich, doch weit gefehlt. Was da und dort im Hochland schon zu blinzeln begann, ward just ab Lichtenau wieder zum konstanten Trüb. Irgendwo hinter Albrechtsberg aber färbten die rostroten Buchen in den steilen Serpentinen das Gemüt, je tiefer ich gelangte, umso höher stieg der graue Himmel, und das Wegstück entlang der Krems war ohnehin ein einziges Herbstidyll. Und plötzlich waren da die ersten Weingärten - so schmal kann das Tal gar nicht sein, dass sich nicht eine kleine Steillage ausgeht.

In Senftenberg kehrte ich beim Nigl ein,

senftenberg

zu schmecken, was der neue Koch, der zuvor im mondäneren Kloster Und gewesen war, hier im sauberen Gasthausambiente so serviert. Doch statt ganz ruhig und für mich eine kleine fünfgängige Kursünde zu begehen, nahm just am Nebentisch das schlechte Gewissen in Person eines Weingutbesitzers Platz, dem ich noch einen Text schulde. Und so gab's statt Konzentration aufs Menü allerlei Wachauer Intimitäten zu belauschen.

Dem (An)Ruf eines Freundes folgend, fuhr ich statt wieder oben über die Dörfer unten über Krems durch die Wachau - wie ein Geschenk schien sie mir in diesem herbstlichen Kleid, deren Schönheit ich nicht nur seh, sondern auch versteh. Der Freund nahm mich mit, die mühseligen Trockenmauer-Arbeiten an einer Brache zu begutachten -

spitzer-graben

auf gut 400 m, hoch über dem Spitzer Graben, wird hier in steiler Südlage ein wunderbarer Rieslinggarten entstehen!

Als es Zeit wurde, zurückzukehren ins rigide Kurleben zum frühen Abendtisch, senkten sich die Nebel schon wieder auf Augenhöhe und verstärkten das frühe Dunkel. Zwei ganze Tage noch, dann ist auch dieses Interims-Daheim gewesen. Bist in der Stmk oder daheim? fragte ich via facebook den Sohn; dahoam in da stmk war seine Antwort. Und es sei ned essentiell, dassd kimmst, ließ er mich wissen - fürs Essentielle musste er die sonst konsequente Dialektschreibweise verlassen, das ließ mich schmunzeln.

Ich schau noch ein bisserl Rheingold auf 3sat, dann gönn ich mir essentiellen Schlaf.

Bauer sucht Frau. Wiesensfeld. Kurtag 18.

Dichter Nebel, Minusgrade. Ich liege auf dem Bauch, höchst unbequem den Kopf von einer Kinnrolle gestützt, auf Schulter- und Lendenwirbelsäule sind feuchte Schwämme gelegt, durch die der Strom wie Ameisengetrippel oder Brennnesselgefächel in die Haut dringt. Ich belausche das Gespräch in der Nebenkoje: ein junger Bauer, möglicherweise Mühlviertel, erzählt von seinen sportlichen Radtouren durch das hiesige Gelände, immer wieder bei Bauern hier anhaltend, über die Bedingungen, die sich so ähneln, sprechend. Zu wenig Ertrag für die Mühsal, die kleine Einheiten hervorzubringen imstande sind. Und: keine Frauen. Die jungen Bauern finden keine Frau mehr, die bereit sei, das karge Leben auf sich zu nehmen. Einer in seinem Dorf hat nun, mit 50, die Hoffnung aufgegeben, baut den Hof zu Appartments um, verpachtet die Felder. Dabei, sagt der in der Koje nebenan, sei es doch so ein gutes Leben, weil: zwei Wochen Urlaub gäbe es ja mittlerweile, wo er mit seiner Frau (ja, er hat eine) wegfahren könne; der Maschinenring kümmere sich indessen um alles. Und diese Selbstbestimmtheit - kein Fremder, Anderer bestimme, was zu tun sei. Dass das nicht gesen würde? Aber villeicht ändere sich ja etwas, jetzt, mit der Arbeitslosigkeit.

Als wäre es ein Stichwort gewesen, machen sich meine Gedanken selbständig, eine utopische Vision ersteht vor meinen Augen: Scharen von Männern und Frauen, aus Fabriken und Industrien entlassen, strömen ins Land, verdingen sich auf den einsame Höfen als Knechte und Mägde und entdecken in der Arbeit mit dem Boden und was darauf wächst einen neuen Sinn.

Gestern war es auch kalt gewesen, 3° - während daheim, beim Kind, beim Geliebten, der Herbst bei 15° freundlich ruht. Ich habe einen alten Freund besucht, der dabei ist, Tirol zu verlassen, sich ein Haus in jener Waldviertler Ortschaft baut, in der er seit 20 Jahren nicht nur im Sommer irgendwie schon daheim ist. "Die Bauern da san ma beim A... liaba ois de Provinzstädtler dahoam" sagt er, und: "Sterbm mechad i dort ned!" Ich kann's ihm nicht verdenken; als Zuagroaste hab ich ohnehin einen distanzierten Blick auf meine mehr Schlaf- als Wohnstadt, bleibe immer irgendwie Fremde. Es seien gerade die Menschen, diese Bauern hier, die ihm diese Entscheidung so leicht gemacht haben, und erst in zweiter Linie die Landschaft, der Ort selbst. Der Zusammenhalt, die Verständigung in diesem Dorf scheint exemplarisch zu sein, es gäbe keine Streitigkeiten wie zum Beispiel gleich in der Nachbarortschaft, wo sie sogar gegeneinander prozessieren; es gibt keine Ausgrenzung, es sei denn, einer betriebe sie selber. Und so hat er, der Grafiker und kunstaffine Mensch (daheim hat er lange Jahre eine Galerie geleitet), gemeinsam mit der Dorfchronisten sogar ein Buch über "sein Dorf" herausgebracht: jedes Haus mit seiner Geschichte und seinen jetzigen Bewohnern portraitiert. Das nächste Buch ist auch schon im Entstehen, eine Wanderung entlang des Kamp, durch die Jahreszeiten, und wird in der Bibliothek der Provinz erscheinen.

Auf dem Rückweg leuchtete in meinen Rücken das Abendrot, verlieh den Wäldern einen wie aus ihnen selbst kommenden Schein. Und bereits um 17 Uhr -1° in Traunstein. Die irische Folkband später am Abend, deren Auftritt im dortigen Kurhaus zu besuchen mich Tischnachbarn überredet hatten, war eine lächerlich-peinliche Demonstration an Delettantismus ohne musikantisches Fundament - vor allem beim selbstdarstellerischen Bandleader. Die junge Geigerin hingegen war gut ;-)

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Masse und Muße. Kurtag 17.

Das Kurhaus, das mir zugeteilt worden war, ist auch auf Diabetes spezialisiert. Damit steigt der Anteil an Gästen mit gewissen körperlichen Disproportionen beträchtlich. Es ist schon erstaunlich, zu welchen Auswüchsen ein menschlicher Körper geraten kann, wie sich Fett über Fett schichten und Haut sich ausdehnen kann. Das Auseinanderfließen mancher Leiber wird nur durch die Kleidung notdürftig verhindert. Eine Fettschürze, die fast bis zum Knie fällt, und ein Hals, dessen Umfang den meiner Oberschenkel bei weitem übersteigt, entstellt eine an sich noch junge Frau bis zur Monströsität; der kleine Sohn, der schon Anzeichen von Übergewicht erkennen lässt, und der neben seiner Frau geradezu dürr erscheindende Mann begleiten sie. Dank ihrer familiären Begleitung muss sie nicht im Speisesaal mit allen anderen essen, sondern hat einen Tisch im Hotelrestaurant-Bereich.

Einen solchen hat auch die Justizministerin, die allerdings körperlich wohlgeraten ist, nur auf eine Woche Auszeit ins Waldviertel kam. Und das ständige Erkannt- und Begrüßtwerden mit dem ihr eigenen strahlenden Lächeln quittiert.

Mir fehlen zum Glück eklatante Beschwerden, und so hat mein Aufenthalt hier eher den Charakter eines Urlaubs unter strenger Aufsicht. So streng, dass die Verspätung von 5 Minuten (im Ruheraum verträumt habend und noch dringend die Toilette aufsuchen müssend) beim Heilmoor den Termin verunmöglichte. Ersatzlos gestrichen, sogar ohne Verwarnung. Eine zusätzliche Mußestunde nun, in der ich die mitgebrachte Arbeit, wohlverstaut im Schränkchen, nicht mal mehr andenke: Kur ist Kur. Und mir höchstens den Kopf über diesen Satz zerbreche, den ich im Rahmen des Österreichbild-Schwerpunktes im wochenendlichen Standard gefunden habe:

Nie hätte ein Österreicher das Lineal erfinden können.
Jürgen Laederach

Ist das nicht ein bissl Widerspruch hierzu?

