Sonntag, 24. Februar 2008

Tanz 3: Der Konzertmeister

Wieder einmal waren wir seinetwegen in den Goldenen Saal gekommen, wie wir schon den strahlenden Neujahrstag seinetwegen vor dem TV-Schirm verbracht hatten: George Prêtre. Der Hirsch, in einer unbedingten und emotionalen Treue den Wiener Philharmonikern zugetan, wäre sonst kaum bei den Symphonikern zu finden.

Was sonst ganz allgemein gilt, wie nämlich die unterschiedliche Interpretationsweise das Hören von bekannten Werken zu einer stets neuen Erfahrung macht, war diesmal wieder in ganz besonderem Maße zu erleben, bei Bruckners Achter, die ich so in Jahresfrist zum dritten Male hören konnte. Und während Thielemann sie sowohl mit den Münchnern als auch mit den Wiener Philis zu einem opulenten Klangerlebnis gemacht hatte, schälte Prêtre, modellierte und formte neue Hörräume in dieser Symphonie.

Aber leider hatte ich mich gleich zu Beginn mit dem Konzertmeister angelegt, eine Figur wie Thielemann, selbst der Haarschnitt erinnerte an den Dirigenten, nur die Hände sind keineswegs so elegant. Im ersten Satz trieb er seine Gruppe geradezu an, das führte zu einiger Verschobenheit in der Stimmführung, machte mich sofort nervös. Ich unterstellte ihm mangelnde Demut vor Werk und Mitmusizierenden, dazu saß er auch noch geradewegs in meinem direkten Blickfeld, sein ausufernder körperlicher Einsatz hinter Prêtres Rücken schien wie eine Soloperformance zu eigenen Gunsten. So etwas kann einen Konzertabend ganz schön beeinträchtigen - und außerdem saßen wir diesmal rechts.

Denn 3. Loge und 3. Loge sind nun mal nicht dasselbe! Links sitzend, sieht man die stablose und damit ausdrucksstärkere linke Hand des Dirigenten besser, er neigt sich zudem immer mehr nach links zu den ersten Geigen, so ist das Mienenspiel besser beobachtbar - beides wesentliche Bestandteile der Dirigierkunst von George Prêtre. Dafür waren die Celli und Hörner näher - und die glänzten an diesem Abend recht eindrucksvoll.

Dank fließenden, großartig durchgezogenen dritten und vierten Satzes, wo auch die Extrastimme keine Chance auf Vordergründigkeit hatte, wurde es aber doch ein wunderbar eindringliches Musikerlebnis, Tanz eben. Zu Allerletzt gab's noch Extraapplaus für den Großen alten Herren, als die Musiker das Podium schon längst verlassen hatten. Das verschmitzt lächelnde, die Ehrung mit Geduld wie Heiterkeit annehmende Gesicht war ein versöhnlicher Schluss.

Samstag, 23. Februar 2008

Zwischenruf: Frühling sei!

Mit den Vogelstimmen in den Morgen wachen, im Wienerwald schon den ersten Bärlauch vermuten, sich von lauen Winden durch die Gassen treiben lassen, keiner Handschuhe mehr bedürfen, wiewohl die pinkfarbenen venezianischen

Handschuhe

ebenso anschmieg- wie kleidsam sind, ja und dieses Aufbruchskribbeln in allen Gliedern: Frühling sei!



Es werden ja doch wieder andere Tage kommen.

Freitag, 22. Februar 2008

Tanz 2: Muttersöhnchen

Einziger gesellschaftsrelevanter Ball in der Kleinstadt. Am Saalentrée, im makellosen Smoking, der Morgenreisende mit dem Knackarsch. In seiner Begleitung: nein, kein ähnlich eleganter junger Mann, wie ich möglicherweise hätte erwarten mögen, sondern: Mutter! Überblond, aufgedonnert, grell, lippengepolstert. Und der Sohn wird vom hinreichend interessanten Mitreisenden auf einmal zum pummeligen Knaben mit Brille und Zahnspange, der von der Mutter im Leopardenmantel oder im Tigerkostüm mit festem Handgriff zur Schule gebracht worden war, vereinnahmtes Muttersöhnchen, Mitschüler der ältesten Tochter. Seit diesem Tanzabend, an dem er der Mama (und Ex-Frisörin mit Stadtruf) nicht von der Seite wich, ist es mir nicht mehr möglich, am Bahnhof den jungen Mann mit Eigenlebenversuch, sonden den Buben mit verzweifeltem Blick und Zahnspangenlächeln. Womöglich lispelt er. Ach und mir fällt auch Almodovar ein.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Tanz 1: Im Botox-Land

La Serenissima strahlt gewissenhaft in der matten Februarsonne, als sich eine junge Frau anschickt, ihrem Kleinmädchentraum wahrzumachen und damit auch ein Versprechen an die Großmutter einzulösen: Nozze a Venezia.

Multikulturell, finanzweltlastig und erlesenen Namens die Gästeschar, kunterbunt in Stilfragen wie Zugehörigkeiten. Jede Menge Vogue, wenig Individualität, viel Laufsteg auf der jugendlichen Seite, Model-Figuren überragen ihre Wallstreet-Begleiter. Und sonst: Fabelhafte Schuh-Show, erbarmungswürdige Demaskierungen durch Missgriffe in die Designerkiste, der Reichtum manchen Mannes am erstarrten Antlitz der Begleiterin abzulesen, und eine unglaubliche Nebenbühne die Londoner Botox-Fraktion am Nebentisch.

Über allem schwebend, sich an Säulen rankend, über Treppen fließend und die Tische in Farb- und Duftrausch hüllend: die Blumeninszenzierung im Teatro, Kunst aus Echtem inmitten von Überhang an künstlichem Theater.

Inmitten all dessen ein Grüppchen Freunde, von sechs zur glorreichen sieben angewachsen; der Beweggrund für die Anwesenheit ist hier kurz wie treffend genannt. Sieben, das ist auch wesentliche Zahl in der Zeremonie, die Anlass gab für all das grandiose Drumherum, das goldene Theater zum Sakralraum gemacht

teatro

durch die blumenumkränzte Chupah, Wiener Musik und jüdische Riten, Minuten der Ehrfurcht inmitten von Stunden der Show.

Freitag, 15. Februar 2008

Charme und Bourgoisie

Eigentlich war es ja das Gespenst der Freiheit, das mich gestern Nacht noch über Gebühr vor dem Bildschirm hielt - Bunuels ausreichend surrealistisches Alterswerk (freilich nicht zu vergleichen mit Chien Andalou oder L'âge d'Or). Das Wiedersehen längst vergessener Szenen beschwerte doch recht unbändiges Vergnügen, die Decouvierung einer so bemühten Bürgerlichkeit ließ mich fröhlich in die alleinige Nacht lachen. Den Diskreten Charme der Bourgoisie in der Woche zuvor hab ich hingegen viel schwerer vertragen, aber der Titel des Films führt mich zum eben beginnenden Wochenende, an dem einiges an Charme, aber wohl auch reichlich an Bourgoisie zu erwarten ist - in all ihren rühmlichen und lächerlichen Facetten.

Worauf ich mich wohl freue: Tanzabend im Palazzo. Und dass der Hirsch mit mir über die Kanäle springen wird.

Sonntag, 10. Februar 2008

A so a Bahö!

Wien, Porgy & Bess: Galanacht der Wärmespender für die VinziRast. Suppe und Soul - da musste Frau Alma natürlich dabei sein!

Die sieben Suppenkreationen von sieben Wiener Gourmet- und Szenelokalen konnten diesmal im feinen Ambiente des Porgy gelöffelt werden, zwar nicht von Obdachlosen, aber doch irgendwie Heimatlosen der Nacht. Es gab
1. Minestrone alla Milanese
2. Kürbiscremesuppe mit Kernöl
3. Sauerkrautsuppe mit Blutwurstschnitten
4. Tom Kha Gai-Kokossuppe mit Hühnerfleisch
5. Petersilienwurzensuppe mit Anis und Cointreau
6. Cremige Kartoffelsuppe mit Speck und Lauch
7. Rindsuppe mit Fritatten

von
a) Meinl am Graben
b) Österreicher im MAK
c) Ramien
d) Steirereck
e) Il Carpaccio
f) Zum Schwarzen Kameel
h) Hansen

(Für richtige Zuordnungen - ohne Schummeln, versteht sich - gibt es vielleicht einen Preis)

Aber eigentlich kam man, um feine Musik zu hören und dann noch ordentlich abzutanzen, die Suppen waren gute Grundlage, man zahlte für einen guten Zweck und hätte frühmorgens noch gut einen Nachschlag vertragen!

Das Musikprogramm vermittelte zunächst gemischte Gefühle; eine ungestimmte Gitarre zu einer weiblichen Stimme mit traurigen Texten war ein sehr zögerlicher Beginn. Eine Art naiver Fröhlichkeit kam dann bei jener frauendominierten Gruppierung auf, wo das Cello für sonoren Untergrund sorgte, während der Sohn der Samtratte mit einer viel zu langen morbiden Vorstellung für anhaltende Flucht zu den Suppentöpfen sorgte - trotz oder wegen einer brünetten Julia , deren weitgespreiztes Dasitzen im grünen Drillich keineswegs zu mehr Sexappeal ihrer ästhetisch-starren Begleitungsperformance führte.

Dann aber die Jungs aus Bulgarien! Eine geballte Ladung aus Spaß, Drive und Können, unbekümmert heruntergeblasen von der Bühne, am Saxophon ein untersetzter und etwas bäuerlicher Mr.Bean, an der autochthonen Flöte hingegen ein alle überragender Bankbeamter in dezentem Blau (Pullunder war bei dieser Gruppe offenbar Pflicht). Mit ihrer Eigenkomposition "Istanbul darf nicht Wien werden" spielten sie sich direkt in die aufrechten Herzen .... und produzierten das erste Bahö des Abends.

Der Hauptact aber war mit Sicherheit The Slow Club - do you remember Hansi Lang? Seine Interpretationen von Nat King Cole oder, ja! Billie Holliday sollten unbedingt versucht werden! So gut kann keine Suppe schmecken - das ist wirklich Soulfood!

Dann ging es endlich hinein in die Clubnacht, DJs und Live Acts sorgten für anhaltend in die Leiber fahrende Stimmung; Frau Alma wagte so manch anzügliches Tänzchen mit dem schönen Herrn G. Albin Janoska mit seinem "Grand Baheux" hatte da schon den richtigen Titel, und DJ "Soulsugar" Arno (korrektes feinkariertes Hemd) wurde nicht umsonst so umfassend akklamiert.

Wie gesagt, irgedwann um irgendeine Zeit dann doch auf der Spiegelgasse, hätten noch ein paar Schöpfer Suppe gut getan! An dieser Stelle seien die soulfriends aus vollem Herzen bedankt!

Donnerstag, 7. Februar 2008

Mehr Raum Mehr Zeit

Lech, Ort luxuriöser Hotels und (einstmals) luxuriöser Gäste, wirbt mit dem Luxus von Raum und Zeit.

Inmitten einer aus scheinbar endlosen Schihängen sich formenden Landschaft

raum-und-zeit

dehnt sich mir jeder Augenblick zur Unendlichkeit. Auf den Richtung Süden gewandten Bergkuppen weht der Föhn mit stürmischer Gewalt entgegen, nimmt wieder kurz jenen Atem, der sich doch gerade in diese Unendlichkeit breiten wollte, legt aber auch eine weiche Schicht aufgewirbelten Schnees über die harten Pisten.

foehn

Auf den steileren Hängen aber vermisse ich die Eleganz der alten langen Skier, die die knappen, von Fersendruck gesteuerten Schwünge in perfekter Parallelität ermöglicht hatten. Mit den mir überantworteten kurzen und schaufeligen schwarzen Brettern muss ich mich bewusst in das weit ausholende und hangraumgreifende Gleiten fallen lassen, aber ich folge den routinierten Schwüngen des schönsten Geliebten*, lasse mich von seiner Freude über meine Gegenwart tragen.

Über dem Hochplateau mit extremer Hoteldichte holen Fettgeruch und Schneebargedröhne wieder ins enge Jetzt zurück, nur der Respekt vor der Erinnerung eines Mannes, der schon vor 35 Jahren auf dieser einen Bank mit einer zu früh verstorbenen Frau in der Sonne saß, lässt ein kurzes Verweilen zu. Abends führt die Flucht vor billigem Trubel in jene wundersamen Räume,

rausch-und-wunderkammer

wo aphrodisierende und rauschbringende Gewächse auf güldenem Grund den inszenatorischen Rahmen bilden für die schlichte Kunst des grand pièce. Und wieder öffnen sich Raum und Zeit.


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Mittwoch, 6. Februar 2008

den zweiten

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