Der sechste Stock

Der sechste Stock verfolgte mich bis in mein Erwachsenenalter hinein in den Träumen - oder besser gesagt, der Weg dorthin. Denn um in die Helle und Luftigkeit der Wohnung da oben zu gelangen, musste erst ein dunkles , düsteres Stiegenhaus überwunden werden. Das bedeutete für mich kleines Mädchen damals, täglich nach der Schule die vielen Treppen mit den hohen Stufen emporzusteigen, mit einem Licht, das die Stiegen und Gänge nur unzureichend beleuchtete und außerdem immer ausging.

In den Träumen wuchs dieses Stiegenhaus noch viel mehr empor, und wenn ich endlich im rettenden sechsten Stock angelangt war, dann fand ich dort nicht die vertraute Nüchternheit eines fast quadratischen Zwischenraumes, von dem die vier Wohnungstüren weggingen, nein, dort wucherte ein Dschungel mit unzähligen Pflanzen, Gummibäumen, Lianen, dichtes Grün, das die Eingangstüren kaum erkennen ließ. Einmal stand die Tür zu unserer Wohnung einen Spalt offen, helles Sonnenlicht fiel in einem Streifen ins dunkle Grün, aber dahinter war nichts als gleißende Leere, keine Möbel, keine Mutter, keine Geschwister, nur Licht. Ein anderes Mal bin ich in den siebten Stock hinaufgegangen, denn vielleicht hatte ich mich ja geirrt, und das war noch gar nicht der sechste gewesen, aber auch dort war nicht unsere Wohnung, dafür war es viel viel heller als ein Stockwerk tiefer.

Träume dieser Art kehrten über Jahre wieder, und diese eigenartige Mischung aus Beklemmen (Dunkelheit, Fremde), Verwunderung (Dschungel), Sorge (wo sind sie?), aber auch der Unentrinnbarkeit der Situationen kann ich mir noch heute unter die Haut holen.

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