Montag, 5. November 2007

Linearer Schein

Zwei Schulfreunde trafen einander. Vor 63 Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Es war in einer vom Krieg bestimmten Zeit gewesen, Halbwüchsige waren sie damals gewesen, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, in einem Internat in Traunstein.

Sie sitzen da und reden vom Jetzt und vom Damals und vom Dazwischen. Die große Blase inzwischen gelebter Leben schrumpft zu einem unwesentlichen kleinen Luftballon, sie blicken einander an wie einstmals als Kinder in einer so markant bestimmten Kindheit.

Der Plasmaphysiker hat bemerkenswert glatte Gesichtszüge (der zwischendurch besuchte Pfarrersbruder weist wesentlich mehr Spuren des zählbaren Alters auf), der kräftige Haarschopf leuchtet weiß. Die Frau hatte ihn verlassen, als er in Pension ging, die Lebensgefährtin ist die Witwe des damals besten Freundes; den aber hatte er, von Deutschland nach Kanada wandernd, jahrzehntelang nicht mehr gesehen. Es war sich vor dessen plötzlichem Krebstod nichtmehr ausgegangen. Die Witwe ist das Bindeglied der Freunde, verwechselt die Vornamen, ohne gerügt zu werden. Sie erzählt mir mit leicht verlegenem Lächeln, dass sie beide es langsam hätten angehen lassen, seit drei Jahren aber seien sie nun wirklich, so ganz, ja nah und richtig miteinander.

Im Gespräch mit ihr finde ich mich auf einmal in einem gleichen Zeitabschnitt, sie war die einzige Mutter gewesen, die irgendwo im Süddeutschen die Proteste und Demos mit den Töchtern gemeinsam besucht hatte, ich hatte die Zeit als beginnende Studentin erlebt. Auch hier verschwindet, was sonst linear scheint, zu einem Rund, in dem Begebenheiten und Abschnitte herausgeholt werden und alles gleich weit oder nah ist.

Ich genieße den Tag, an dem der Generationsabstand nie spürbar wird. Die Themen sind universell, für jeden greifbar, auch die erklärenden Ausführungen zur Plasmaphysik fassbar.

In wenigen Tagen wird es für den Geliebten eine generationsfremde Runde geben, auch hier aber wird sich für ihn das Erleben ähnlich darstellen, Die erwartbaren Themen könnten sein: Mahler Zweite, Musik und Meditation; ein Rilke-Zitat zur Kindererziehung.

Sonntag, 4. November 2007

Solitaire mit Zebu

Der Solitaire Jg 1997 stand sehr für sich, aber nicht unumstritten. Die Jause aus diversen Käsen und einem unglaublich feinen, mürben Schinken vom Zwergzebu (aus Remschnigg bei Leutschach) war einfach nicht passend. Aber auch im Nachtrinken, vor dem Kaminfeuer, ließ der Wein Charme und Eleganz vermissen: viel Säure, grad Mal ein Hauch von Cabernet-Aromen, sehr streng. Der als Alternative geöffnete kleine Margaux 1996 aus dem Hause Lurton war neben intensiven Schinken- und Käsearomen ganz untergegangen, im Danach schmeichelte er zumindest am Gaumen - aber von wirklich eindrücklichen, geschweige denn typischen Aromen war er auch weit entfernt.

Der Hirsch und das Mädel wollten zum Jahrestag partout ein gutes Flascherl trinken, aber die Anstrengungen der vorangegangenen Tage hatten bei beiden Spuren hinterlassen, die die Weine auch nicht beseitigen konnten; so war es ein sanft-müder Abend geworden. Nur gut, dass beim Ganslessen am Vorabend (auch diese Unterländer Gans war fleischlich sehr gepflegt, Beilagen und Sauce allerdings eher bescheiden. Der Wein aber für ein Dorfwirtshaus geradezu sensationell: Pinot Noir 2003 Pitnauer, Gols) immer noch dasselbe erotische Prickeln wie vor Jahresfrist zu verspüren war.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Stunden-Rückung

Die willkürliche Rückung der gezählten Stunden beschert mir morgens ein ungewohntes Licht - der Bahnhofsplatz von S. verliert sein träg-nächtliches Antlitz und lässt die Sieben-Uhr-Hektik gnadenlos erkennen.

