Mittwoch, 25. Januar 2006

kollateralschäden

Ich komme soeben aus dem Kino, Matchpoint von Woody Allen. Ich habe so gut wie alle Filme von Woody Allen gesehen, eine Zeit lang gehörte es zur intellektuellen Pflicht, und Diane Keaton war in ihren New-York-Rollen ein Inbegriff für ... ich weiß nicht mehr.

Ich hatte heute Aufheiterung gesucht, Ablenkung, doch ich war nicht informiert gewesen, sonst hätte ich eine Harmlosigkeit im Fernsehen vorgezogen, so aber blieb ich nach dem Film wie mit einem Faustschlag in die Magengrube übrig, den Kopf dröhnend vor lauter Caruso-Verdi-Arien.

Der Zynismus der Geschichte war heute gänzlich unpassend; über die Größe, darüber hinwegzusehen, nicht tangiert zu sein, verfüge ich derzeit nicht. Nach der alten Frau und dem ungeborenen Kind fühlte ich mich als weiterer Kollateralschaden - als hätte es Woody Allen darauf angelegt, den Zuschauer mit der Schuld der Hauptfigur aus dem Film zu entlassen.

Einziger Trost war mir, dass der liebende Mann in der anderen Stadt den Film zeitgleich mit mir gesehen hat. Es nahm mir etwas von der Last.

Montag, 23. Januar 2006

sexkolumne

Die Wiener Stadtzeitung Falter hatte einmal eine wunderbare Sexkolumne, geschrieben von einer Frau. Feine Ironie, Entspanntheit, Weitsicht - was immer man von einer guten Kolumne erwartet.

Doch eines Tages ging die Autorin den Weg aller guten österreichischen Jungjournalisten, nämlich nach Deutschland.

Jetzt ist der Faltersex fest in Männerhänden, da herrschen Ernst und Ordnung, eine irgendwie stati(sti)sche Sache. Möchten Sie mit jemandem, der Frauen ständig in irgendwelche Kategorien einteilt und dem beim Schreiben nie ein Lächeln auskommt, Sex haben?

Meine Freitagslieblingskolume in der Standard-Beilage Rondo, Cosima Reifs Zufallskolumne , hat auch immer viel Sex, ist überhaupt das Vergnüglichste, das ich einer regelmäßigen Lesung unterziehe - aber es ist eben die Zufallskolumne.

Doch jetzt habe ich sie wiederentdeckt: Sigrid Neudecker. Meine Sexkolumnistin. Zeitlos in der Zeit !

Freitag, 13. Januar 2006

Und ich schüttelte einen Liebling

Eines Tages starb Ernst Jandl, ich kaufte des Requiem, das Friederike Mayröcker ihm geschrieben hatte, las es, unter Tränen, und dann verschenkte ich es.

Ich schenkte es einem Mann, der es womöglich niemals gelesen hat, wie ich so oft Geschenke machte, die nicht erkannt wurden, welche Verschwendung! aber ich schenkte nicht nur Bücher, ich schenkte immer auch mich, ich verschwendete mich. Ich verschwendete mich mit meinen Worten, mit meinem Körper, mit meinen Gedanken, viel mehr bei mir behalten hätte ich mich sollen, denn immer kam es dazu, dass ich mich aufzulösen begann, und bevor ich ganz zu verschwinden drohte, klaubte ich, was ich noch mühsam von mir finden konnte, zusammen, legte es sorgsam an mich, damit es wieder zu Leben käme.

Bei einer Frau wie Friederike Mayröcker, denke ich mir, wäre nichts verschwendet gewesen und nichts verloren.

Das Weihnachtsgeschenk meiner Mutter war das weitere, eigentliche Buch zum Leben mit Ernst Jandl: Und ich schüttelte einen Liebling. Auch wenn wir nicht viele Worte verlieren, meine Mutter und ich: sie wusste, dass dieses Buch an mich nicht verschwendet ist.

Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling. Suhrkamp 2005
Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp 2001

Samstag, 7. Januar 2006

restlverwertung

Wenn ich alleine für mich bin (und das bin ich zur Zeit gerne), bin ich Kühlschrank und Speisekammer gerne auf experimentelleren Bahnen zugetan: kreative Restlverwertung sozusagen.

Gestern zum Beispiel:
Kohlsprossen in Orangen-Portwein-Sauce auf Gnocchetti Sardi.
Als Beilage zu einem saftigen Hirsch hätten sie mir allerdings noch besser gefallen, doch der sprang gerade nicht durch meine Wohnung.

Zur Rezeptur:
In Entenfett (noch von der Silvester-Bali-Ente übrig feingeschnittenen Ingwer und die halbierten Kohlsprossen angeschwitzt; Gewürzmischung (ebenfalls ein nachweihnachtlisches Überbleibsel vom Ganslragout - aus zerstoßenen Wacholderbeeren, Pfeffer, Zimtstange und Vanilleschote bestehend) mitgeröstet; mit frischgepresstem Orangensaft und feinstem Portwein (Colheita 1995 von Niepoort) aufgegossen und so lange gedünstet, bis die Kohlsprossen von annehmbarer Konsistenz waren. Mit feinen Streifen von Orangenschale verfeinert.

Und weil der Portwein so gut war und drei Feigen im Kühlschrank zu vergammeln drohten, gab's als Dessert noch Feigen in Portwein, dazu feine Scheibchen von Rohmilch-Ziegenkäse.

Ich hatte einen guten Abend.

Freitag, 6. Januar 2006

zwang zur liebe

Der liebende Mann hat mir zu Weihnachten ein Buch geschenkt. Alice Miller, Die Revolte des Körpers.

Er ist besorgt um mich, wenn er sieht, wie ich mit körperlichen Symptomen auf verschiedene Formen von Bedrängnis reagiere. Ich weiß noch nicht, wie sich die Erkenntnisse, die ich aus der Lektüre gewinnen werde, auswirken werden.

In diesem neuesten Bändchen von Alice Miller geht es grosso modo um die Diskrepanz zwischen dem, was wir fühlen und was der Körper auch registriert, und dem, was wir aufgrund von moralischen Normen fühlen möchten. Dieser Konflikt führt im späteren Leben zu Krankheitsanfälligkeiten, weil der Körper die falsche Liebe sehr wohl merkt.
Alice Miller bezieht sich hierbei explizit auf die Kindheit und die gesellschaftlich normierte und erwartete Liebe zu den Eltern, ganz gleich, unter welchen Bedingungen eine Kindheit stattfindet. und sie redet einer Befreiung von diesem Zwang zur Elternliebe das Wort.

Die angeführten Beispiele sind markant, von krassen Formen der Demütigung, Verletzung, des Missbrauches gekennzeichnet. Aber ich denke, das auch subtilere Formen der Missachtung des Kindes ihre Auswirkungen haben. Und die spätere Suche nach Verständnis und Verständigung kann zu ebensolcher Einengung des eigenen Lebens führen. Ich würde diese Pflicht zur Liebe gerne auch ausdehen auf andere Beziehungsverhältnisse: wer kennt es nicht, dieses "ich liebe dich, also musst auch du mich lieben" mit allen seinen Ausformungen, die irgendwann nur mehr als Druck empfunden werden können?

Es wäre mir lieb, wenn ich lieben dürfte, ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Ohne selbst Ersatz zu sein für eine vermisste Mutter. Frei von Zwang.

Mittwoch, 4. Januar 2006

quellenhof leutasch

Leutasch ist in erster Linie Gegend und nicht Ortschaft. Wenige schmale Straßen verbinden die einzelnen Ortsteile, dazwischen breitet sich bergumrahmte Landschaft aus, flächig, geruhsam. Winterweiß oder sommergrün. Anreiz für die Gemächlicheren unter den Bewegungssuchenden, die Spaziergänger, die Wanderer, die Loipenläufer.

Der Quellenhof ist in erster Linie Wellnesshort und nicht Gourmetstätte. Dennoch wird die eindrucksvolle Saunalandschaft samt höchst lebendigem sonstigem Vitalbereich durch eine ehrgeizige, quasi rund um die Uhr verfügbare kulinarische Landschaft nicht nur sinnig ergänzt, sondern sinnlich überhöht - für hingebungsvoll durch die Lande pilgernde Menschen mit Affinität zu guten Küchen möglicherweise der wahre Besuchsgrund dieses überaus gastfreundlichen Hauses.

Der Küchenchef heißt Julius Polak, hat eine behaubte Vergangenheit und behauptet sich im fröhlich-quirligen Getriebe wellnessender Urlauber als Quell der Erbauung und Einsicht in essenswisserische Zusammenhänge. Sein Kochstil ist klar, präzise, schlackenfrei; die Komposition der einzelnen Gerichte lässt neben exzellenter Handfertigkeit auch sprühenden Intellekt vermuten.

Die Menüs vollziehen sich vorbildlich in einem inneren Zusammenhalt, die weltoffene Haltung mündet keineswegs in beliebigem Allerlei. Was jeweils auf den Teller kommt, definiert sich durch Notwendigkeit, nicht durch dekorativen Überfluss. Das gilt auch für Würzung, für Saucen, für all das, was Background und Stütze eines Gerichtes ist: Zurückhaltung, Komplexität, Treffsicherheit. Können eben.

Die klassische Variante eines Menüs (vielleicht nicht eines der ganz täglichen Pensionsmenüs, die aus vier Gängen bestehen, aber auch wieder nicht ganz weit abweichend) könnte so aussehen:
- Tatare vom Kalb, sehr puristisch, ohne innewohnenden Firlefanz, dazu Pilzwürfel zart mariniert mit einem Hauch von Teigblatt, Zwiebel-Rotweinconfit.
- Fischsuppe, tomatig-cremig, mit Fenchel und Rouille (Mut zu Knoblauch!)
- Gänseleber gebraten, Apfel, fruchtige Sauce. Klassischer geht’s nicht.
- Taube (in ihrer Erscheinungsform als rosa gebratene Brust), Haxlragout, Selleriepüree. Das Ragout als einziges komplexeres Verbindungsmoment zwischen zwei sehr puren Geschmackserlebnissen.
- Passionsfruchtcreme in einer Schokoladenrolle, dazu Sesameis: erst die Verschmelzung am Gaumen bringt den Sinnzusammenhang dieses Gerichtes hervor.

Die Vinothek des Quellenhofes, vornehmlich österreichlastig, ist persönliches Anliegen des Hausherrn und erfreut nicht nur durch Auswahl, sondern auch sanfte Kalkulation. Damit qualifiziert sie sich als Quell für anhaltendes Wohligkeitsbefinden .... oder: Chardonnay Exklusiv von Pfaffl. Cupido 2000 von Johann Heinrich. Mariental 2002 von Ernst Triebaumer. Riesling Steinertal 2003 von FX Pichler.

Drumherum und Darüberhinaus: Entspannter, fröhlicher, schlagfertiger Service. Umfassendes Frühstücksbuffet für alle Nöte und Gelüste. Mittagssuppenbuffet. Nachmittagskuchenbuffet. Ein Gutteil der Produkte aus umliegenden bäuerlichen Betrieben. Und überhaupt ein Ort zur stetigen Wiederkehr.

Quellenhof

Dienstag, 13. Dezember 2005

Spanien im Winter

Tage könnte ich so zubringen, schreibend in mildem Winterlicht, der frische, federleichte Schnee auf der Baustelle vor meinem Fenster vermittelt Stille. Bach Violinsolosonaten auf OE1, oder Frauenstimmen, Alma Mahler-Lieder. Die Stimme von Mirjam Jessa passt perfekt zur Stimmung des Tages, zart und doch bestimmt, mit einer zärtlichen, leicht brüchigen Färbung; ich mag ihre Musikauswahl eigentlich immer.

Für heute habe ich mir Spanien vorgenommen, eine verwirrende Zahl von DOs, so viel Bewegung ist in diesem Weinland!

Sonntag, 11. Dezember 2005

irgendwo anfangen

Ich schreibe so viel fremd, da wuchs der Wunsch, auch mir zu schreiben.
Heute zum Beispiel schrieb ich mich durch Weinlandschaften Frankreichs, zwei davon, Burgund und Rhône, mag ich sehr, dabei bin ich nur einmal durchs Rhônetal gefahren, vor Jahren, gar nicht wissend, wo ich mich befand. Und so ist das Kennen nur ein mittelbares, vermitteltes, durch ein paar wenngleich ausgewählte Weine.
Den Süden und Südwesten möcht ich mir gern entdecken.

Schade, dass der ungarische Traminer, den ich mir mitgenommen hab, nicht wirklich gut ist; nachmittags hab ich ihn geöffnet, und jetzt wirkt er schon ganz verflüchtigt, zurück blieb viel Säure, aber kein Rosenduft, nur ein seifiger Geruch, ein Hauch Kräuter, uncharmant wie ein schlechter alter Riesling, der zu viel Alkohol hat.
15 %Vol!

Am Nachmittag sprachen Klara und Robert Schumann miteinander, auf OE1. Sie taumelte zwischen Liebeseuphorie und Abgrenzung, Behauptung ihrer Eigenständigkeit, während er "das Kind" gern zu beschwichtigen, zu leiten trachtete. Ich wollte mich gar nicht zu sehr auf diese vorgelesenen Briefe einlassen, zu viele noch nicht gänzlich verheilten Wunden und ewige Themen klangen da an.

Con alma - mit Seele. Damit alles anzureichern hab ich mir vorgenommen.

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rinpotsche - 2011-10-07 00:37
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books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
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profiler1 - 2011-10-06 21:55
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katiza - 2011-10-06 10:34

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