Freitag, 7. März 2008

Der sechste Stock

Der sechste Stock verfolgte mich bis in mein Erwachsenenalter hinein in den Träumen - oder besser gesagt, der Weg dorthin. Denn um in die Helle und Luftigkeit der Wohnung da oben zu gelangen, musste erst ein dunkles , düsteres Stiegenhaus überwunden werden. Das bedeutete für mich kleines Mädchen damals, täglich nach der Schule die vielen Treppen mit den hohen Stufen emporzusteigen, mit einem Licht, das die Stiegen und Gänge nur unzureichend beleuchtete und außerdem immer ausging.

In den Träumen wuchs dieses Stiegenhaus noch viel mehr empor, und wenn ich endlich im rettenden sechsten Stock angelangt war, dann fand ich dort nicht die vertraute Nüchternheit eines fast quadratischen Zwischenraumes, von dem die vier Wohnungstüren weggingen, nein, dort wucherte ein Dschungel mit unzähligen Pflanzen, Gummibäumen, Lianen, dichtes Grün, das die Eingangstüren kaum erkennen ließ. Einmal stand die Tür zu unserer Wohnung einen Spalt offen, helles Sonnenlicht fiel in einem Streifen ins dunkle Grün, aber dahinter war nichts als gleißende Leere, keine Möbel, keine Mutter, keine Geschwister, nur Licht. Ein anderes Mal bin ich in den siebten Stock hinaufgegangen, denn vielleicht hatte ich mich ja geirrt, und das war noch gar nicht der sechste gewesen, aber auch dort war nicht unsere Wohnung, dafür war es viel viel heller als ein Stockwerk tiefer.

Träume dieser Art kehrten über Jahre wieder, und diese eigenartige Mischung aus Beklemmen (Dunkelheit, Fremde), Verwunderung (Dschungel), Sorge (wo sind sie?), aber auch der Unentrinnbarkeit der Situationen kann ich mir noch heute unter die Haut holen.

Dienstag, 4. März 2008

Bilder einer Kindheit

Meine junge, schöne Mutter sitzt auf der Liege im Wohnzimmer und weint. Sie weint einfach, sagt nicht warum. Wir Kinder stehen um sie herum und wissen nicht, was wir tun sollen. Vielleicht weint sie, weil wir so viele sind. Ich war da sicher mindestens fünf, oder älter. Mein damals jüngster Bruder, das vierte Kind, war im Jänner auf die Welt gekommen, im Juni darauf bin ich fünf geworden. Vielleicht weint sie, weil wir kein Geld haben. Weil mein Vater nicht greifbar ist, der immer unterwegs ist im Versuch, seine Träume und Ideen zu greifen.

Ich habe einen Zufluchtsort: den Küchenbalkon. Es ist ein kleiner Balkon, man kommt vom Kinderzimmer aus hinaus, aber er liegt auch vor dem Küchenfenster, deshalb heißt er Küchenbalkon. Er ist klein, tagsüber schattig, dient als Abstellplatz, ist nicht besonders schön, aber ich habe ihn angenommen. Von dort aus sehe ich einen Stern, der für mich der Abendstern ist. Der Balkon schaut zwar, das weiß ich heute, nach Osten, der Abendstern - die Venus - ist im Westen zu finden. Aber da ist doch das Lied: "Lieber guter Abendstern, hab mich gern"! Irgendein Stern muss dagewesen sein, und für den singe ich.

Vom Küchenbalkon aus sehe ich auch wundersame Lichter. Wir wohnen im sechsten Stock, ich sehe über alle anderen Häuser hinweg. Die Lichter, die nur manchmal da sind, gehören zu etwas, das "Stadion" genannt wird. Ich kann mir nichts darunter vorstellen, ich sehe nur diese Lichter, wie sie so hell in den Himmel gehen, so unwirklich. Ich scheine am liebsten in der Dunkelheit am Küchenbalkon gewesen zu sein.