Dafür werde ich mit einem deutlicheren Lieblingsblick entschädigt (Foto wird nachgereicht).

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Im Team

So ein Team ist im Grunde eine intime Sache - in der intensiven und zunächst eröffnungstermindominierten Zusammenarbeit werden schon nach wenigen Stunden Stärken wie Schwächen der Einzelnen bloßgelegt.

Ich hielt mich immer für nicht teamfähig, nun habe ich für den Zusammenhalt von 8 Menschen (und zusätzlichen 8 in der Erweiterung) zu sorgen. Meine Position schwankt zwischen Chefin und Mutter, wobei ersteres von den anderen, zweiteres von mir kommt. Das wirkliche Kind, die Tochter daheim, hat unlängst gefragt: was bist du jetzt eigentlich? Und nach einer ungefähren Darlegung meinerseits kam die lapidare Feststellung: also Chefin.

Die Chefin wird immer wieder durch ihr Team beschämt: weil sie das Glück hat, selbständig denkende und arbeitende Menschen um sich zu haben, die mit einer Selbstverständlichkeit ans Werk gehen, wie sie eben nicht überall selbstverständlich ist. Und was an Unzulänglichkeiten auftaucht, ist auf mangelnde Information meinerseits zurückzuführen. So ist ein jeder meines Teams auch immer Spiegel für mich, für meine Schwächen, für meine Versäumnisse, aber auch für meine Stärken. Nämlich alle so einzusetzen, wie es nach ihren besten Fähigkeiten angeraten ist.

So macht sich also die Chefin mit einem Kopf voller Gedanken wieder auf den Weg zum Zug und wünscht allseits einen schönen Tag!

Sonntag, 21. Oktober 2007

Ganslessen

Die beste Gans weit und breit (wobei mein weit und breit zugegebenermaßen für andere so entfernt ist, dass nicht mal mehr weit zutreffend ist) fanden wir gestern ganz ungeplant in einem bayrischen Wirtshaus, gleich in der Nachbarschaft: beim Hirzinger. So modern sich der aus dem alten Stadel und Stall gewachsene Hotelteil gibt, so ursprünglich blieb der Gasthof selbst. Die Gaststube mit ihrer Patina (die Decke gelb eingefärbt von über Jahrzehnte hinaufgeblasenen Rauchschwaden), den alten Vorhängen, den ursprünglichen Tischen und Bänken, dem Kachelofen, der Maßkrugsammlung, den passenden Topfpflanzen an den Fenstern ist zu allen Tageszeiten gut besucht - und bei dem gestrigen schneeverwehten Tag grad die rechte gemütliche Umgebung! Die Tageskarte ist umfassend, vom Sauren Lüngerl über Fleischpflanzerl bis zu den hausgemachten Würsten (eigene Metzgerei!) gibt es vorwiegend Bayrisches, und sonst klassisch Gutbürgerliches, in großen Portionen, und alles immer frisch. Inwendig rosa ist der Zwiebelrostbraten, mit fein geschmorten Zwiebeln und reichlich Natursaftl; ja und das Gansl war schlichtweg das beste seit langen Jahren: so wohlschmeckend und saftig, perfekt die rohen Kartoffelknödel, grad richtig süß das Rotkraut. Dazu trinken alle das naturtrübe Hausweißbier, das von der Brauerei Unertl abgefüllt wird - der Vater des jungen Wirts war dort früher Braumeister.