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Ameisen. Kurtag 16.

Die letzte Woche beginnt mit Wehwehchen. Bei der flotten Bauchattacke, bei der der junge Kärtner Therapeut, der zuvor 7 Jahre Unteroffizier gewesen ist, offenbar "vagesn hod", dass nicht alles mit Kraft machbar ist, muss ich meine Halswirbelsäule beleidigt haben - jedenfalls mag der Schmerz nicht aufhören, verteilt sich zudem über den ganzen Kopf. Im Liegen noch schlimmer. Blöd.

Das Reizklima des Hochlandes zeigt sich von seiner rauhen Seite; statt Sonnenschein wie sonst überall, bleiben die Wolken hartnäckig über uns hängen. Rauh mit h, denn dieses erst macht den scharfen Hauch deutlich. Dennoch am Vormittag eine große Runde durch den Wald gemacht, mit den neuen Stöcken. 5,7 km in 45 Minuten - den Beinen fehlt ja nix.

Der Wald war wunderbar still heute, einmal nur Krähengekrächze, sonst herrliche Ruhe. Wie verlassene Skulpturen stehen die vielen Ameisenhäufen unter und zwischen den Bäumen, auch in ihnen scheint schon Winterzeit zu herrschen.

Ameisen

Wo Ameisen sind, hat der junge Weninger einmal erklärt, als wir auf seiner famosen Ried Dürrau standen, sei der Boden besonders gut. Auch wenn hier heroben kein Wein mehr wächst.

Nicht nur Kopfschmerz: wenn ich das Zimmer betrete und die zweite Betthälfte leer sehe, ist da Herzschmerz.

Farben. Kurtage 13 - 15.

morgenrot

Der frühe Winter hat heroben auf dem Hochplateau alle Farbe aus Bäumen und Sträuchern gezogen; was nicht ohnehin grün bleiben darf, welkt in allen Braunschattierungen vor sich hin. Nur die Birnen leuchten blassgelb aus dem violettbraunen Laub ihrer Bäume. Doch entlang der kurvenreichen Straße die 630 Höhenmeter hinunter nach Spitz kehrt er langsam wieder, der bunte Herbst, rote und gelbe Blätter, die Vorgärten noch voller Blumenfülle, und am Bahnhof steht, rote Rosen im Arm, der Hirsch und leuchtet in Freude.

Der Sonntag erweist seinem Namen die Ehre, ein blauer Himmel spannt sich von morgens bis abends über uns, ich führe den Geliebten zu Lieblingsplätzen und Lieblingsblicken, um ihm mein Waldviertel schmackhaft zu machen. Vom Hochmoor bis zu den Kaprfenteichen von Stift Geras führt die Fahrt, und da, in Geras, finden wir auch einen verschollenen Kochfreund, der sich vom Westen in den Osten aufgemacht hat, um im Ruhigeren seine Künste zu entfalten. Und so ist nun, wo noch (zumindest im Internet) noch Wörther draufsteht, eigentlich Julius drin.

Am Montag dann wieder dunkle Wolken, Nebel, Regen. Aber mild und so wunderbar ruhig, dass die Runde durch das Waldviertler Hochland zu einer erholsamen Fahrt wird. Er hat angebissen, der Hirsch, nicht nur, weil hier Aussicht auf reiche Schwammerlernte besteht, sondern auch der Kurlturträchtigkeit wegen - für die vielen Burgen und Schlösser ist diesmal keine Zeit. Nächstes Jahr ist der Süden dran, doch in zwei Jahren, ja, da sollte es uns ins/aufs Urgestein ziehen. Und eine nicht gerade bescheidene, doch umwerfend stilvolle Unterkunft hiefür hätt ich auch schon entdeckt!

Die Himmelsleiter hatten wir natürlich auch bestiegen.

himmelsleiter


to heaven

Samstag, 24. Oktober 2009

Schmieren. Kurtag 12.

