Samstag, 23. September 2006

Diese Herbstnächte

wenn der Sternenhimmel herunterstürzt.

Donnerstag, 21. September 2006

Astig

Wechselbad der Stile: auf ins triefende Leben!
Der Gefühlskonserve verdanke ich den Hinweis auf diese Geschichte. Und dazu fällt mir dieser wunderbare umgangssprachliche Ausdruck aus der Region ein:
astig

Wenn ein Mann von seinen Trieben übermannt wird. Ich konnte da mal eine Diskussion mitverfolgen, ob Rotwein besser geeignet sei, astig zu machen, als Weißwein - oder umgekehrt. Einen Zusammenhang mit Wahlverhalten konnte ich allerdings nicht feststellen. Aber in den Bergdörfern dürfte es wohl seit Generationen eingespielt sein, sich eine Frau zu teilen.

Klangspuren: Wisser & Schostakowitsch

Es war ein langer Abend gestern in den Kristallwelten, viereinhalb Stunden kontrastvolles Programm. Im Zentrum des ersten Teiles stand Haimo Wisser, ein Wiener, der in Tirol seine Schaffensheimat gefunden hat, der sich nicht zuordnen lässt in der Musiker oder der Poet. Ein der Idee des Autodidaktischen verhafteter, der sich nicht institutionalisieren ließ. Ich erschrak: hatte ich ihn nicht unlängst erst selbst noch gehört, gesehen? Dieses unlängst aber muss irgendwann vor 1998 gewesen sein, da nämlich hielt er seinem extremen Anspruch an sich selbst nicht mehr aus, brach daran, entschied sich für den Fortgang aus dem Leben.

Als wohl humorvoller Wanderer auf suchenden Wegen im Unsicheren ("das Professionelle funktioniert eh von selbst") entwickelte er aus Sperrmüllstücken das wunderbare Plattenglockenspiel; sein Schlagwerk bestand ja überhaupt auch aus Blechkanistern und Kochtöpfen.

Um elf dann erst, reichlich spät, die 4.Symphonie von Schostakowitsch. In seiner Bearbeitung für Klavier zu vier Händen. Das schmerzvolle Werk, mit einer leidvollen Schaffensgeschichte, erst acht Jahre nach Stalins Tod war es zur Uraufführung gekommen, ist voll von Zerrissenheit. Diese vierhändige Klavierfassung aber, mit dem vergleichsweise schmeichelnden Klang zweier Steinways, macht zwar die Struktur des Werkes transparent, aber lässt die Kontraste von Stille und Ausbruch, die Kontraste der Klangfarben, die bestimmend sind für die unmittelbare Rezeption, missen. Was sonst splitterhaft wirkt, grell, bizarr, kam so, gestern, als viel zu homogene Studie für vier Hände an.

Vielleicht aber lag es auch an der Interpretation? Dennis Russell Davies, sehr distanziert wirkend, mir gab er den Anschein, als würde er grad schnell an Etüden üben, so wenig strahlte da herunter; und eine zarte Maki Namekawa, rückenfrei gewandet, das ließ das Muskelspiel bis in die Rückenstränge verfolgen, viel unmittelbarer verwoben mit dem Stück scheinend.

Aber ich bin ohnehin keine Freundin von Uminstrumentierungen, vor einer Woche etwa überraschten mich beim Autofahren vertraute Wendungen in seltsam dünnem Gewande: Mahlers Vierte für Kammerorchester, da fehlte mir alles, was mir als Essenz lieb ist, bei aller Transparenz im Gefüge. Aber umgekehrt auch: Schönbergs Verklärte Nacht mag ich in Orchesterfassung wieder nicht hören, weil da gerade der individuelle Ausdruck des Streichsextettes erst den zugrundeliegenden Text hörbar macht, nicht überspült.

Mittwoch, 20. September 2006

Metaphernfeuer

Ich lese gerade den neuen Wolf Haas. Eigentlich ist es eine "sie", nach lauter "ers" = Krimis eine Liebesgeschichte. (Fein, dass da jemand war, der wusste, was ich gerade brauchen könnte.)

Und mir kommt unter: "Temperaturabfall, als hätte das Leichenschauhaus Tag der offenen Tür". Das ist ungefähr in der Buchmitte, bis dahin gab es schon sehr viele Metaphern, aber bei dieser hier stocke ich. Das kann doch nicht sein, denke ich mir (ich könnte auch zitieren "Das ist eine Frechheit!", doch ich gehöre ja auch zu jenen, die eher "unfair" verwenden).