Es gibt auch den großen Balkon, vor dem Wohnzimmer. Dort knallt die Sonne hin, sie weicht die Teerstreifen auf, die zwischen den Bodenplatten als Fugen dienen. Wir kneten mit den Fingern darin. Manchmal fällt uns etwas über das Geländer, das fällt aber nicht auf die Straße, sondern auf ein Dach, denn direkt unter unserem großen Balkon ist ein überdachter Durchgang. Wenn so etwas geschieht, muss meine Mutter hinunter in den ersten oder zweiten Stock und die Leute von dieser Wohnung bitten, ob sie über das Geländer aufs Dach steigen darf, um das Hinuntergefallene holen zu können. Das ist ihr immer peinlich. Vielleicht waren diese Leute aber auch nicht freundlich. Einmal fällt mir meine Brille hinunter. Ich habe mich sehr geschämt.

Im Badezimmer, das keine Tür hat, sondern nur ein fensterloser Raum neben der Küche ist, ist ein Steinboden. Ganz am Anfang haben wir keine Badewanne, nur ein Zinkschaff. Wenn es zum Trocknen an die Wand gelehnt ist, sieht man das Abflussloch im Boden. Ich knie mich hin, lege mein Auge auf das Loch und starre sechs Stockwerke in die Tiefe. Es ist unheimlich.

Wenn wir im Hof spielen, starren wir oft die sechs Stockwerke hoch, ob die Mutter am Fenster oder am Balkon ist. Wir müssen sie immer rufen, wenn wir wieder hinauf in die Wohnung wollen. Der Lift ist nur mit einem Schlüssel zu betätigen. Und die sechs Stockwerke sind sehr sehr hoch für kurze Kinderbeine, das können wir vom Hof aus sehen. Fast unendlich hoch. Wir sind ja alle noch so klein.

Da ist ein Grundstück über den Hof und die Gasse, das von einer alten, zerbröckelnden Mauer abgegrenzt ist. Dahinter sieht man Bäume emporragen, alte hohe Bäume, es ist sicher eine Kastanie dabei. Dieser Ort übt einen großen Reiz auf mich aus, er wirkt düster und schattig, ein wenig unheimlich. Das Haus dahinter ist alt.

Die Gasse ganz hinunter kommt man zu einer großen Straße, da fährt eine Straßenbahn. Auf diese Straße müssen wir, wenn wir über die Brücke in den Prater wollen. Man kommt hier bei einem Geschäft vorbei, dessen Eingangstür nicht direkt an der Straße ist, sondern etwas zurückversetzt. In dieser Türnische ist rechts oben ein seltsames Kästchen. Ich stehe da und starre hinauf. Es hat etwas magisch Anziehendes und zugleich Unheimliches. Ich denke mir, das muss das Narrenkästchen sein. Es hat eine so seltsame Abdeckung, fast wie ein Gitter. Die Erwachsenen sagen zu mir oft, ich solle nicht so viel ins Narrenkästchen schauen. Jetzt schaue ich erstmals bewusst so richtig rein.

Von einer Seitengasse ums Eck ist ein kleines Lebensmittelgeschäft. Dort ist es immer dunkel, wie in einem alten Gewölbe. Man kann die Erdäpfel aus großen Jutesäcken kaufen. Ich gehe gerne hin, es riecht gut, es ist so ruhig und unwirklich dort. Um nach Hause zu kommen, muss man viele viele Treppen hochsteigen. Die Gasse führt über Stiegen, erst dann kommt der kleine Platz mit Minipark und Spielplatz, an dem unser Haus liegt. Und so ist unser sechster Stock, gemessen an der großen Straße, noch viel höher.

Auf der anderen Seite des Hauses liegt ein größerer Platz, dort fahren auch Autos. Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es ein Lokal, in dessen Auslagen rote Vorhänge sind. Und eine Neon-Werbeaufschrift: Cinzano. Mir gefallen die Farben. Das Lokal, das ich nie von innen sehe, wirkt auf mich so modern. So anziehend und interessant. Ich wüsste zu gerne, wie es darin ist. Aber ich darf nur in den Konsum nebenan.

Wenn ich Radio höre, stehe ich ganz nah vor dem Apparat. Meine Lieblingssendung ist "Autofahrer unterwegs". Vor allem die Meldungen mit den gestohlenen Fahrzeugen. Ich mag auch die Mittagsglocken.