Nächtens wieder ausufernde Träume. Und so sehr ich den von fünf Uhr morgens zu memorieren versuchte, in der Fangopackung zu allzu früher Stunde löste er sich in der Hitze auf.

Die unterschiedlichen Anwendungen - Hitze eben, und dann wieder das Feuchte, Nasse, und dann noch der Schweiß der Anstrengung - all das macht der Haut zu schaffen, aber es ist genügend Zeit, sie zu pflegen. Und so wird geschmiert, mineralölfrei, versteht sich: Birke für Schenkel und Hüften, Wildrose und Granatapfel alternierend für Arme, Beine, Brust; die Füße bekommen eine Extraportion Erfrischung. Und um den Rücken, an den ich so schlecht rankomme, kümmert sich die Masseuse, mit Jojoba.

Das singt allerdings nicht so wie Yoyo Ma!


Der Hirsch kommt übers lange Wochenende in meine Kurklausur (wie das Eindringen in ein Nonnenkloster" scheine es ihm, schrieb er), und wir werden die verlängerte Nacht auf morgen nützen und eifrig schmieren, was in den letzten langen Tagen etwas eingerostet ward.

Freitag, 23. Oktober 2009

Wald. Schüsse. Grün. Kurtag 11.

Halbzeit. Mit einem milden, halbwegs sonnigen Tag kehrt auch die in Moorpackungen und, amphibisch unterwasserbesprudelt, in Wannen eingeschlafene Vitalität wieder. Zwischen Fango (sic!) und Yoga bleibt eine Stunde für den Wald. Von weitem schon höre ich Schüsse - Allentsteig ist aber ausreichend entfernt, das beruhigt. Vielleicht hüpfen ja ein paar überschüssige Hasen durch den Wald.

Nach den Schneetagen ist es überwältigend, so viel frisches Grün zu sehen: zwischen den hohen Stämmen überall Gras, scheinbar zart und doch aus festen, wenngleich schmalen Halmen bestehend, und vielfältige Moose, dazwischen noch Pilze zuhauf, vollgesogen von der Nässe, und in kleinen Tümpeln entlang der Forstwegfurchen hat sich eine frische grüne Oberfläche gebildet - sieht aus wie eine Kresseart, schmeckt nach wenig, aber scheint genießbar.

Auf der schnellen Runde komme ich zur Erkenntnis, dass meine billigen Hofer-Walking-Stöcke für meinen Ehrgeiz nicht ausreichen, ich werde nach professionelleren Ausschau halten. Schließlich hat mir Frau C. gezeigt, wie's richtig geht.



green day

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Brenner. Laut lesen. Kurtag 10.

Mit dem Brenner tu ich mir schwer. Also mit dem Stil, in dem Wolf Haas ihn zum Leben bringt. Beim ersten Versuch musste ich nach wenigen Seiten abbrechen. Ich hab's dann damit versucht, das war erfolgreicher. Aber weil halt die Freundin das Buch grad fertig gelesen hatte und weil der Brenner quasi wieder auferstanden ist, hab ich ihn halt mitgenommen. Wirklich flüssig geht mir die Lektüre nicht von der Hand - oder vom Mund? Vielleicht wäre laut lesen überhaupt die Lösung für diese Kunst-Sprech-Sprache, in der immer die Verben fehlen? Wobei - Ideen hat er ja schon, der Herr Haas, immer pikant, auch böse, allemal vergnüglich. Wenn man da zu zitieren anfinge! Und dann Wahres, also was ich aus eigener Erfahrung kenn:

"Weil genaus so wie das zu helle Licht für die Augen schädlich ist, ist auch das zu wache Hirn gar nicht gut für die Gedanken. Und in Wahrheit ist ein Halbschlafender einem Wachen immer haushoch überlegen, gar keine Diskussion. Dem Wachen stehen ja beim Denken viel zu viele Gedanken im Weg herum, dem Schlafenden aber flüstert es der liebe Gott direkt ins Hirn. Nur ganz schlafen darfst du eben nicht, sonst hörst du ihn womöglich nicht." Wie's mir eben geht, wenn ich im Moor lieg ...

Heut früh endlich ein Hauch von Sonne,

first-sun

doch am Nachmittag ist der Regen auch hier angekommen.