Dass man nämlich heute für die exzessive Verwendung von unglaublichen Bildern bezahlt bekommt, z.B. als Journalist (persönlicher Bester hier: Ronald Pohl), oder eben ganze Bücher damit füllen kann. Und ich hab vor sehr langer Zeit, also vor 37 Jahren, das ist schon eine lange Zeit, einen Fünfer für einen ganz ähnlichen Tatbestand bekommen.

Es war im Akademischen Gymnasium in Wien, wir nahmen in Deutsch gerade die Odyssee durch, ich war so unglaublich inspiriert von diesen Geschichten, ich wollte ja auch unbedingt ab der Fünften Griechisch belegen, und bin bei der Schularbeit aus mir herausgegangen. Sonst war ich ja ein stilles, schüchternes Mädchen, das sich immer an die Regeln hielt und rot anlief, wenn es angesprochen wurde. Bei diesen Geschichten aus einer fernen Welt, die so ungewohnt voll Leben waren, wuchs etwas aus mir heraus. Ich schrieb und schrieb und schrieb und war danach erschöpft und glücklich. Ich war mir sicher: ich habe Großes geleistet. Ich war stolz auf mich!

Schularbeitenrückgabetag. Erst die Einser. Ich bin nicht dabei. Bin ein wenig enttäuscht. Denn Rechtscheibfehler habe ich nie gemacht. Aber auch bei den Zweiern, Dreiern, gar Vierern: nichts. Ich glaube an eine Verwechslung. Und dann, die sonore Stimme des sonst so gütigen Professor Schrott: Angelika, ich bin enttäuscht. Meine Ohren singen. Wahrscheinlich bin ich zusätzlich auch rot geworden. Er, enttäuscht? Das ist doch nichts gegen mein Enttäuschtsein! Ich habe gegen mein graues, kleines Leben angeschrieben, und er hat das nicht erkannt! Er hat meinen Text nicht verstanden! Alles voller roter Wellenlinien, eine Stilverfehlung nach der anderen! Mein ganzes Kunstwerk - an der interpretatorischen Enge eines Deutschlehrers erstickt!

Ich habe auf der Stelle aufgehört zu schreiben. Im Sinne von Aus-mir-Herausgehen. Bis zur Matura blieben meine Texte so, wie sie erwartet wurden. Das hat mir gute Noten gesichert. Irgendwann drängten sich zwar Worte durch, die wurden auf fliegenden Zetteln gesichert, in Hefte gezwängt, aber immer in Schubladen und Schachteln verstaut. Für nicht weiter wesentlich, gar wichtig gehalten. Im Grunde halte ich es heute noch so.

Aber ich habe ja noch Zeit. Es haben ganz andere erst mit 60 angefangen.

Montag, 18. September 2006

Speis'kartenpoesie

Es ist pure Absicht. Die Vereinigung der doch eher umgangssprachlichen Speiskoatn mit der hehren Poesie. Denn jenes Aushängeschild eines Lokals, sein oftmals wichtigstes Marketinginstrument - dann, wenn weder Mundpropaganda noch Restaurantführer vor die unbekannte Tür geführt haben, sondern der Hunger auf Umwegen oder akribische Reiseplanung im Internet – weist gerne jene unfreiwilligen Verquickungen unterschiedlicher Sprachebenen auf, die je nach Ironisierungspotential des Lesenden von Amüsiertheit bis Unerquicklichkeit reichen.

Weil es mir gerade unlängst, in einem wunderschön neu gestalteten ehemaligen Bahnhofswirtshaus unterkam, ein Ausrutscher in die Diktion der fernen Nouvelle-Cuisine-Anfänge Österreichs:
„Weiße Tomatenschaumsuppe an zweierlei Crostini“
Ich versuche mir vorzustellen: zwei Miniaturcrostini (nicht anders als en miniature sind sie vorstellbar, bei dieser Speisenbeschreibung), a n denen das Schäumchen zu liegen kommt. Wenn es nicht zugleich Suppe sein müsste. Denn dann ist es vorbei mit an, dann wird um-, unter- und überspült. Und der ganze schöne Nouvelle-Cuisine-Traum gerinnt zur Suppe mit Einlage.

Eigentlich aber: wollte ich anders beginnen. Bin vom zentralen Thema abgekommen. Denn was ich wissen wollte: wie ausführlich oder reduziert sollen Speisenbeschreibungen sein auf der Karte? Wollen Sie jedes Kreativdetail eines ehrgeizigen Küchenchefs im Voraus wissen und es dann möglicherweise vergeblich suchen müssen? Wie bei „Hirschrückensteak in der Pekannusskruste, dazu Hirschrostbratwürstl, an Vogelbeersauce, Kartoffel-Marillenblatt’l und Camparizucker“? (Im übrigen ein Gericht, das ich gerade deshalb bestellen würde, weil es so unvorstellbar ist.) Oder ist Ihnen mit einem minimalistischen „das meer die tomate & ein bisschen mehr“ oder „fuenf mal schokolade“ als Herausforderung für die eigene Imaginationskraft und Vertrauensbeweis für den Küchenchef besser gedient?

Klar, an einem Schweinsbraten mit Kraut und Knödel ist nicht zu rütteln. Aber wir unterhalten uns ja hier gerne über die anderen kulinarischen Wege. Was also wollen Sie lesen? Was Sie dann essen, ist ohnehin eine andere Frage.

*erscheint zeitgleich auf speising.net

Sonntag, 17. September 2006

süchtig

Der Mann liegt neben der Frau. Er streichelt sie, wieder und wieder. Er kann nicht anders als seine Hände stetig über ihre Haut gleiten zu lassen, angezogen von einer Sanftheit, die, als er sie das erste Mal berührt hatte, so unerwartet und überraschend gewesen war. – Ich muss damit aufhören, sagte er, ich bin süchtig danach. Das wird gefährlich. Die Frau lächelt. – Was dich süchtig macht, sagt sie, ist, dass du das, wovor du dich anderswo fürchtest, bei mir nicht finden kannst. Überall anders fürchtest du, was du suchst und gleichzeitig meidest. Bei mir bleibt dir nur das Suchen. Das macht dich süchtig.

Entführungen

Eigentlich aber sollte ich mich selbst entführen. Nach Beograd. Seit Jahren komme ich am Wiener Westbahnhof an, wenn am Gleis gegenüber der Zug nach Beograd zur Abfahrt bereit steht. Wenigstens bis Budapest, sage ich mir dann jedes Mal, vergiss die Termine, in Budapest kennst du immerhin die Straßen, die Museen, die Kaffeehäuser, die Markthalle. Und das in stillem Licht und bröckelnder Traurigkeit erstarrte türkische Frauenbad.

Freilich, Beograd, das klingt nach dem unbekannten Osten, wo vielleicht noch ein Stück einer Zeit stehengeblieben ist. Wo nach etwas zu suchen wäre, was möglicherweise gar nicht gefunden werden will. Weshalb ich ja auch noch nie in den Zug nach Beograd gestiegen bin.

Oder aber, sagte ich heute morgen zu den zarten Händen, es sind doch die Kinder, die jedes Mal, wenn ich wegfahre, auf meine Rückkehr warten. Warte noch eine kleine Weile, raunte mir die rauhe Stimme zu, und es klang gerade wie eine Bach-Kantante, dann wirst du bis Beograd fahren. Und darüberhinaus.

Samstag, 16. September 2006

Gestern

Gestern war ich versucht, einen Mann zu entführen. Nach zwei Stunden hätte ich ihn unbeschadet wieder zurückgebracht. Warum ich es nicht tat? Weil ich meine Verschränkung von Fiktion und Wirklichem nicht ausreichend wage ...

Was ich vorgehabt hätte? Ach, nichts weiter, essen, Wein trinken, zuhören. So tat ich dies für mich. Sah dem Schmetterling aus transparentem Speck zu, wie er über der Jakobsmuschel schwebte. Vielleicht wäre ich versucht gewesen, mit ihm zu tanzen. Sie haben, hätte ich gesagt, so tanzbare Hüften und Beine. Und die rauhe Stimme von Paolo Conte schien mir so passend. Irgendwann schwebte eine rosa Wolke im letzten Abendblau vor mir. Dazu sang wieder Paolo Conte.

Freitag, 15. September 2006

Sprachsalzkristalle

Föhnwindwärme und sehr entspannte Atmosphäre im wunderbaren Welzenbacher-Bau.

Erste Lesung: Thomas Glavinic - Wie man leben soll. Gustostückerln aus dem Leben des "Sitzers" und zu dick geratenen Charlie Kolostrum; vor allem die sexuellen Abenteuer (durchwegs traurige Angelegenheiten) amüsieren die Damen. Ich hatte das Buch letztes Jahr gelesen, hätte lieber etwas aus "Die Arbeit der Nacht" gehört, aber das ist erst morgen dran. Das Buch ist in der "man"-Form geschrieben, jedes Kapitel endet mit einem Merksatz.

Thomas Glavinic, groß, schlank (warum nur dachte ich, dass er auch etwas fülliger sein müsse?), nachlässig sitzende Jean, Kapuzensweater, wie ein Junge von nebenan, schaut vorher etwas misstrauisch drein, dann freundlich in die rune, liest Bruchstücke, die makaberste Szene mit dem Luftröhrenschnitt nach dem Karpfenessen beendet er nicht, auch seine erklärenden Sätze reißen gerne ab, sympathisch unbeholfen wirkt er, ich überlege, ob man dieses Buch eigentlich verfilmen kann. Das viele Lachen hat die Zuhörer gelockert. Am 17.10. gibt es "Die Arbeit der Nacht" im Literaturhaus Innsbruck, da könnte ich können.

Dann: ANH, eindrucksvolle körperliche Präsenz ( die des Weblogs kannte ich ja) in Schalwirrwarr und Jeans, hier allerdings straff sitzend ;-), souveräner Blick, ein schneller Mensch, am schnellsten ist wohl sein Denken, aber auch in Bewegung, Umherschauen stete Unruhe, ein ständiges Vibrieren vermeint man zu spüren. Die Stimme dann sanft, wohlig-vibrierendes Timbre, ich schließe die Augen. Er liest eine Erzählung aus "Die Niedertracht der Musik", eine ganze Erzählung, auf der Terrasse draußen saßen mehr Leute als im Raum, ich empfand jede von außen kommende Störung als ärgerlich, die Geschichte gab mir eine Ahnung von Leben, das ständig zwischen Fiktion und dem, was gemeinhin als Wirkliches genannt wird, wandelt, sie spielt in Linz, merwürdig, Fiktion und Wirklichkeit in Linz kenne ich auch, nur bin ich keine Böschung hinuntergerollt. Die Erzählung steigert sich bis zum Schluss hin zu einer fast unerträglichen Spannung, aus der ich gleichwohl nicht entlassen werden will. Hätte ich nachsehen sollen, ob die Zahnspuren auf der Brust noch da sind?

"Allmählich begreife ich, daß wir abzutragende Schuld als Tonart und Melodie hören und daß wir sie mitsingen müssen, weil sich eine Geschichte sonst niemals erlöst."

Audio der Lesung

Wolfgang Hilbig war aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen. Ich hätte auch ihn gern gehört.

Fundspruch 9: Sprache jenseits des Geredes

Er liebte die lateinischen Sätze, weil sie die Ruhe alles Vergangenen in sich trugen. Weil sie einen nicht zwangen, etwas dazu zu sagen. Weil sie Sprache jenseits des Geredes waren. Und weil sie in ihrer Unverrückbarkeit schön waren.

(aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

Ich bin selbst nicht vor Sprache inmitten Geredes gefeit. Welche Wohltat also, in Sprache jenseits des Geredes einzutauchen. Es muss nicht Latein sein.

Donnerstag, 14. September 2006

Sprachsalz

Sie wissen noch nicht, wie Sie die kommenden beiden Tage gestalten sollen? Wie wär's mit etwas Literatur in den Bergen? Sprachsalz! Würze des Lebens!

Homepage
Blog dazu

Bemerkung am Rande: Das beweist wieder mal, dass twoday-Blogger zur Elite gehören - egal ob Bloggen Zeitverschwendung ist oder nicht ;-))

Tirol im September: Zentrum kulturellen Geschehens. Denn heute gestartet:
Klangspuren Schwaz



Für ein erfülltes Wochenende wäre also gesorgt!

Sie sind

Du bist nicht angemeldet.

Sie lesen:

Beiträge zu meiner real virtuality

sehsucht

uebergaenge

Was gibt es Neues?

love
I saw a hope in the game. sex doll
ulovesexdoll - 2018-12-13 06:51
Wow, ich mag das Licht...
Wow, ich mag das Licht und die Anzüge! Vokalmusik ist...
karrri - 2014-06-24 12:18
einfach nur schön finden...
einfach nur schön finden geht auch
uferlos - 2011-10-08 00:28
lasst mir noch ein bissl...
lasst mir noch ein bissl zeit. vielleicht gibt es ein...
ConAlma - 2011-10-07 11:40
Was gab's denn so wichtiges...
Was gab's denn so wichtiges anderswo?
rinpotsche - 2011-10-07 00:37
!
!
books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
sang und klanglos :-(
profiler1 - 2011-10-06 21:55
Erwischt... und Sie fehlen...
Erwischt... und Sie fehlen...
katiza - 2011-10-06 10:34

wo?

angel underline de ätt kufnet dot at

Suche

 

Status

Online seit 7338 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2021-07-15 02:08

Credits

Web Counter-Modul

kostenloser Counter


adventkalender
aus dem arbeitsleben
aus dem kulturbeutel
aus dem reich der sinne
Autofahrer unterwegs
begebenheiten
blogweise
einfach zum nachdenken
es wird ein wein sein
farben
filmblicke
fundsprüche
gehört
gelebt: kitsch und literatur
gelesen
geschichten aus dem großraumwagen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren