Mittwoch, 28. November 2007

ANH verbeugt sich

Alban Nikolai Herbst hat für die Literaturzeitung Volltext, welche die einzige ist, die ich lese, weshalb ich nicht weiß, ob sie eine wie keine ist oder eine wie die anderen, für Volltext also einen Text verfasst zu Marianne Fritz. Einen vollen Text, einen Text voll Anerkennung, einen Text über Ästhetik, über Schönheit, über Haltung, über Poetik, über Sprache. Er ist eine Verbeugung vor einem Leben, das nach einer eigenen Sprache suchte, ein Plädoyer dafür.

Ja und gerade er, ANH, der ein so überaus mann-haftes Auftreten hat, vermag die "a-patriarchale Sprachordnung" der Marianne Fitz so eingehend darzustellen: weil er eine stets klare und unbestechliche Sicht auf die Dinge - hier: auf Sprache - hat. Matriarchal nennt er ihre Sprache, eine, die nach einem "schweifenden Lesen" verlange - weil die Sekunden zu einem "potentiell unendlichen Raum" gedehnt würden. Ach, allein das macht neugierig.

Es ist eine schöne Verbeugung.

Dienstag, 27. November 2007

Allerhöchste Nähe

Sie liegen Stirn an Stirn, die Gliedmaßen ineinander verschlungen, noch mehr Nähe suchend, als es im zuvor anderen Verschlungensein, mit Mündern und Unterleibern, möglich gewesen war. Wieder ist es viel zu wenig von dieser Nähe gewesen, nach der sie stets gierten und die doch nicht zu fassen war.

Dieser Wunsch nach der allerhöchsten Nähe, sagt er, der sich mit den Leibern nicht erfüllen lässt ... es muss doch die Möglichkeit geben, diese zu erlangen: vielleicht ohne Berührung, nur über den Geist?

Geschichten aus dem Großraumwagen / Popo pickt

Was hast’n g’macht, dass der Popo pickt?

Derlei Fragen öffentlichen Interesses werden im Großraumwagen (den ich dennoch regelmäßig benütze, weil hier die Ausbreitungsmöglichkeiten gemeinhin größer sind) gerne in den Raum geworfen. Und auch wenn es sich nicht vermeiden lässt, Zeuge von ausgiebigen Geburtstagsgrüßen per Handy zu werden (sehr fröhlich um halb neun Uhr morgens mit tragender Stimme und somit für alle ungehindert verständlich durchgeführt), ist die Distanz zu den mitteilsamen Mitreisenden immer noch größer als in einem Sechserabteil, wo der pickende Popo auch noch seine olfaktorische Wirkung täte.

Die Usurpierung des öffentlichen Raumes, der ganz selbstverständlich zum privaten gemacht wird, indem ausgiebige Telefonate per Handy oder mit unangebrachter Lautstärke vollzogene Halbselbstgespräche (freilich wohl in der Absicht, etwas Anteilnahme zu erheischen) zelebriert werden, greift um sich und scheint mir in Korrelation zu Veröffentlichung privatester Inhalte in den bekannten Privat-TV-Formaten zu liegen: eine Form von Schamlosigkeit, von fehlender Distanz zum eigenen Sein, allerdings mit der Einschränkung, dass dies nur funktioniert, solange die Selbstdarstellungsqualität gesichert ist. Denn in dem Augenblick, wo eingehakt würde, etwa in Erziehungsfragen oder mit einer Bitte um Schonung vor so viel fremder Intimität, könnte einem sehr wohl das Recht auf Privatsphäre entgegengeschleudert werden!

Sonntag, 25. November 2007

Der Jahreszeitenmann

Eine Frau, die vor allem im Unterwegs daheim ist, sich mehr im Dazwischen aufhält als im Da, tut gut daran, einen Jahreszeitenmann zu haben. Einen, der das Sommerdomizil bezieht, wenn es an der Zeit ist. Einen, der das Kaminfeuer entfacht, wenn es an der Zeit ist. Der Kerzen anzündet und Lebkuchen bäckt, der den Vasen die jahreszeitliche Färbung gibt und die Wolldecke über das Fußende des Bettes legt.

