Sonntag, 1. Juni 2008

Nachtmutter

Um Mitternacht ist er heimgekommen, der Bub, ich saß, auf die Tochter wartend, bei Kill Bill. "Gfoit dia dea Füm?" ist die lakonische Frage, die mich aus der Trance reißt, ich war immer wieder in die schon schmerzende Müdigkeit geglitten, hab mich dennoch mit aufgerissenen Augen an den bunten und absurden Szenen festzuhalten versucht, an den Blutfontänen, "mia hod'a guat gfoin, a typischa Tarantino hoid", was weißt du Fünzehnjähriger von typischen Tarantinos, denke ich bei mir, die frühen Tarantinos habe ich gesehen, in meiner Kinosucht der Studentenjahre, aber was weiß ich schon, wovon mein Sohn weiß. Wenige Minuten später: "Deaf i no in de Stodt?", es ist zwanzig nach zwölf, was will er da noch, "umahänga", ich muss sowieso hinein, der Bus der Tochter ist in Kramsach, unterwegs sprechen wir über die Ästhtik der Kill Bill-Inszenierung, den zweiten Teil könne ich mir sparen, meint er, ich möchte schlafen, sitze auf dem Parkplatz im Auto und falle in die OE1-Jazznacht.

Soeben wurde eine über Tage aufgeschobene Geschichte fertig über den Traum einer Jugend, der Bub war damals auch fünfzehn, als er seinen eigenen Wein zu machen begann, was tat ich mit fünfzehn? Bücher gelesen und vor mich hin geträumt wohl.

Samstag, 31. Mai 2008

Das Leben ohne mich

Es gibt Spuren. Ich war vier Tage nicht zu Hause, in der Wohnung riecht es nach Zigaretten. Das Wohnzimmer ist merkwürdig aufgeräumt, im Handwaschbecken des Gästeklos liegt ein nicht gänzlich abgeschleckter Löffel mit Haselnusscreme, im Geschirrspüler stehen alle verfügbaren Wassergläser. Im Badezimmer riecht es nach Parfum, meinem Parfum, das ich von der Tochter zu Weihnachten bekam, Kenzo. Ich benütze es nie, seit ich mich so intensiv mit Wein befasse, vertrage ich kein Parfum mehr.

Der Garten ist noch struppiger geworden. Am Handrasenmäher klebt frisches Gras, die Gartenschere liegt auf dem Tisch, ein Drittel der Wiesenfläche ist in einem Zustand zwischen abgerupft und niedergedrückt. Die Nachbarskinder sagen: Da waren viele Mädchen und Buben, ganz viele, doch sie vermögen nicht zu sagen, ob das nachts war oder heute tagsüber. Der Sohn war alleine, ist gestern erst gegen 22 Uhr heimgekommen, mit zweistündiger Verspätung aus der fernen Schule; als ich grad vorhin kam, war er schon wieder unterwegs. Was tut ein Fünfzehnjähriger in dieser Kleinstadt an einem Samstagabend? frag ich mich, ich weiß nichts mehr von ihm, seit er ins Südsteirische pendelt, wer hat mein Parfum benützt, wundere ich mich wieder, was geschieht da in diesem Leben ohne mich?

Jetzt warte ich, dass das andere Kind, die eine Tochter, von einer Sprachwoche in Nizza zurückkommt. Auch sie hat Verspätung, der Bus hatte in der Schweiz einen Kupplungsschaden. Ich muss morgen Mittag wieder weg, sie wird ihr Pflichtpraktikum am Montag ohne mich beginnen.

Rot: Sonne, Mond, Erde

Ich liebe diese kleinen Verrücktheiten, diese Heimlichkeiten, wenn niemand weiß, wo ich gerade bin oder war, also niemand von jenen, die mir nahe sind. Diesen Blick hatte ich schon lang nicht mehr, um halb sechs die Sonne über den Dächern Wiens aufsteigen zu sehen, eine Viertelstunde später dann schon über den Praterauen. Gestern abend war vom Mond über Wien die Rede gewesen, wie er vor zwei Jahren, beim Nussbergfest im Rahmen der VieVinum, als überdimensionaler roter Ballon plötzlich am Horizont aufgestiegen war. Dieser Blick über die Stadt vom Nussberg aus, so unermesslich, kleine Karpaten, Leithagebirge, Weite in alle Richtungen, und dann erhebt sich da plötzlich dieser riesige rote Vollmond und steigt empor, sein Schweben überträgt sich auf die Menschen, bis er schließlich klein und weiß auf dem von samtblau ins Nachtschwarze sich wandelnden Himmel festzustehen scheint.