An der Seitenwand im Durchgang unter unserem Haus ist ein großes Mosaik mit Pferden. Der Künstler war ein Jugendfreund meiner Eltern. Zwei Entwürfe zu diesem Mosaik hängen als Bilder in unserer Wohnung. Manchmal besuchen wir dessen Eltern in Perchtoldsdorf. Sie wohnen in einem kleinen Häuschen, beide sind große, kräftige, ja geradezu dicke Menschen. Sie sind sehr freundlich, die Mutter drückt mich immer an sich, ich habe Angst, zwischen ihren Riesenbrüsten zu ersticken. Manchmal kommt die ganze Verwandtschaft zusammen, da sind so viele Kinder und Enkelkinder. Alle wirken wie eine große glückliche Familie.
Wir kommen nie so vielzählig zusammen. Der Onkel ist im Kloster, die Tante ist nicht verheiratet. Großmutter und Großvater leben weit weg. Wir sind immer nur wir. Und ich habe zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was für eine Familie wir sind.

[Infiziert von Frau Katiza und ihrem Buch hier.]

Montag, 3. März 2008

Gruppenzugehörigkeit

Ein lieber Kollege hat mich zu einem Open Business-Netzwerk eingeladen; kaum hatte ich mein Profil online, kamen schon zwei Zuschriften von Bekannten aus dem engeren oder weiteren beruflichen Umfeld. Schöner Feierabendbeginn! Jetzt muss ich halt an einem aussagekräftigen Profil basteln ....

Aber vorher koch ich dem Kind und mir feines Beiried mit Café de Paris-Butter und gebratenem Trevisano.

Dienstag, 26. Februar 2008

Blog S Talking

Blogs dienen unter anderem auch dazu, sich selbst zu verfolgen, sich selbst auf die Schliche zu kommen, seiner selbst habhaft zu werden.

Dass aber ein Blog in besessenes Fahrwasser kommen kann, nahm mir, als ich es erkannte, doch den Atem. Über einen Kommentar war ich darauf gestoßen: Layout nahezu ident, jeder Eintrag ein Foto mit Text, wie die Vorlage. Die Betitelung nur eine minimale Änderung. Verfremdungen bekannter Bilder, Texte mit privaten Details, Bezugnahmen auf irgendwann einmal bereits gelesenen, reichlich Versatzstücke aus dem Leben eines von fern bekannten Menschen: was sich da über Wochen als Dokumentation einer innigen, anregenden Liebesgeschichte liest (die, wäre sie wahr, von Herzen vergönnt sei!), bekommt bei genauerem Betrachten Brüche - erotische Deutlichkeiten passen nicht zum gespeicherten Bild des Miterwähnten, es fehlen die Kommentare des üblichen Umfelds. Nach einer kurzen Irritation - Alter Ego? - eine ebenso kurze Rückfrage und die erschreckende Erklärung:

Stalking, massiv, seit längerer Zeit, nun auch Form genommen in einer Blogkopie, als wär's das Eigene; Benützung einmal veröffentlichter Bilder, als seien sie der Autorin zugehörig, Spiel mit Preisgaben im Netz, kunstvoll und kunstfertig gestaltet, sodass das unbefangene Lesen nicht nur Anziehung generiert, sondern auch den Schluss auf tatsächlich Geschehendes zulässt.

Armselig, wer durch die Einverleibung eines anderen die eigene Daseinsberechtigung ableiten glaubt zu müssen.

Montag, 25. Februar 2008

Rouge

Es sei, sagt der alte Richter, doch einem Mangel an Bescheidenheit zuzuschreiben, wenn man bestimmen könne, was Wahrheit sei. Selbstgefälligkeit? fragt die schöne junge Frau.

Rot, der letzte Teil der Drei Farben, war heute wiederzusehen. Trintignant in einer Altersrolle - was für ein transparentes Gesicht! Und Zbigniew Preisners wunderbar schwebende Musik trägt nicht nur durch den Film, sondern lässt mich zu seinem Ende in eine plötzliche Traurigkeit verfallen. Ich denke an den akuten Schmerz der einen Tochter, an die Verzweiflung und die Sorgen der einen Freundin, nehme vielleicht eigene künftige Traurigkeiten vorweg.

Weiß und Blau hab ich versäumt diesmal ...

Sonntag, 24. Februar 2008

Tanz 3: Der Konzertmeister

Wieder einmal waren wir seinetwegen in den Goldenen Saal gekommen, wie wir schon den strahlenden Neujahrstag seinetwegen vor dem TV-Schirm verbracht hatten: George Prêtre. Der Hirsch, in einer unbedingten und emotionalen Treue den Wiener Philharmonikern zugetan, wäre sonst kaum bei den Symphonikern zu finden.

