Sonntag, 11. November 2007

Engelsfelsen

Roc des Anges: eine junge Frau von der Rhône macht Weine im Roussillon. Alte Rebstöcke, Schieferböden. Appellation Vin de Pays des Pyrenées Orientales. In Weiß (Grenache blanc, Grenache gris, Macabeu) schmeckt das sehr sehr mineralisch. Riecht üppig, hat angeblich hohen Alkohol, aber ist am Gaumen sehr elegant. Harmonisch. Stimmig. Bemerkenswert. Ach und allein der Name des Weinberges!

Samstag, 10. November 2007

Georges Prêtre, Dirigent und Bilderzeichner.

Nach langer Zeit wieder einmal im Goldenen Saal. Bizets Erste Symphonie ist ein für mich gänzlich unbekanntes Werk; spätestens im zweiten Satz bin ich ganz im Banne der Musik, als die Oboe so zart und intim das Thema anstimmt. Vor allem aber bin ich im Banne jenes Mannes, der den Abend auf eine Weise gestaltet, wie ich es so noch nie erlebt habe: Georges Prêtre. Mit minimalen Gesten hält er jeden einzelnen Musiker bei sich, die Finger machen kleine Bewegungen, vor allem aber sein Gesicht spricht. Die expressive Mimik erzählt alles, was er sagen will, mit Augen und Mund baut er Beziehungen auf, zu Instrumentengruppen, zu Einzelpersonen, zum Orchestergesamt, zu den Zuhörern, zur Musik selbst.

Er macht bildhaft, was er hört und sieht in der Musik, lässt uns teilhaben an seinen Blicken, transportiert mit seinem Körper ganze Bilderwelten, lässt sie durch die Musiker vor uns erstehen. Zwei Mal legt er den Taktstock ab, im zweiten Satz bei Bizet, im dritten von Mahlers erster Symphonie. Hier zeichnet er mit beiden Händen weiche Gesten in den Raum, füllt ihn mit Emotionen. Die linke Hand baumelt zu Boden, es gibt kaum Bewegung, dann legt er sie ans Herz – was für ein Glück muss es sein, mit ihm musizieren zu dürfen.

Ja, es ist ein unentwegtes, unbändiges Musizieren, auch in den verhaltensten Augenblicken, mit den fast nicht mehr hörbar dahinflirrenden Violinen, den weich aus der Tiefe steigenden Bratschen. Der mitreißenden Lebendigkeit dieses Mannes, der da nicht nur das Orchester, sondern den ganzen Saal in seinen Händen hält, ist Hingabe gewiss, er verführt zu Lachen, wenn er verschmitzt ins Musikerrund lächelt, da oder dort ein Detail einmahnt, er lässt mittanzen und mitsingen. Und vor allem fühlen.

Was ich an diesem Abend aus Mahlers Erster heraushöre, ist um so vieles differenzierter, als ich es bislang kannte. Und mir bestätigt sich in aller Deutlichkeit, was ich bei Mahler auch sonst immer wahrnehme: neben all der Landschaftsmalerei, den Wald- und Wiesenidyllen ist eine zweite, ungewisse Ebene stets gegenwärtig, als ginge man frohgemut über grünes Gras, bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher, und plötzlich verdunkelt sich der Himmel, unsicherer Boden liegt vor einem, Moor oder Treibsand, irgendetwas, das einen in Abgründe ziehen kann. Doch plötzlich sind da wieder die vertrauten Töne, unbedarfte, bodenverwachsene Tanzmusikklänge. Ständig wähne ich mich Traumwanderungen, wo die Szenenwechsel zwischen Freude, Heiterkeit und Alb so unvermittelt kommen.

Irgendwann, als Prêtre die Philharmoniker nur scheinbar entfesselt, aber mit raschen, kleinen Schlägen des Taktstockes geführt und gehalten, in einen Rausch aus Vollklang und Tempo geleitet, denke ich mir: was, wenn Gustav Mahler, dieser ernste, trockene Mann, der sich ein lebenshungriges Mädel zum Weib genommen hat, diese unbändige Kraft und Leidenschaft, die in seiner Musik wohnt, öfter in den dürstenden Schoß Almas gelegt hätte?

+++

Ebenso selten wie die Kinder sehe ich auch den Hirschen. Aber zwei Stunden gemeinsamen Musikerlebens sind von solcher Tiefe und Energie, dass damit so viele fehlende gemeinsame Stunden wettgemacht werden. Fünf Jahre Altersunterschied sind zwischen Prêtre und ihm, fällt mir auf, in fünf Jahren werde ich (Wunsch? Gewissheit?) ebenso wie die Musiker auf diese kleinen Bewegungen der Hände reagieren, die mich auch jetzt auf dem Weg halten. Keine großen Gesten, keine großen Worte - aber Achtsamkeit und Intensität im Kleinen.

