Zettelkasten

Dienstag, 20. November 2007

Im Dazwischen

Ihr Leben war noch viel mehr eines des Dazwischen geworden. Die Stunden, die ihr alleine blieben, waren im Unterwegs angesiedelt. Wo sie für andere da schien, empfand sie sich zwischen Kommen und Gehen. Dass sie dennoch als da wahrgenommen wurde, lag in den Spuren begründet, die sie hinterließ, sie suggerierten eine anwesende Gestalt.

Nur einer flüsterte ihr hin und wieder tief ins Ohr: Es tut gut, dich zu spüren. Das waren jene Momente, in denen auch sie sich spürte. Und da war.

Donnerstag, 26. Juli 2007

Machen Sie Sinn?

Irgendwann ist sie aufgetaucht, diese Phrase, aus Journalistenfingern, aus Politikermündern, wird unhinterfragt benützt, auch von denkenden Menschen, als wär sie immer schon dagewesen. Stimmt aber nicht. Ist aus dem Englischen "make sense" (wo es aber im Grunde in der Verneinung benützt wird) genommen.

Irgendwann stieß ich mich daran. Und seither ständig. Grad erst wieder, in diesem Blogmeer, irgendwo aufgetaucht, "xxx macht Sinn". Aber wie ist das denn mit dem Sinn? Ist der nicht in den Dingen? Da ist etwas, und in diesem Etwas wohnt ein Sinn. Das Ding macht den Sinn nicht. Hat ihn. Oder, wie es vor allem bei Verhaltensweisen so oft anzumerken ist, hat eben keinen. (Obwohl ich da der Meinung bin, dass immer eine Art von Sinn da ist, nur halt ein "negativer" vielleicht).

"Sinn machen" wird meist dort verwendet, wo gemeint ist "ist sinnvoll", "leuchtet ein". Und in der Verneinung "ist sinnlos". Über die Machbarkeit von Sinn denkt da niemand nach. Da könnte man ja gleich fragen, ob derjenige, der so unbedacht spricht, selbst Sinn macht?

Sinnstiftend mögen viele Angelegenheiten ja allemal sein. Weil sich aus ihnen und ihrem Sinn etwas Anderes, Neues ergibt. Das dann wieder seinen Sinn hat.

Vielleicht rührt der unreflektive Gebrauch der Phrase auch daher, dass wir so gerne machen. Oder gerne machen würden. Und unser persönliches Sinnempfinden, weil uns gerade etwas besonders sinnvoll erscheint oder auch unsinnig, dann einem Machen unterwerfen. Den inhaltlichen Sinn als veränderbaren annehmen. Damit vermischt sich das Gemachte mit dem Inhaltlichen, mein Gemeintes wird durch das Wörtchen machen zum Inhaltlichen, und damit habe i c h Sinn gemacht. Dieser eigentlich in der Sache seiende Sinn, der plötzlich von außen hineingetragen wurde, muß auch gar nicht sinnvoll sein, kann vielmehr Unsinn sein. Unsinn aber soll man doch nicht machen? (Ah, die vielen Rügen der Eltern im Hinterkopf!) ....

Machen Sie Sinn?

Mit diesen philosophischen Sommergedanken ziehe ich mich ein wenig in meine Sinne zurück.

Samstag, 23. Juni 2007

Gedanke während der Feuilletonlektüre im Zug

Da weiß ich noch gar nichts und habe es schon geschrieben.
So wie es dasteht, wird es dann auch gewesen sein.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Herzlust

Noch mehr Emily:

Das Herz sucht Lust – zuerst
Und dann – Erlass von Leid.



Mein Herz schwirrt zumeist im Kopf, wie ein Schmetterling, leicht und zart, sucht sich die zarten Flügel nicht zu stoßen.
Oft aber, sehr oft in den Tagen, die da waren und sind und weiterhin kommen, sinkt es lüstern schwer in den Uterus, gleitet von dort durch die Öffnung in die unbesetzte Höhle, schmiegt sich an die Wände und wartet, geküsst zu werden. Der erste, zaghafte Kontakt mit dem kleinbelippten Äuglein löst bereits solches Herzbeben aus, macht es drängen und sehnen, doch nein: im Innehalten und puren Wachen und langsamen Aufnehmen und wieder Innehalten wird aus der Höhle Weite, das Herz weitet sich mit, ist offen wie nie, fließt in ein so lustvoll’ Verlangen, dass Küsse nie reichen, die wildesten nicht, es zu stillen, zu bändigen. Die Herzlust fährt in die Glieder, die Gier wird zum Rhythmus, betäubtes Verlangen täuscht Sättigung vor. Doch nein.

Das Herz atmet tief, lächelt sanft, lässt von der Lust (für den Augenblick), birgt auch sein Sehnen in den Falten der Kammern - hier trifft es kein Leid. Erlassen aber ist nichts.

Freitag, 20. April 2007

Es ist an der Zeit

Als ich mich aus der kreiselnden Kurve auf die Autobahn gewunden hatte, hing der Mond tief über der Nordkette, die Sichel hell schwebend und in sie gebettet das dunklere Rund des Trabanten. Die Sterne tanzten über den nachtschwarzen Grund, zwischen den kleine roten Lichtern am Armaturenbrett kam eine warmfrohe Stimme zu mir und führte mich sicher durch die Nacht. "Das Wort ist meine Heimat" sagt Dimitre Dinev, ja denke ich, die kenne ich auch, und lasse mich in seine Engelszungensprache fallen.

Heute, im Garten: Es ist an der Zeit, dass ein großer Regen käme und dem Gras die Trockenheit nähme, die ein schneeloser Winter hinterlassen hat.

Das Mond-Tube

Donnerstag, 15. März 2007

Landschaft mit Klang

Nach fünf Wochen fuhr ich wieder durch dieselbe Landschaft; der Schnee hatte sich mittlerweile auf die Bergspitzen zurückgezogen, nur im Ennstal führte er noch zungengleich ins Tal, darauf die unersättlichen Schifahrer sich im letzten Weich vergnügten. War im Salzburgischen der Himmel noch ein tiefes Blau gewesen, so löste sich nach dem Gleinalmtunnel alles in einer immer undifferenzierteren glasigen Helle auf, südliches Licht. Während ich auf die südsteirischen Hügel zufuhr, rechterhand gleißen die Schneekuppe der Koralpe im Blick, verströmte Isolde ihren Liebestod über die Landschaft, Astrid Varnay und Eugen Jochum füllten den gesamten Raum, als gehöre nichts anderes hierher: weiteten mir das Herz zerrend, Tränen zeichneten das Gewerbegebiet von Kaindorf weich, wie ein Stürzen war es, das unerfülltes Sehnen bloßlegte.

Mittwoch, 21. Februar 2007

Almträume

Der Träume waren es mehrere. Dass ich einem sympathischen Kellner, der drei gänzlich unzureichende, zerfranste Brotschnitten mit lächerlichen nachlässig draufgeschmierten Aufstrichen nicht als kulinarische Anregung durchgehen lassen kann, ist mir, obwohl ich am Abend ganz hervorragend zünftig gegessen hatte, ja noch irgendwie aus beruflichem Zusammenhang erklärbar.

Wenn ich aber in einem riesigen quadratischen Altbau-Raum erwache, mit hübscher Stuckleiste unter dem gold-rot-färbigen Plafond, und mit mir unter der Decke des großen Bettes im Eck ein bis dato unbekannter Mann liegt, wobei das unbekannt sich auf seine äußere Erscheinung beschränkt, da mir sein schriftliches Wesen wohl geläufig war, und eine nicht mehr erinnerte Intimität der Nacht sich sogleich in neuerlichen Umarmungen manifestiert, dann entkommt mir selbst im Traum verwundertes Lächeln. Und erst recht im tatsächlichen Aufwachen:

Was für Kapriolen schlägt da der Körper (und schickt sie dem Geist), der doch höchst befriedet und mit ausreichend frischer Höhenluft versehen mit einem ruhigen Schlummer das Auslangen haben sollte?

Samstag, 17. Februar 2007

hellwach

Mittendrin werde ich hellwach. Mitten in diesem Fließen, zu dem mein Leben nach einem langen Stocken wieder gefunden hat, in Arbeitsströmen, "Love Streams", sehe ich plötzlich das Loch. Im weichen Gewebeband dieses Lebens ein kleines, scharf umgrenztes Loch, aus dem nur ein grelles Licht dringt, doch ich weiß, dahinter ist diese andere Welt, aus der jederzeit ein kalter Zugriff erfolgen kann auf meine warme Scheinsicherheit.

Freitag, 22. Dezember 2006

Jede Geschichte hat ihren Anfang.

Weshalb eine Begegnung geschieht, zwischen genau diesen Menschen zu genau dieser Stunde: wer vermag es zu sagen? Zufall ist’s und Zugefallenes wird’s, in der Achtsamkeit der beiden Begegnenden einem Sinn sich erschließend. Dem Zufall dankt die Begegnung, nicht die Last der Vorsehung tragen zu müssen, der Achtsamkeit aber, die Möglichkeiten des Zugefallenen auszuloten.

Samstag, 2. Dezember 2006

U-Bahn, nachts.

Inbrünstig kaugummikauend sitzt das Mädchen mit dem Rücken zur Fahrerkabine, was Mädchen, junge Frau eher, es ist halb eins in der Nacht, sie kramt in ihrer Tasche und tuscht sich die Wimpern mit Akribie, dabei waren die doch schon schwarz genug, das war bis zum anderen Ende des Waggons zu sehen. Dann verteilt sie noch Make Up auf den Wangen mit einem Pinsel, sieht dabei prüfend in einen Taschenspiegel, und zuletzt richtet sie die Haare, ganz schwarz sind sie, sicher gefärbt, so unnatürlich, aus dem Jackenkragen zieht sie die längeren Strähnen hervor, mit den Fingern kämmt sie durch die zuvor nach hinten gelegten Stirnfransen, zieht sie bis zu den Augen herunter.

Im Vorübergehen - wir steigen bei derselben Station aus - sehe ich die Künstlichkeit auf ihren Wangen; was von ferne so cool wirkte, wird in der Nähe zum Versuch des Überspielens einer Unsicherheit, trotz Farbe ist sie blass, die Augen blicken unruhig. Ein paar Burschen warten auf sie, kaugummikauend und schwarzhaarig auch sie, den einen begrüßt sie mit Handschlag, den Oberkörper vorgereckt, aber die Beine bleiben hinten, ganz merkwürdig unbequem vorgestreckt schwebt sie für einen Augenblick. Hand gegen Hand nach oben geschlagen dann beim zweiten, Gimme Five, eine schnelle Floskel dazu, und nun der Dritte, auch dieser Händeklatsch, aber er schlägt ihr sofort auch auf den Rücken, schnell und hart, und vorne gegen den Bauch, eine verzerrte Geste aus gespielter Maskulinität, die sie zusammenfallen lässt, ein gequältes Lächeln steht in ihrem Gesicht, auch ein Hauch von Ängstlichkeit. Nur der Kaugummi wird tapfer weitergekaut.

Ich biege ums Eck, mitten am Gehsteig vier Burschen, die so gar nicht in die Gegend passen, an dieses dreckige Ende der Grillgasse, sie sind zu gut angezogen, auch ihre Sprache ist zu gewählt. Der eine trinkt aus einer Bierdose, ein anderer hält eine große PET-Wasserflasche in der Hand, aber vor allem der Bursch mit der Flasche Hochriegl in der Hand lässt mich im Gehen innehalten - was macht ihr hier? das kann ich mir nicht verkneifen. Hier soll irgendwo eine Party stattfinden! - Ach was, hier in Simmering? - Ja hier, ein-zwei Mal im Jahr, wir werden sie schon finden; und Sie, Gnä' Frau, was machen Sie hier so spät? Mir gelingt ein Lächeln, ihre Wohlerzogenheit demaskiert, ich lebe nicht hier, sage ich, sondern in Tirol. - Bischt kha Tirola bischt kha Mensch .. kommt es sofort; Ach ja, sage ich, dann findet mal eure Party.

Wieder biege ich abe, der Gemeindebaukasten liegt fast dunkel da, nur im dritten Stock ist das kleine Licht in der Küche zu sehen, und der Heizstrahler im Badezimmer schickt sein rotes Licht herunter: das ist die Art des Vaters zu sagen, schön dass du da bist, wieder einmal, du bist willkommen ...

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