Das nächste Gansl hat sich auch schon angekündigt, dient der Ritualisierung eines Jahrestages. Eine schöne Geste der Aufmerksamkeit; dass Familie und Hausarzt dabei sind, ist nicht minder freudvoll. Und auch wenn das Tier selbst wohl viel trockener sein wird als in Söllhuben: der Weinkeller dieses Wirtshauses hat's dafür in sich! Pöckl-Magnums ... in Mengen ....

Mittwoch, 17. Oktober 2007

k'n'k

Der Sohn hat seinen Schulmittelpunkt von Kufstein nach Kaindorf verlegt. Auch er muss fahren, lange Strecken, wochenends.

Die Mutter fährt nicht nur mutterbewusst zum ersten Elternabend. Sie fährt gern, durchschneiden doch ihre Wege jene immer vor ihr ausgebreitete virtuelle Landkarte, und begegnen ihr denn nicht auf dieser Strecke so viele ungeschriebene Geschichten!

Der Lehrer für Programmieren hält seinen Unterricht zu 90% auf Englisch, als einziger verwendet er zusätzlich englische Fachbücher. Der Sohn hat aus eigenem Antrieb die Variante mit englischsprachigem Unterricht gewählt, er träumt schon von Amerika. Er liebt die Schule, er fühlt sich im Internat wohl, er zelebriert die erste Selbstständigkeit.

Doch er ist gut aufgehoben, wird getragen, selbst wenn er es vielleicht icht so spüren mag. Auf den für den Elternabend vorbereiteten Tischen liegt eine von der Klassenvorständin gestaltete Mappe mit den Terminen und einem Gedicht. Ich fand es nirgendwo in dieser Übersetzung, deshalb verlinke ich nicht, sondern tippe ab - mir sind einzelne Übertragungsdetails so lieber:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,
aber nicht von euch.
Und wenngleich sie bei euch sind,
gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
doch nicht eure Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen.

Ihr dürft ihrem Körper eine Wohnstatt geben,
doch nicht ihren Seelen,
denn diese wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht aufsuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt euch bemühen, wie sie zu sein,
aber trachtet nicht danach,
sie euch gleich zuzmachen.
Denn das Leben geht weder zurück,
noch verharrt es im Gestern.


[K.Gibran]

daily rail

Ich bin um halb sechs Uhr morgens nicht allein am Bahnhof:

Da ist der höfliche junge Mann in den braunen Lederschuhen und der braunen Lederaktentasche, der mir immer die Tür beim Abgang aufhält; sein Hintern sitzt fest in den Jeans, und er pflegt sich mit einem auffälligen Hüftschwung zu bewegen.

Da ist die junge, großgewachsene Frau, die ich meist erst bei der Ankunft in S. sehe, sie ist durch die Skates, die sie statt Schuhen trägt, noch größer; als schmale, schwebende Riesin mit Mütze und Schal, die Arme unter dem Rucksack auf dem Rücken gekreuzt, gleitet sie elegant an den Angekommenen, hastig Eilenden vorbei.

Wenn mir abends noch etwas Zeit bleibt, gönne ich mir ein erstes Feierabendachtel in der Lounge am Bahnhof, der junge Mann ist auch gelegentlich zugegen, mehr als ein wiedererkennendes Nicken aber gibt es nicht.

Wieder war es so schön, in den Abend zu fahren: der Himmel flammte, und der zunehmende Mond hing lächelnd über dem Untersberg.

Freitag, 12. Oktober 2007

I've got Rhythm

Mein Leben hat Rhythmus verpasst bekommen.

Was, jeden Tag bis S. fahren? wundern sich besorgte Freunde. Das tät ich nicht aushalten!

Ich aber bin in die Gegebenheiten hineingefallen wie in das weiche Bett der Agentur, das mir dann und wann erholungshalber überlassen wird. Um fünf Uhr stehe ich auf, vom Bahnhof aus sehe ich den Mond wie sonst nicht: als abnehmende Sichel gerade über dem Stadtberg aufgegangen. Die schläfrige Ruhe im Zug lässt mich langsam in den Tag übergehen; über S. liegt um sieben eine sanfte Morgenröte, Nachtnebel steigen auf über dem Fluss, die Lichter gehen. Auf dem Heimweg fahre ich ins letzte Abendlicht, sehe, wie die Nebel sich senken.

Der Rhythmus der Vorbereitungwochen wird einem unregelmäßigeren Pulsieren weichen, die Morgenwachzeit aber wird mir im Körper bleiben. Ich habe in diesen Tagen noch das Mittagessen in weicher Herbstsonne auf der Terrasse des Kaffeehauses am Fluss, ich genieße jeden Schritt auf dem Weg vom und zum Bahnhof. Vor allem aber mag ich diese Stunden unterwegs, jene der Frühe und jene der Späte. Da bin ich außerhalb der Orte und außerhalb fremder Zeiten, aber ganz in meiner und bei mir.

Sonntag, 7. Oktober 2007

Der schöne Waller

Exakt drei Tage später lässt es der Salon wieder sausen: der Münchner Viktualienmarkt tut trotz hochgeschnürter Wies'nbrüste sein Bestes, gibt einen Megawaller frei, die 70 cm/2,81 kg lassen sich in den haushaltsüblichen Fischtopf bändigen, der Wurzelgemüsesud flimmert um die schöne, glitschige Haut, bleu! ja, das ist wahrlich Fischeslust.

Wer nie einem Waller ins Angesicht sah, weiß nicht, was ich speiste. Ach ja, Frau Witte hatte ihn frisch abstechen lassen, so weißes Fleisch sah ich beim Waller noch nie. Donauwaller, sagt der Kassabon. 22€ das Kilo.

Klassisches Menü

Es ist ein klassisches Menü gewesen, und der Wein war auch gut. Na ja fast.

Milzschnittensuppe. Neulerchenfelder Krautfleckerln. Zwetschkenknödel.

Die Agentur hat sich ins Herbstgwand geschmissen, hat gesammelt (ever seen Magnolienknospen im Herbst? Schaun's genau!), komponiert und dekoriert. Perfektes table-setting. Ganz Speisepalast (der -salon steht im Anderswo), gab es das gutsortierte Körberl samt Walnussbutter und homemade chickenliverirgendwas vulgo toskanischem fegatocrostiniding, bemerkenswert.

Die Wartestunde zuvor, weil der Babysitter der chanteuse Purkersdorf nicht gefunden hatte, ward vertrieben durch Billecart-Salmon rosé. Da blieb der folgende Sax Weißburgunder 05 unverdient blass dagegen, dafür haben die Berge an Milzschnitten (im Hause handgeschabt) die Herzen im Sturm erobert. Die Suppe verdiente aber auch Beachtung, sanft-mollig-fett, der essentielle Schnittlauch drauf war aus dem Westgarten importiert.

Soul-Sugar-Musikbegleitung; der Haut Brion 85 wird doch geöffnet, weil der Nuits-Saint-Gorges 94 sich mit einem schweren Korkproblem ins Off katapultiert hat. Teer Leder Frucht, mehr muss dazu nicht gesagt werden, jedes Glas gewinnt (an Intensität, an Klarheit), der Wok voll mit Krautfleckern (1 kg Zwiebeln, Butterschmalz, genügend Kümmel für die Besänftigung beleidigter Gedärme) ist im Nu leergegessen. Die Zwetschkenknödel werden langsam was, der Margaux 91 lässt das Vertrauen in den Weinhändler zweifelhaft erscheinen.

Es tauchen dann noch auf: Schokolade und handgewuzelte Trüffel, Schnäpse, Cognac, Nusserner.

Ein wesentlicher Bestandteil des Abends, aber so weit im Hinterher wohl nicht mehr von Gewicht: der waidwunde Freund, der nach den Strömen des Mitleids schreit, während ihm nur Tropfen gewährt sind.

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sang und klanglos :-(
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profiler1 - 2011-10-06 21:55
Erwischt... und Sie fehlen...
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