(Der) Familie stellen
Ich hab meine Großmutter geliebt: ihre knittrige, zarte Haut, die auf den Handrücken wie Pergamentpapier aussah, und die immer nach Nivea roch. Ihr sanftes Lächeln. Ihren forschen Schritt, der so viel Sicherheit ausstrahlte. Sie trug immer feste Schuhe, Leibröcke aus Loden, Strickjacken oder einen Lodenmantel. Die Haare hatte sie zu einem langen Zopf geflochten und im Kranz um den Kopf geschlungen. Erst als sie schon sehr alt war und die Haarpflege mühsam geworden war, entschied sie sich schweren Herzens, das schon ganz dünn gewordene Haar abzuschneiden - zu einem wahnwitzigen Pagenkopf, der plötzlich ganz andere Möglichkeiten aufzeigte, die da vielleicht gewesen wären. Wenn.
Sie war die beste Kuchen- und Kekse-Bäckerin und hatte eine wundervolle Speise namens Tunkebrot [Dante Olivenöl mit etwas Zitronensaft, Kräutersalz, einer Prise Rosenpaprika, in das man Schwarzbrotwürfel tunkt]. Niemals vermisste ich bei ihr Fleisch oder Wurst, es gab auch keine Butter, dafür Rama, auch die durften wir nicht zu dick aufs Brot schmieren. Die Butter war dafür in den Weihnachtsstollen und -keksen versteckt, in der Kaffeecremetorte, die sie immer für mich machen musste, zum Geburtstag.
Ich liebte die ausgedehnten Wanderungen mit ihr, da wurde kein Weg zu weit oder zu beschwerlich, die Jause war in einer alten Blechdose verpackt, im Leinenrucksack war auch immer eine feste Unterlage aus schier unverwüstlichem Stoff, Felddecken in militärgrün, damit wir niemals feucht säßen auf den Wiesen. Wir sprangen mit ihr nackt in einskalte Gebirgsbäche, gingen ungesicherte schmale Pfade entlang der Felsen, aber wehe, der Zug aus Wien hatte Verspätung oder kam in zwei Teilen, da wurde ihr Angst und Bang während des Wartens am Bahnhof!
Zu Silvester machtes sie das Marzipan selbst, mit einem Schuss Rosenöl, das war ihr Geheimnis. Sie hatte ganz andere Spiele im Regal, mit kleinen Holzjeeps konnte man sich durch das besetzte oder befreite Italien würfeln, das Blumen- und Früchtequartett lehrte mich schon früh die Existenz von Schlehen, und ja, Mikado konnte ich mit ihr stundenlang spielen.
Etwas später, als nach der Zeit des Spielens die Zeit des Redens anbrach, erzählte sie Geschichten vom Krieg und danach, sie erzählte aber auch vom Universum, und wie es mit uns vielleicht nach dem Tode sei; in ihrem Bücherregal standen Physik, Reisebücher und Zimmerpflanzenratgeber in bunter Abfolge. Ich stieß mich nicht an der spartanischen Schmucklosigkeit ihrer Wohnung, wo der scheinbar stets blühende Oster- und Weihnachtskaktus eine nahezu ungehörige Üppigkeit war, es hatte alles eine Ordnung, an der ich mich orientieren konnte.
Vor wenigen Tagen fielen mir Briefe, die sie kurz nach Kriegsende ihrer engsten Freundin irgendwo nach Deutschland geschrieben hatte, in die Hände, Briefe, die im Nachlass meiner Großtante in Ostdeutschland aufgetaucht waren. In knapper, fast stenographischer und vor allem emotionsfreier Formulierung erzählt hier eine Frau von 46 Jahren von der Flucht mit Schwiegermutter und jüngstem Kind, der verzehrenden Sorge um die halbwüchsige Tochter, von deren Verbleib sie nichts wusste, vom Dasein als stets weitergetriebene Staatenlose, die niemand wollte [die Großeltern waren Sudetendeutsche], von der dürftigen Unterkunft schließlich in einem kleinen Bergdorf, von der schweren Arbeit bei den Bauern von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, um wenigstens zu essen zu haben für die Familie. Die Menschen sind hier sehr zurück u bigott. Aber sonst gutmütig.Und immer zwischendurch die Hoffnung, dass sich all die Mühsal und die harte Arbeit einst auszahlen würden, von Auswandern war die Rede, irgendwo ein neues Leben zu beginnen, bevor es aus Altersgründen zu spät sei.