Messer Gabel Hirn

Natur verändern, um sie uns einzuverleiben.

messer-gabel-hirn


Bild aus diesem Buch.


>>> Bestellen!

-

Die große Stille. Kopf hören. Kurnacht 9.

Nachts herrscht die große Stille. Da ist nichts, was den Schlaf stören könnte, es sei denn, man hörte Wassertropfen, die von den Bäumen fallen, oder das kurze Aufkreischen zweier Katzen. Ich bin Geräusche gewöhnt, je nach Schlafort ist dies der Kühlschrank, die Klimaanlage unter mir, der Prediger der Moschee nebenan; Schritte im Stiegenhaus, Nachtschwärmer auf der Straße, Bauarbeiten frühmorgens ebendort; das Schnarchen des Geliebten, Waldvögel, die Schritte der Enkelin ober uns. Doch hier: nichts. Ich aber schlafe unruhig, wende mich kreuz und quer übers Bett, keine Himmelsrichtung, die mir tiefe Ruhe verschafft. Und dann liege ich plötzlich wach, richtig wach, und höre: meinen Kopf. Etwas darin. Kein richtiger Klang, sondern etwas, das sich nach fernes Maschinengeräusch anhört, obwohl es ganz nah ist, um mich. Wie das Geräusch einer Pumpe, im Rhythmus manchmal wie ein ____ ____ ____ , meist aber durchgängig, und der Ton, der keiner ist, hat doch eine Höhe, G fällt mir spontan ein, großes G muss es sein. Mir war so ein Geräusch im Kopf schon in der Nacht zuvor aufgefallen, da dachte ich, es käme davon,d ass ich so gern auf einer Seite liege, und durch den Druck des Ohres ... Aber nun merke ich, dass es immer da ist, auch wenn ich ganz ruhig auf dem Rücken liege, es geht nicht weg, erfüllt meine ganze Wahrnehmung.

Also mache ich Licht, setze mich auf, wenn ich schon nicht schlafen kann, so lese ich wenigstens. Der Ton geht nicht weg, ich lese und summe laut mit, G, G. Später dann, es ist fünf Uhr, will ich dem Körper noche twas Ruhe geben, ein unruhiger Schlaf wird es, ein komplexer, chaotischer Traum am Rande des Albs. Na ja, die Lektüre.

Der Wecker schreckt mich dennoch auf. Jetzt überlagern andere Geräusche meinen Kopfton, die Dusche nebenan, irgendwo fern am Gang eine Türe, ich suche meinen Ton, suche ihn auf der Geige, was ich aber von selbst in der Kehle hatte, war tiefer, ein E. Doch als ich mich zum Netbook setze, ist mein Kopfhören wieder da. Es ist ein G.

Fast sehne ich mich nach dem Atem des Geliebten neben mir.



Frühstück. Dehnen und Entspannen. Unterwassermassage. Fußpflege. Heilgymnastik Schulter: Vormittagsprogramm.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Himmel. Kopf und Unterleib. Kurtag 9.

Auch heute war vom Himmel nichts zu sehen. Kein Wald um sieben Uhr morgens, und um halb drei wehte der Wind die Nebelfetzen schon wieder ums Haus, verdichtete sich der Schleier bis zur Undurchdringlichkeit. Dabei sah es später am Morgen ganz hoffnungsvoll aus: das Schwimmbad gehörte mir allein, warme Stille. Ein zarter gelber Schimmer durchzog die Nebel, eine Ahnung von Sonne, die traurigen Astern bekamen wieder Farbe; scheinbar unbekümmert von allem grasten die Pferde am Feld. Ob man von der Himmelsleiter aus wohl weiter sehen könnte?

Ich lasse mich verpacken, liege auf heißen Fangoziegeln und werde fürsorglich in Tücher und Decken gehüllt. Als sich der junge Therapeut nach wenigen Minuten nach meinem Wohlergehen erkundigt, vermag ich nur noch zu lächeln, reden wär schon zu viel Aktivität. " treäumens eh ned vom Kurschatten?" ist seine Reaktion. Die Hitze wirkt, durchdringt den Leib, der Körper fühlt sich in seiner Entspannung losgelöst - nur Kopf, halbwegs in Kühle, und Unterleib, der Hitze ergeben, bleiben spürbar wach.