Was sonst ganz allgemein gilt, wie nämlich die unterschiedliche Interpretationsweise das Hören von bekannten Werken zu einer stets neuen Erfahrung macht, war diesmal wieder in ganz besonderem Maße zu erleben, bei Bruckners Achter, die ich so in Jahresfrist zum dritten Male hören konnte. Und während Thielemann sie sowohl mit den Münchnern als auch mit den Wiener Philis zu einem opulenten Klangerlebnis gemacht hatte, schälte Prêtre, modellierte und formte neue Hörräume in dieser Symphonie.

Aber leider hatte ich mich gleich zu Beginn mit dem Konzertmeister angelegt, eine Figur wie Thielemann, selbst der Haarschnitt erinnerte an den Dirigenten, nur die Hände sind keineswegs so elegant. Im ersten Satz trieb er seine Gruppe geradezu an, das führte zu einiger Verschobenheit in der Stimmführung, machte mich sofort nervös. Ich unterstellte ihm mangelnde Demut vor Werk und Mitmusizierenden, dazu saß er auch noch geradewegs in meinem direkten Blickfeld, sein ausufernder körperlicher Einsatz hinter Prêtres Rücken schien wie eine Soloperformance zu eigenen Gunsten. So etwas kann einen Konzertabend ganz schön beeinträchtigen - und außerdem saßen wir diesmal rechts.

Denn 3. Loge und 3. Loge sind nun mal nicht dasselbe! Links sitzend, sieht man die stablose und damit ausdrucksstärkere linke Hand des Dirigenten besser, er neigt sich zudem immer mehr nach links zu den ersten Geigen, so ist das Mienenspiel besser beobachtbar - beides wesentliche Bestandteile der Dirigierkunst von George Prêtre. Dafür waren die Celli und Hörner näher - und die glänzten an diesem Abend recht eindrucksvoll.

Dank fließenden, großartig durchgezogenen dritten und vierten Satzes, wo auch die Extrastimme keine Chance auf Vordergründigkeit hatte, wurde es aber doch ein wunderbar eindringliches Musikerlebnis, Tanz eben. Zu Allerletzt gab's noch Extraapplaus für den Großen alten Herren, als die Musiker das Podium schon längst verlassen hatten. Das verschmitzt lächelnde, die Ehrung mit Geduld wie Heiterkeit annehmende Gesicht war ein versöhnlicher Schluss.

Samstag, 23. Februar 2008

Zwischenruf: Frühling sei!

Mit den Vogelstimmen in den Morgen wachen, im Wienerwald schon den ersten Bärlauch vermuten, sich von lauen Winden durch die Gassen treiben lassen, keiner Handschuhe mehr bedürfen, wiewohl die pinkfarbenen venezianischen

Handschuhe

ebenso anschmieg- wie kleidsam sind, ja und dieses Aufbruchskribbeln in allen Gliedern: Frühling sei!



Es werden ja doch wieder andere Tage kommen.

Freitag, 22. Februar 2008

Tanz 2: Muttersöhnchen

Einziger gesellschaftsrelevanter Ball in der Kleinstadt. Am Saalentrée, im makellosen Smoking, der Morgenreisende mit dem Knackarsch. In seiner Begleitung: nein, kein ähnlich eleganter junger Mann, wie ich möglicherweise hätte erwarten mögen, sondern: Mutter! Überblond, aufgedonnert, grell, lippengepolstert. Und der Sohn wird vom hinreichend interessanten Mitreisenden auf einmal zum pummeligen Knaben mit Brille und Zahnspange, der von der Mutter im Leopardenmantel oder im Tigerkostüm mit festem Handgriff zur Schule gebracht worden war, vereinnahmtes Muttersöhnchen, Mitschüler der ältesten Tochter. Seit diesem Tanzabend, an dem er der Mama (und Ex-Frisörin mit Stadtruf) nicht von der Seite wich, ist es mir nicht mehr möglich, am Bahnhof den jungen Mann mit Eigenlebenversuch, sonden den Buben mit verzweifeltem Blick und Zahnspangenlächeln. Womöglich lispelt er. Ach und mir fällt auch Almodovar ein.

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