Aber ich finde auch Sätze, die mich befremden, die mir eine Frau zeigen, deren Gedankengänge ich nicht der Großmutter meiner Kindheit zuordnen kann. Eine, die an diese neuen Menschen und dieses neue Deutschland offenbar geglaubt hatte, die bis zuletzt eine Hoffnung gehabt haben musste, dass noch alles gut würde, obwohl der Mann, in der Kriegsindustrie tätig, noch zuletzt, im allerletzten Aufbäumen hätte eingezogen werden sollen und von einem Tag zum anderen die Flucht losging. Die Flucht, das erinnere ich mich nun, war eines der großen Themen ihrer Erzählungen gewesen, dieses Opfer gebracht zu haben - für einen Glauben, weiß ich nun; seltsam, meine Großmutter, die an keinen Gott glaubte, für die die Zuwendung meines Onkels zum Katholizismus ein schrecklicher Verrat an ihren freien Ideen gewesen sein musste - sie hatte doch einen Glauben gehabt.
Wie gerne würde ich heute mit ihr über all das reden, mir Sätze erklären lassen, deren Härte mich verunsichert, wo inmitten der nüchternen Auflistung von Umständen und Lebensdetails eine erschreckende Emotionalität, geboren aus Erschöpfung und im so gnadenlosen Verspüren des Verlustes einer Form von Heimat, hervorbricht: Nur das tröstet mich über den Verlust aller Habe, dass wir damit meine + Ilses [Anm.: meine Mutter] Gesundheit erkauften. Heimat hatten wir ja keine, aber wenn ich ans Sudetenland denke, dann ergreift mich bitteres Heimweh und ein unendlicher Haß, der ewig bestehen wird. Wehe den Tschechen, wenn einst eine Gerechtigkeit auferstehen sollte! Ihnen wünsche ich das Schlimmste, was Menschen widerfahren kann. Aber auch: Man lebt so dumpf dahin, die Ideale sind zerschlagen, die Hoffnung auf einen Aufstieg fast vernichtet. Wir leben nur für die Kinder. Sie an Geist, Seele und Körper gesund aus diesem Chaos herauszuführen, ist die einzige lohnende Aufgabe. ... Da ist es ein Vorteil, dass sie Entbehrung und Not kennen, gelernt haben, dass sie Opfer bringen, arbeiten gelernt haben und wenig bedürfen.
Ja, das kenne ich zu gut: stetes Arbeiten, niemals ruhen. Nichts bedürfen, nichts verlangen. Geben. Meine Mutter hatte nur nicht den festen Schritt meiner Großmutter. Wie sehen meine Kinder meinen Schritt?
Sie war die beste Kuchen- und Kekse-Bäckerin und hatte eine wundervolle Speise namens Tunkebrot [Dante Olivenöl mit etwas Zitronensaft, Kräutersalz, einer Prise Rosenpaprika, in das man Schwarzbrotwürfel tunkt]. Niemals vermisste ich bei ihr Fleisch oder Wurst, es gab auch keine Butter, dafür Rama, auch die durften wir nicht zu dick aufs Brot schmieren. Die Butter war dafür in den Weihnachtsstollen und -keksen versteckt, in der Kaffeecremetorte, die sie immer für mich machen musste, zum Geburtstag.
Ich liebte die ausgedehnten Wanderungen mit ihr, da wurde kein Weg zu weit oder zu beschwerlich, die Jause war in einer alten Blechdose verpackt, im Leinenrucksack war auch immer eine feste Unterlage aus schier unverwüstlichem Stoff, Felddecken in militärgrün, damit wir niemals feucht säßen auf den Wiesen. Wir sprangen mit ihr nackt in einskalte Gebirgsbäche, gingen ungesicherte schmale Pfade entlang der Felsen, aber wehe, der Zug aus Wien hatte Verspätung oder kam in zwei Teilen, da wurde ihr Angst und Bang während des Wartens am Bahnhof!
Zu Silvester machtes sie das Marzipan selbst, mit einem Schuss Rosenöl, das war ihr Geheimnis. Sie hatte ganz andere Spiele im Regal, mit kleinen Holzjeeps konnte man sich durch das besetzte oder befreite Italien würfeln, das Blumen- und Früchtequartett lehrte mich schon früh die Existenz von Schlehen, und ja, Mikado konnte ich mit ihr stundenlang spielen.
Etwas später, als nach der Zeit des Spielens die Zeit des Redens anbrach, erzählte sie Geschichten vom Krieg und danach, sie erzählte aber auch vom Universum, und wie es mit uns vielleicht nach dem Tode sei; in ihrem Bücherregal standen Physik, Reisebücher und Zimmerpflanzenratgeber in bunter Abfolge. Ich stieß mich nicht an der spartanischen Schmucklosigkeit ihrer Wohnung, wo der scheinbar stets blühende Oster- und Weihnachtskaktus eine nahezu ungehörige Üppigkeit war, es hatte alles eine Ordnung, an der ich mich orientieren konnte.
Vor wenigen Tagen fielen mir Briefe, die sie kurz nach Kriegsende ihrer engsten Freundin irgendwo nach Deutschland geschrieben hatte, in die Hände, Briefe, die im Nachlass meiner Großtante in Ostdeutschland aufgetaucht waren. In knapper, fast stenographischer und vor allem emotionsfreier Formulierung erzählt hier eine Frau von 46 Jahren von der Flucht mit Schwiegermutter und jüngstem Kind, der verzehrenden Sorge um die halbwüchsige Tochter, von deren Verbleib sie nichts wusste, vom Dasein als stets weitergetriebene Staatenlose, die niemand wollte [die Großeltern waren Sudetendeutsche], von der dürftigen Unterkunft schließlich in einem kleinen Bergdorf, von der schweren Arbeit bei den Bauern von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, um wenigstens zu essen zu haben für die Familie. Die Menschen sind hier sehr zurück u bigott. Aber sonst gutmütig.Und immer zwischendurch die Hoffnung, dass sich all die Mühsal und die harte Arbeit einst auszahlen würden, von Auswandern war die Rede, irgendwo ein neues Leben zu beginnen, bevor es aus Altersgründen zu spät sei.
Aber ich finde auch Sätze, die mich befremden, die mir eine Frau zeigen, deren Gedankengänge ich nicht der Großmutter meiner Kindheit zuordnen kann. Eine, die an diese neuen Menschen und dieses neue Deutschland offenbar geglaubt hatte, die bis zuletzt eine Hoffnung gehabt haben musste, dass noch alles gut würde, obwohl der Mann, in der Kriegsindustrie tätig, noch zuletzt, im allerletzten Aufbäumen hätte eingezogen werden sollen und von einem Tag zum anderen die Flucht losging. Die Flucht, das erinnere ich mich nun, war eines der großen Themen ihrer Erzählungen gewesen, dieses Opfer gebracht zu haben - für einen Glauben, weiß ich nun; seltsam, meine Großmutter, die an keinen Gott glaubte, für die die Zuwendung meines Onkels zum Katholizismus ein schrecklicher Verrat an ihren freien Ideen gewesen sein musste - sie hatte doch einen Glauben gehabt.
Wie gerne würde ich heute mit ihr über all das reden, mir Sätze erklären lassen, deren Härte mich verunsichert, wo inmitten der nüchternen Auflistung von Umständen und Lebensdetails eine erschreckende Emotionalität, geboren aus Erschöpfung und im so gnadenlosen Verspüren des Verlustes einer Form von Heimat, hervorbricht: Nur das tröstet mich über den Verlust aller Habe, dass wir damit meine + Ilses [Anm.: meine Mutter] Gesundheit erkauften. Heimat hatten wir ja keine, aber wenn ich ans Sudetenland denke, dann ergreift mich bitteres Heimweh und ein unendlicher Haß, der ewig bestehen wird. Wehe den Tschechen, wenn einst eine Gerechtigkeit auferstehen sollte! Ihnen wünsche ich das Schlimmste, was Menschen widerfahren kann. Aber auch: Man lebt so dumpf dahin, die Ideale sind zerschlagen, die Hoffnung auf einen Aufstieg fast vernichtet. Wir leben nur für die Kinder. Sie an Geist, Seele und Körper gesund aus diesem Chaos herauszuführen, ist die einzige lohnende Aufgabe. ... Da ist es ein Vorteil, dass sie Entbehrung und Not kennen, gelernt haben, dass sie Opfer bringen, arbeiten gelernt haben und wenig bedürfen.
Ja, das kenne ich zu gut: stetes Arbeiten, niemals ruhen. Nichts bedürfen, nichts verlangen. Geben. Meine Mutter hatte nur nicht den festen Schritt meiner Großmutter. Wie sehen meine Kinder meinen Schritt?
ConAlma - 2008-03-13 07:21