In den Pausen entpacke ich die Violine; viel zu lange war sie daheim im Eck gestanden, die Saiten sind zu stimmen. Das a tönt von selbst in mir, doch dann bedauere ich, nicht auch reine Übungsnoten mitgenommen zu haben; für op. 100 kämen mir Etüden zur 5. Lage entgegen, die hab ich bislang viel zu wenig gebraucht. Ich wage ohnehin nicht, allzu intensiv zu spielen, die Zimmer scheinen mir hellhörig, jedenfalls hallt meines wie ein Konzertsaal. Musik als Verbindung zum Himmel, fällt mir ein, und eine gewesene Liebe zu einem, der sich mit Hingabe der harmonikalen Naturphilosophie widmete. Das Buch scheint noch immer nicht erschienen; ich hatte damals die ersten Seiten redigiert, zu Chaos und Ordnung und Harmonie. Klang des Kosmos.


Keine Leiter, aber vom Himmel

Dienstag, 20. Oktober 2009

Erde. Kurtag 8.

Der heutige Tag unterlag dem Nebel, nach nächtlichem Frost blieb es bei 3°. Gestern Früh noch schien alles so hoffnungsvoll, blauer Himmel spannte sich von Waldgipfeln bis zu den Schlossspitzen. Nebel also, doch zumindest ist der Schnee der ersten Tage verschwunden.

Ein guter Tag für Wärmendes, bis zum Hals bin ich in Heilmoor gehüllt. Waldviertler Moor - Erinnerungen an andere Urlaube, da gab es noch die Anderswelt, die ist jetzt auch im Internet kaum mehr zu finden. Die mystischen Geschichten ums Verschwinden zweier Wissenschaftler, in einem Installationsrundgang (samt Gewitter in der Baumkrone) hautnah zu erleben, waren nicht Zugpferd genug; die Nachfolge auf dem riesigen Areal treten die Käsemacher an. Den kann man wenigstens essen.

Das Moor ist hartnäckig, unter der Dusche scheint es immer mehr zu werden, rinnt als braune Suppe den Körper entlang, unaufhörlich, hängt sich in der Schambehaarung fest. Gleich danach Lymphdrainage, ich liege nackt auf dem Massagebett, hätte ich noch rasch einen Slip anziehen sollen? frage ich mich kurz. Es ergibt sich so eine ungewollte Intimität, denke ich, aber die Therapeutin denkt sich wohl kaum was. Es war, damals im Waldviertel, die Zeit der Phantasien gewesen, und uns wäre zu einer solchen Situation sicher einiges eingefallen.

Nachmittags rasch nach Zwettl, einen Brief an den Geliebten aufgeben; mit seinem hat er eine kleine rote Rosenblüte mitgeschickt - sie war noch frisch, als sie ankam. Und duftet noch immer.

Sie sind

Du bist nicht angemeldet.

Sie lesen:

Beiträge zu meiner real virtuality

sehsucht

lechski

Was gibt es Neues?

love
I saw a hope in the game. sex doll
ulovesexdoll - 2018-12-13 06:51
Wow, ich mag das Licht...
Wow, ich mag das Licht und die Anzüge! Vokalmusik ist...
karrri - 2014-06-24 12:18
einfach nur schön finden...
einfach nur schön finden geht auch
uferlos - 2011-10-08 00:28
lasst mir noch ein bissl...
lasst mir noch ein bissl zeit. vielleicht gibt es ein...
ConAlma - 2011-10-07 11:40
Was gab's denn so wichtiges...
Was gab's denn so wichtiges anderswo?
rinpotsche - 2011-10-07 00:37
!
!
books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
sang und klanglos :-(
profiler1 - 2011-10-06 21:55
Erwischt... und Sie fehlen...
Erwischt... und Sie fehlen...
katiza - 2011-10-06 10:34

wo?

angel underline de ätt kufnet dot at

Suche

 

Status

Online seit 7489 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2021-07-15 02:08

Credits

Web Counter-Modul

kostenloser Counter


adventkalender
aus dem arbeitsleben
aus dem kulturbeutel
aus dem reich der sinne
Autofahrer unterwegs
begebenheiten
blogweise
einfach zum nachdenken
es wird ein wein sein
farben
filmblicke
fundsprüche
gehört
gelebt: kitsch und literatur
gelesen
geschichten aus dem großraumwagen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren