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Fundspruch 12: Zettelkasten Leben

Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?

[aus: Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon]

Dieser Satz, an einem stillen Herbstnachmittag im noch wärmenden Sonnenlicht gelesen, hält alles an: das diffuse Licht, meinen Atem, die Bewegung, die auch in der Stille war, und für Bruchteile von Sekunden wird alles sichtbar, ein Sehen im Spüren, was da alles noch ist und noch sei und wie es doch immer so milchig bleibt wie die Luft dieses Nachmittags, klar nur in solchen Zeitbruchteilen wie eben. Man verzettelt sich so, denke ich, unzähligen Fetzchen von möglichem Leben verstreuen sich im Alltag, ich denke an all die wirklichen Zettel und Zettelchen, die in Schubladen, Ordnern und Kartons liegen, das Leben ist ein einziger Zettelkasten mit unzähligen Schnipseln, die sich nicht und nicht zu einem Ganzen fügen wollen.

So verstehe ich Menschen, die, noch viel mehr wissend um den nicht gelebten, noch zu leben wollenden Rest, sich brennen müssen wie ANH, der seinen Arbeits- =Lebensdrang täglich mitlesbar macht und sich nur selten eine schweifende Zeit erlaubt, aber auch wie meinen Vater, der angesichts langsam sich ankündigender Schwäche (die mit 83 doch auftreten darf) sich mit einer Verzweiflung und Verachtung für die ungebetene Schwäche in sein Opus Magnum stürzt, als könne er damit noch ausreichend von diesem ungelebten Rest zum gelebten machen (und gleichzeitig immer vor Augen, dass sein E i g e n t l i c h e s, das was er noch vor wenigen Jahren für durchführbar hielt, nie mehr zum Leben kommen würde).

Was geschieht mit dem Rest?
albannikolaiherbst - 2006-10-16 07:07

Opus magnum.

Darüber erführe ich gerne mehr. Und wer sagt Ihnen, daß Ihr Vater es nicht d o c h schafft? Denken Sie an Offenbach, der die Comtes d'Hoffmann schwerkrank teils in der Kutsche noch schrieb und es sich erst erlaubte zu sterben, als das Dingerl - ein großes! - fertigwar.
Im übrigen ist gerade der erste Abschnitt Ihres Textes voll einer ganz wundersamen, melancholischen Schönheit. Die Überlegung der Möglichkeiten, die einander doch meist ausschließen, also, da widerspruchsvoll, nicht realisiert werden k ö n n e n, hat mich zu meiner speziellen Form der Prosaerzählung geführt. (Ich denke gerade an Baudelaires herrliches Gedicht "An eine, die vorüberging": Den Dichter passiert eine Frau, ihn trifft ein Blick, er blickt zurück und schließt - ich zitiere die Schmidt-Übersetzung aus dem Gedächtnis -:"... ich hätte dich geliebt/und weiß, daß du es weißt". Und schon vorüber.)

ConAlma - 2006-10-16 07:20

mehr zu O.M.

Nicht hier.
Danke. Und gute Arbeitsfortschritte in FFM.
404 - 2006-10-16 09:56

Ein Rest bleibt immer.

Das ist Reichtum. Der Reichtum der Möglichkeiten. Das ist Leben. Sich daran freuen. Es ist so herrlich unperfekt. Unser Los. Niemand schafft es, alles zu verwirklichen. Aber das, was wir tatsächlich tun können, das tun wir ganz!

cappuccina - 2006-10-16 15:12

stay cool.... sei entspannt.... take it easy!

Sind wir doch ohnehin ständig Getriebene, von Zwängen gefangen, von eigenen Ansprüchen geknechtet,.....
Das sei jetzt vielleicht weniger philosophisch als vielmehr mein persönlicher bodenständiger Ansatz....

gulogulo - 2006-10-16 15:42

es gibt keinen rest.
man tut, was man tut und gut isses.

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