Der Jahreszeitenmann weiß, dass die Frau seit jeher lieber im Dazwischen war, er konnte dies von Anbeginn an sehen. Es macht ihn glücklich, dass sie das Da, das ihm zu eigen ist, annehmen kann, ja, danach verlangt; es langsam, langsam als stundenweises Heim annimmt, die, der sonst kein Heim ist.

Home.

Samstag, 24. November 2007

24.November

Der 24. November ist zum ersten Einkaufssamstag gemacht worden, weil der 8. Dezember ein Feiertag ist. Verkaufsoffen seit Jahren, und heuer ein Samstag, aber halt doch ein Feiertag. Also kein regulärer Samstag. Deshalb muss der 24. November herhalten, der Viererordnung halber.

Und so leistet man diesem Aufruf allenthalben unhinterfragt Folge, halb Tirol und halb Bayern machen sich auf die Beine und die Bahn und in die schöne Stadt am Fluss, die sie nach Geschäftsschluss wieder verlassen.

Der Extra-Samstag ist aber nicht bis zur ÖBB vorgedrungen, der Zug wie immer kurz um diese Zeit am einem Samstag, der zudem der letzte ist, an dem das 7€-Senioren-Ticket noch gilt. Doch trotz übervoller Waggons und entsprechenden Gedrängels werden die Heimgekehrten zufrieden sein im Bewusstsein, Geld gespart zu haben und doch schon ein wenig Weihnachten mit nach Hause gebracht zu haben.

Dienstag, 20. November 2007

Im Dazwischen

Ihr Leben war noch viel mehr eines des Dazwischen geworden. Die Stunden, die ihr alleine blieben, waren im Unterwegs angesiedelt. Wo sie für andere da schien, empfand sie sich zwischen Kommen und Gehen. Dass sie dennoch als da wahrgenommen wurde, lag in den Spuren begründet, die sie hinterließ, sie suggerierten eine anwesende Gestalt.

Nur einer flüsterte ihr hin und wieder tief ins Ohr: Es tut gut, dich zu spüren. Das waren jene Momente, in denen auch sie sich spürte. Und da war.

Sonntag, 11. November 2007

Engelsfelsen

Roc des Anges: eine junge Frau von der Rhône macht Weine im Roussillon. Alte Rebstöcke, Schieferböden. Appellation Vin de Pays des Pyrenées Orientales. In Weiß (Grenache blanc, Grenache gris, Macabeu) schmeckt das sehr sehr mineralisch. Riecht üppig, hat angeblich hohen Alkohol, aber ist am Gaumen sehr elegant. Harmonisch. Stimmig. Bemerkenswert. Ach und allein der Name des Weinberges!

Samstag, 10. November 2007

Georges Prêtre, Dirigent und Bilderzeichner.

Nach langer Zeit wieder einmal im Goldenen Saal. Bizets Erste Symphonie ist ein für mich gänzlich unbekanntes Werk; spätestens im zweiten Satz bin ich ganz im Banne der Musik, als die Oboe so zart und intim das Thema anstimmt. Vor allem aber bin ich im Banne jenes Mannes, der den Abend auf eine Weise gestaltet, wie ich es so noch nie erlebt habe: Georges Prêtre. Mit minimalen Gesten hält er jeden einzelnen Musiker bei sich, die Finger machen kleine Bewegungen, vor allem aber sein Gesicht spricht. Die expressive Mimik erzählt alles, was er sagen will, mit Augen und Mund baut er Beziehungen auf, zu Instrumentengruppen, zu Einzelpersonen, zum Orchestergesamt, zu den Zuhörern, zur Musik selbst.

Er macht bildhaft, was er hört und sieht in der Musik, lässt uns teilhaben an seinen Blicken, transportiert mit seinem Körper ganze Bilderwelten, lässt sie durch die Musiker vor uns erstehen. Zwei Mal legt er den Taktstock ab, im zweiten Satz bei Bizet, im dritten von Mahlers erster Symphonie. Hier zeichnet er mit beiden Händen weiche Gesten in den Raum, füllt ihn mit Emotionen. Die linke Hand baumelt zu Boden, es gibt kaum Bewegung, dann legt er sie ans Herz – was für ein Glück muss es sein, mit ihm musizieren zu dürfen.

Ja, es ist ein unentwegtes, unbändiges Musizieren, auch in den verhaltensten Augenblicken, mit den fast nicht mehr hörbar dahinflirrenden Violinen, den weich aus der Tiefe steigenden Bratschen. Der mitreißenden Lebendigkeit dieses Mannes, der da nicht nur das Orchester, sondern den ganzen Saal in seinen Händen hält, ist Hingabe gewiss, er verführt zu Lachen, wenn er verschmitzt ins Musikerrund lächelt, da oder dort ein Detail einmahnt, er lässt mittanzen und mitsingen. Und vor allem fühlen.

Was ich an diesem Abend aus Mahlers Erster heraushöre, ist um so vieles differenzierter, als ich es bislang kannte. Und mir bestätigt sich in aller Deutlichkeit, was ich bei Mahler auch sonst immer wahrnehme: neben all der Landschaftsmalerei, den Wald- und Wiesenidyllen ist eine zweite, ungewisse Ebene stets gegenwärtig, als ginge man frohgemut über grünes Gras, bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher, und plötzlich verdunkelt sich der Himmel, unsicherer Boden liegt vor einem, Moor oder Treibsand, irgendetwas, das einen in Abgründe ziehen kann. Doch plötzlich sind da wieder die vertrauten Töne, unbedarfte, bodenverwachsene Tanzmusikklänge. Ständig wähne ich mich Traumwanderungen, wo die Szenenwechsel zwischen Freude, Heiterkeit und Alb so unvermittelt kommen.

Irgendwann, als Prêtre die Philharmoniker nur scheinbar entfesselt, aber mit raschen, kleinen Schlägen des Taktstockes geführt und gehalten, in einen Rausch aus Vollklang und Tempo geleitet, denke ich mir: was, wenn Gustav Mahler, dieser ernste, trockene Mann, der sich ein lebenshungriges Mädel zum Weib genommen hat, diese unbändige Kraft und Leidenschaft, die in seiner Musik wohnt, öfter in den dürstenden Schoß Almas gelegt hätte?

+++

Ebenso selten wie die Kinder sehe ich auch den Hirschen. Aber zwei Stunden gemeinsamen Musikerlebens sind von solcher Tiefe und Energie, dass damit so viele fehlende gemeinsame Stunden wettgemacht werden. Fünf Jahre Altersunterschied sind zwischen Prêtre und ihm, fällt mir auf, in fünf Jahren werde ich (Wunsch? Gewissheit?) ebenso wie die Musiker auf diese kleinen Bewegungen der Hände reagieren, die mich auch jetzt auf dem Weg halten. Keine großen Gesten, keine großen Worte - aber Achtsamkeit und Intensität im Kleinen.

Dienstag, 6. November 2007

transitorische Kindheit

Paulus Hochgatterer schreibt in seinem klugen Aufsatz zur Kindheit heute unter anderem:

...Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten: wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selbst. Kinder haben in einer teilfragmentierten Welt ein Bedürfnis nach Kontinuität, nach Menschen, die bereit sind, die Geschichten, die ihnen zur Verfügung stehen auch zu erzählen....

Ich sehe meine Kinder eher selten. Oft weiß ich so gar nicht, was zu sagen. Der Sohn ist sehr stumm geworden, die Mutter ist ihm meist peinlich. Und so fange ich einfach zu erzählen an. Irgendetwas aus der Zeit, die jener ähnelt, in der sich die Kinder gerade befinden. Beispiele von Schwierigkeiten, von Empfindungen. Ich ernte verlegene Blicke, aber sie irritieren mich nicht. Ich weiß instinktiv, dass damit Verbindung geschaffen ist.

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rinpotsche - 2011-10-07 00:37
!
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books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
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profiler1 - 2011-10-06 21:55
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