Gestern aber saß mit 11 Weinfrauen in einem der schönsten Gastgärten der Stadt, nicht mit diesen 11 Frauen, wiewohl zwei von ihnen dabei waren, wir tranken Rote Erde, die Weine vom Spitzerberg haben allesamt einen eigenen Duft, Veilchen vielleicht, egal welche Rebsorte, das sei der Kalk, sagt die Weinmacherin, der diese Vielfältigkeit schaffe und viel mehr hergäbe als der sonst so gerühmte Schiefer.

Die russische Weinjournalistin mir gegenüber ist eine bemerkenswerte Person, sie lebt am Comer See, ihr Nachbar ist George Clooney, seine Villa sei zu mieten, las ich grad gestern, für 120 000 €, die Woche, versteht sich. Ich freue mich über den Kontakt, überhaupt hatte ich mich auf dieses Zusammentreffen mit allen gefreut, sechs Stunden Zugfahrt, dazwischen fünf Stunden Schlaf für einen Abend mit Frauen und Wein, ja ich mag diese kleinen Verrücktheiten, da geht mir keine Energie verloren, solche Abende sind ein Gewinn.

Arbeit und dann Familie holen mich nun zurück, am Nachmittag liest Bodo Hell bei uns im Geschäft (das Literaturfest ist eine der noch zu schreibenden Geschichten von gestern), es gibt auch kein Nussbergfest heuer für mich, Martha Argerich kommt auch nicht, ich hatte mir gewünscht, sie einmal zu hören, aber der Abend morgen wird dennoch rot werden, spätes Mahl in der Roten Bar.

Am Montag aber wird Wein sein.

Montag, 26. Mai 2008

Das erste Eierschwammerl der Saison

... kam aus Rumänien, war klein und knackig und Teil eines Gesamten aus Mariasteiner Lachsforelle mit Flusskrebsen in feinem Gemüsesud mit Artischocken und wildem Spargel; das Gericht selbst wiederum Teil eines gesamten Überraschungsmenüs.

Am Nebentisch wurde lautstark die Überflüssigkeit der Flusskrebse angemerkt, aber es gab auch um den Wein eine ständige Diskussion - hätten sie doch nur auf jenen anderen Teil der Karte geblickt, wo wir unseren 1996 Haut Batailley (zu einem höchst attraktiven Preis) gefunden haben, erotisch sagt der Hirsch und bekommt seine Nase nicht mehr aus dem Glas.

Dennoch waren sie höchst unterhaltsam, die von nebenan, der musikalische Mastermind und der unerbittlichenFinancier von Erl, oft uneins in Entscheidungsfragen, und doch wieder im gemeinsamen Trinken sich verlierend, mit lautstarker Unterstützung der Geldgeber-Gattin; zum Schicksal des abhanden gekommenen Lieblingswirtes meinte der Mastro nur: Der kommt scho wieder, der Otto, bald!

Apostroph

In meiner Sechziger-Jahre-Kindheit gab es eine Radiosendung namens "Sprachpolizei" - Karl Hirschbold, der Autor, hat seine sprachbeobachtende Tätigkeit dann auch schriftlich in der "Presse" fortgesetzt. Ich mochte schon damals diese grundlegende (und auch sehr grundsätzliche) und, wie ich in Erinnerung zu haben vermeine, pointierte Form der Betrachtung von Sprache in ihren Veränderungen und - ja, Inkorrektheiten.

Dass Sprache nichts ist, woran man sich festhalten kann, Sätze nicht das, was sie scheinen, lernte ich in den folgenden Jahren rasch. Aber das ist Inhalt. Nur beim Grundgerüst, der Grammatik, auch der Schreibweisen, die viel mehr Inhalt transportieren als Reformer mit Vereinfachungswillen offenbar glauben, da hab ich immer wieder Schwierigkeiten, Veränderungen oder noch viel mehr Nachlässigkeiten hinzunehmen.

Beim falsch gesetzten Apostroph aber kann ich mich wirklich echauffieren!
Gehäuft tritt es in der Gastronomie auf: von Lokalbezeichnungen bis zu Speisenbezeichnungen schwirrt dieses in der Luft hängende Stricherl in Wörtern herum, wo es nichts zu suchen hat, es soll sogar schon ein Schwein'sbraten gesichtet worden sein. Als Platzhalter für ausgelassene Buchstaben dient es in der Niederschrift von Umgangssprache, aber die Ausgelassenheit, mit der man sich dieses Hilfszeichens bedient, ist (für mich) oft nackenhaarsträubend.

Der Vater - des Vaters: ein lupenreiner Genetiv, der des s bedarf. Aber womöglich ist das Gefühl für den Genetiv abhanden gekommen, vielleicht liegt's (sic!) daran, oder dass der englische Genetiv das Apostroph benützt, father's - was dort stimmt, hätte auch im Deutschen Berechtigung?

Doch bleiben wir bei den Empfehlungen des Chef'sauf der Schiefertafel vor dem Lokal - dort vermisse ich vielleicht nicht mal so sehr die sprachliche Grundbildung; wenn sich ein solch apostrophierter Genetiv aber auf einer literarischen Seite einschleicht, sehe ich, wie unreflektiert der Usus dieses kleinen Zeichens geworden ist!

Sonntag, 25. Mai 2008

Semikolon

Soeben bei der Textarbeit festgestellt:

Es vergehen nur wenige Absätze ohne Strichpunkt. Er ist mir ähnlich lieb wie Doppelpunkt und Bindestrich - um Gedanken zu strukturieren, Rhythmen zu lenken, ein Innehalten anzudeuten, aber nicht so explizit zu machen wie der Punkt.

War da nicht unlängst ein Aufsatz dazu in der Presse gewesen? Oh ja!

Der Gartenwächter

Der Morgen war schattig und mild. Still. Vogelgezwitscher. Gibt es keine Vögel mehr? sagte die Mutter unlängst, ich höre kaum mehr welche. - Doch, sie sind alle da. Jeden Morgen um spätestens halb sechs werde ich von ihnen geweckt. - Dann muss ich mir wohl endgültig ein Hörgerät besorgen.

Zu Mittag hat sich Wind erhoben, ein warmer Südwind. Bei geschlossenen Augen fühlt es sich an wie Sommer.

Dieser hier steht Sommer wie Frühling wie Winter mit gleichem in sich gekehrtem Blick da:

gartenzwerg-001

Künstlerentwurf, limitierte Auflage. Höhe ca 54 cm. Gewicht: Beton. Preis: auf Anfrage.

Das Gras ist mir entwachsen.

Ich kauere am Kräuterbeet, in der Hand die Grasschere. Die kleinen Kräuter haben zu wenig Sonne, werden nicht nur von Russischem Estragon und Liebstöckel überschattet, sondern müssen sich auch vom rundum wuchernden Gras umzingelt fühlen. Mit der Linken umfasse ich die Büschel, greife in sattes, freuchtes Grün. Es geht ganz leicht, ich gerate in einen Schnitttaumel. Statt der Beetumrandung ist bereits eine quadratmetergroße Wiesenfläche freigelegt.

gartenschnitt

Der Bodengrund ist nicht schön, aber lebendig. Kleine weiße Nacktschneckenbabies sind auf einmal dem Licht freigesetzt. Am Sockel des Gartenzwerges kauern dunkle Käfer, Schattenwesen, die gleich flüchten. Ich hebe den Betonzwerg an, unter seinem platten Fußgestell sieht man Gänge im Erdreich, Spuren von sonst nicht sichtbarer Bewegung. Ich fasse weiter und weiter ins oberflächlich dichte Gras, das, einmal geschnitten, seinen trügerischen Anblick offenbart: übrig bleiben gelbliche Stumpfe, einzelne Stöcke, dazwischen unbewachsene Stellen. In der Mitte der Rasenfläche wuchert es hoch und dick; weiter rechts ist ist es zart und fein, ganz gänseblümchendurchzogen.

Morgen kaufe ich mir eine Sichel, ich werde die ganze Wiese so bearbeiten, der Handrasenmäher ist mir längst keine Hilfe mehr. Die Nähe zum Boden gefällt mir. Was ich da alles in Händen halte: Goldhafer, Löwenzahn, Klee, Wehrlose Trespe, Wiesenknaulgras, Ehrenpreis. Die Grüne Minze hat sich unter der Steinumrandung des Beetes in die Wiese gewurzelt, sie mag offenbar die dominante Nachbarschaft des Lavendelstockes nicht. Wird der französische Estragon, den ich von der Arche Noah mitgebracht habe, da überleben?

Unter den Fingernägeln schimmert es grün. Ja, ich werde mich so Stück für Stück durch die Wiese arbeiten, hingehockt oder hingekniet, den Geruch von Erde und Pflanzen einatmen.

Freitag, 23. Mai 2008

Glückskeks

You are a master of difficult situations

Ich bade meine wunden Füße in diesem Satz.

Donnerstag, 22. Mai 2008

Spiel doch mit den Schmuddelkindern!

Zugverspätungen sind für eine Vielreisende ärgerlich, ermöglichen aber dafür ausgiebige Lektüreaufenthalte in der ÖBB-Lounge bei Freigetränken. So kam ich auch zur aktuellen Titelgeschichte des Profil über neue Erkenntnisse vom Zusammenspiel Körper - Fremdkörper. Therapie zum Beispiel: Würmerschlucken.

Ich sah damit einfach Regeln meiner Kindheit bestätigt: zu viel Sauberkeit ist nicht gut, Sand essen keineswegs ungesund, der Hühnerdreck, den meine Mutter allabendlich während unserer Aufenthalte am bauernhöflichen Sommerdomizil aus den Gummistiefelsohlen stocherte, war tagsüber sicher auch irgendwo an und in unseren Körpern gelandet.

Schmuddelkinder waren wir halt.

Montag, 19. Mai 2008

Gigantischer Quantenpartikel Wein

Vinton Cerf, einer der Entwickler des TCP/IP Internetprotokolls, hat auch ein Herz für Wein. Seinem Satz "Eine Flasche Wein ist ein gigantischer Quantenpartikel." kann ich nur zu gut folgen, denn ein Quantenpartikel kann verschiedene Zustände haben, und erst wenn man ihn beobachtet, weiß man, in welchem er sich befindet.

Dass sich bei der genauen Beobachtung von Wein und seiner sich verändernder Zustände, die nicht nur durch die zuvor stattgefundene Lagerung, sondern auch während des Beobachtungs- und Trinkrituals durch die Belüftung entstehen, dann auch noch bei den möglichen Teilnehmern Veränderungen deren Zustandes einstellen, ließ sich am vorgestrigen Abend im familiären Freundeskreis wieder einmal trefflich miterleben (ein tiefer Dank an diese unermüdliche Gastgeberin samt Gespons).



Und wo sonst als im vielfältigen Beziehungsgeflecht gilt noch viel mehr: erst wenn man alle genau beobachtet, weiß man, in welchem der verschiedenen Zustandsmöglichkeiten sie gerade weilen. Da man sich aber selbst immer in einer t e i l n e h m e n d e n Beobachtung befindet, sind noch die eigenen Zustände zu berücksichtigen .... Wie gut, dass der Wein als gigantisches Quantenpartikel da ganz hilfreich ist im Entwirren von Zustandsempfindungssituationen.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Vermutungen und Schönheit

Manche Vermutungen sind richtig. Viele aber auch falsch. Auf emotionalem Feld tragen die falschen Verletzungspotential in sich. Wenn Mathematiker Vermutungen anstellen, so haben sie oft mit Schönheit zu tun. Ob sie richtig sind oder falsch, stellt sich oft erst nach Jahren heraus, gar Jahrhunderten. Das nimmt nichts von deren Schönheit.

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!
!
books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
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profiler1 - 2011-10-06 21:55
Erwischt... und Sie fehlen...
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katiza - 2011-10-06 10:34

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