Dienstag, 6. November 2007

transitorische Kindheit

Paulus Hochgatterer schreibt in seinem klugen Aufsatz zur Kindheit heute unter anderem:

...Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten: wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selbst. Kinder haben in einer teilfragmentierten Welt ein Bedürfnis nach Kontinuität, nach Menschen, die bereit sind, die Geschichten, die ihnen zur Verfügung stehen auch zu erzählen....

Ich sehe meine Kinder eher selten. Oft weiß ich so gar nicht, was zu sagen. Der Sohn ist sehr stumm geworden, die Mutter ist ihm meist peinlich. Und so fange ich einfach zu erzählen an. Irgendetwas aus der Zeit, die jener ähnelt, in der sich die Kinder gerade befinden. Beispiele von Schwierigkeiten, von Empfindungen. Ich ernte verlegene Blicke, aber sie irritieren mich nicht. Ich weiß instinktiv, dass damit Verbindung geschaffen ist.

Montag, 5. November 2007

Linearer Schein

Zwei Schulfreunde trafen einander. Vor 63 Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Es war in einer vom Krieg bestimmten Zeit gewesen, Halbwüchsige waren sie damals gewesen, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, in einem Internat in Traunstein.

Sie sitzen da und reden vom Jetzt und vom Damals und vom Dazwischen. Die große Blase inzwischen gelebter Leben schrumpft zu einem unwesentlichen kleinen Luftballon, sie blicken einander an wie einstmals als Kinder in einer so markant bestimmten Kindheit.

Der Plasmaphysiker hat bemerkenswert glatte Gesichtszüge (der zwischendurch besuchte Pfarrersbruder weist wesentlich mehr Spuren des zählbaren Alters auf), der kräftige Haarschopf leuchtet weiß. Die Frau hatte ihn verlassen, als er in Pension ging, die Lebensgefährtin ist die Witwe des damals besten Freundes; den aber hatte er, von Deutschland nach Kanada wandernd, jahrzehntelang nicht mehr gesehen. Es war sich vor dessen plötzlichem Krebstod nichtmehr ausgegangen. Die Witwe ist das Bindeglied der Freunde, verwechselt die Vornamen, ohne gerügt zu werden. Sie erzählt mir mit leicht verlegenem Lächeln, dass sie beide es langsam hätten angehen lassen, seit drei Jahren aber seien sie nun wirklich, so ganz, ja nah und richtig miteinander.

Im Gespräch mit ihr finde ich mich auf einmal in einem gleichen Zeitabschnitt, sie war die einzige Mutter gewesen, die irgendwo im Süddeutschen die Proteste und Demos mit den Töchtern gemeinsam besucht hatte, ich hatte die Zeit als beginnende Studentin erlebt. Auch hier verschwindet, was sonst linear scheint, zu einem Rund, in dem Begebenheiten und Abschnitte herausgeholt werden und alles gleich weit oder nah ist.

Ich genieße den Tag, an dem der Generationsabstand nie spürbar wird. Die Themen sind universell, für jeden greifbar, auch die erklärenden Ausführungen zur Plasmaphysik fassbar.

In wenigen Tagen wird es für den Geliebten eine generationsfremde Runde geben, auch hier aber wird sich für ihn das Erleben ähnlich darstellen, Die erwartbaren Themen könnten sein: Mahler Zweite, Musik und Meditation; ein Rilke-Zitat zur Kindererziehung.

Sonntag, 4. November 2007

Solitaire mit Zebu

Der Solitaire Jg 1997 stand sehr für sich, aber nicht unumstritten. Die Jause aus diversen Käsen und einem unglaublich feinen, mürben Schinken vom Zwergzebu (aus Remschnigg bei Leutschach) war einfach nicht passend. Aber auch im Nachtrinken, vor dem Kaminfeuer, ließ der Wein Charme und Eleganz vermissen: viel Säure, grad Mal ein Hauch von Cabernet-Aromen, sehr streng. Der als Alternative geöffnete kleine Margaux 1996 aus dem Hause Lurton war neben intensiven Schinken- und Käsearomen ganz untergegangen, im Danach schmeichelte er zumindest am Gaumen - aber von wirklich eindrücklichen, geschweige denn typischen Aromen war er auch weit entfernt.

Der Hirsch und das Mädel wollten zum Jahrestag partout ein gutes Flascherl trinken, aber die Anstrengungen der vorangegangenen Tage hatten bei beiden Spuren hinterlassen, die die Weine auch nicht beseitigen konnten; so war es ein sanft-müder Abend geworden. Nur gut, dass beim Ganslessen am Vorabend (auch diese Unterländer Gans war fleischlich sehr gepflegt, Beilagen und Sauce allerdings eher bescheiden. Der Wein aber für ein Dorfwirtshaus geradezu sensationell: Pinot Noir 2003 Pitnauer, Gols) immer noch dasselbe erotische Prickeln wie vor Jahresfrist zu verspüren war.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Stunden-Rückung

Die willkürliche Rückung der gezählten Stunden beschert mir morgens ein ungewohntes Licht - der Bahnhofsplatz von S. verliert sein träg-nächtliches Antlitz und lässt die Sieben-Uhr-Hektik gnadenlos erkennen.

Dafür werde ich mit einem deutlicheren Lieblingsblick entschädigt (Foto wird nachgereicht).

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Im Team

So ein Team ist im Grunde eine intime Sache - in der intensiven und zunächst eröffnungstermindominierten Zusammenarbeit werden schon nach wenigen Stunden Stärken wie Schwächen der Einzelnen bloßgelegt.

Ich hielt mich immer für nicht teamfähig, nun habe ich für den Zusammenhalt von 8 Menschen (und zusätzlichen 8 in der Erweiterung) zu sorgen. Meine Position schwankt zwischen Chefin und Mutter, wobei ersteres von den anderen, zweiteres von mir kommt. Das wirkliche Kind, die Tochter daheim, hat unlängst gefragt: was bist du jetzt eigentlich? Und nach einer ungefähren Darlegung meinerseits kam die lapidare Feststellung: also Chefin.

Die Chefin wird immer wieder durch ihr Team beschämt: weil sie das Glück hat, selbständig denkende und arbeitende Menschen um sich zu haben, die mit einer Selbstverständlichkeit ans Werk gehen, wie sie eben nicht überall selbstverständlich ist. Und was an Unzulänglichkeiten auftaucht, ist auf mangelnde Information meinerseits zurückzuführen. So ist ein jeder meines Teams auch immer Spiegel für mich, für meine Schwächen, für meine Versäumnisse, aber auch für meine Stärken. Nämlich alle so einzusetzen, wie es nach ihren besten Fähigkeiten angeraten ist.

So macht sich also die Chefin mit einem Kopf voller Gedanken wieder auf den Weg zum Zug und wünscht allseits einen schönen Tag!

Sonntag, 21. Oktober 2007

Ganslessen

Die beste Gans weit und breit (wobei mein weit und breit zugegebenermaßen für andere so entfernt ist, dass nicht mal mehr weit zutreffend ist) fanden wir gestern ganz ungeplant in einem bayrischen Wirtshaus, gleich in der Nachbarschaft: beim Hirzinger. So modern sich der aus dem alten Stadel und Stall gewachsene Hotelteil gibt, so ursprünglich blieb der Gasthof selbst. Die Gaststube mit ihrer Patina (die Decke gelb eingefärbt von über Jahrzehnte hinaufgeblasenen Rauchschwaden), den alten Vorhängen, den ursprünglichen Tischen und Bänken, dem Kachelofen, der Maßkrugsammlung, den passenden Topfpflanzen an den Fenstern ist zu allen Tageszeiten gut besucht - und bei dem gestrigen schneeverwehten Tag grad die rechte gemütliche Umgebung! Die Tageskarte ist umfassend, vom Sauren Lüngerl über Fleischpflanzerl bis zu den hausgemachten Würsten (eigene Metzgerei!) gibt es vorwiegend Bayrisches, und sonst klassisch Gutbürgerliches, in großen Portionen, und alles immer frisch. Inwendig rosa ist der Zwiebelrostbraten, mit fein geschmorten Zwiebeln und reichlich Natursaftl; ja und das Gansl war schlichtweg das beste seit langen Jahren: so wohlschmeckend und saftig, perfekt die rohen Kartoffelknödel, grad richtig süß das Rotkraut. Dazu trinken alle das naturtrübe Hausweißbier, das von der Brauerei Unertl abgefüllt wird - der Vater des jungen Wirts war dort früher Braumeister.

Das nächste Gansl hat sich auch schon angekündigt, dient der Ritualisierung eines Jahrestages. Eine schöne Geste der Aufmerksamkeit; dass Familie und Hausarzt dabei sind, ist nicht minder freudvoll. Und auch wenn das Tier selbst wohl viel trockener sein wird als in Söllhuben: der Weinkeller dieses Wirtshauses hat's dafür in sich! Pöckl-Magnums ... in Mengen ....

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