Donnerstag, 15. März 2007

Landschaft mit Klang

Nach fünf Wochen fuhr ich wieder durch dieselbe Landschaft; der Schnee hatte sich mittlerweile auf die Bergspitzen zurückgezogen, nur im Ennstal führte er noch zungengleich ins Tal, darauf die unersättlichen Schifahrer sich im letzten Weich vergnügten. War im Salzburgischen der Himmel noch ein tiefes Blau gewesen, so löste sich nach dem Gleinalmtunnel alles in einer immer undifferenzierteren glasigen Helle auf, südliches Licht. Während ich auf die südsteirischen Hügel zufuhr, rechterhand gleißen die Schneekuppe der Koralpe im Blick, verströmte Isolde ihren Liebestod über die Landschaft, Astrid Varnay und Eugen Jochum füllten den gesamten Raum, als gehöre nichts anderes hierher: weiteten mir das Herz zerrend, Tränen zeichneten das Gewerbegebiet von Kaindorf weich, wie ein Stürzen war es, das unerfülltes Sehnen bloßlegte.

Donnerstag, 8. März 2007

Verurteilt zur Landschaft

Ich stehe auf dem Balkon einer Villa über dem Bodensee, genauer dem Untersee und blicke auf die aufsteigenden Nebel über dem Wasser. Noch ist alles ruhig rundum, der bereits begonnene Frühling hält für einen Tag inne. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sei, in diesem Viel an Landschaft zu leben. Ein schönes Paradies. Zum Kotzen schön fand es Otto Dix. Es ist seine Villa, in der ich durch die noch stillen Räume gehe. Die Familie - Jan, einer der Söhne, und Andrea, seine Frau - bereiten das Haus , nunmehr ein Museum, für die bevorstehende Saison vor.

Wenige Kilometer weiter war Hermann Hesse ganz anders in die Landschaft eingetaucht. Keine Verurteilung zur Natur, sondern eine geradezu religiöse Beziehung zu ihr, nachvollziehbar in den Texten, und zeigt sich auch in den großformatigen Fotos beim Höri-Museum in Gaienhofen: träumerische Innigkeit mit Sonnenblumen und Tomaten.

Montag, 26. Februar 2007

zweieinig

In der sehnenden Umarmung wird der Eine zu zweien: aus der Hülle des alten Körpers tritt der Jüngling. Ihn aufnehmend kehrt mir meine eigene Jugend zurück.

Samstag, 24. Februar 2007

Alterserscheinungen

ALT als italienisches Wort bedeutet HALT im Deutschen Folgt man Einträgen wie diesem, dann wird auch das deutsche alt zu einem Halt, im Sinne eines abrupten Stopps. Bloß keine self-fulfilling prohphecy!, möchte man dieser Dame wünschen, die den morgendlichem Faltenwurf im Spiegel offenbar als Stoppschild deutet.

Was soll diese Opferstilisierungstendenz? (widerlich weiblich wär mir fast entkommen) Die Beschäftigung mit dem Blick der anderen gibt doch das eigene Wünschen und Handeln aus der Hand! Ich gebe zu, ich bin derzeit in einer privilegierten Situation. Ich darf an einem Leben von Alter unmittelbar teilhaben, dem ein "war's das?" nie entkäme, einem Leben, das freigespielt wünscht und nimmt.

So lerne ich.

Mittwoch, 21. Februar 2007

Almträume

Der Träume waren es mehrere. Dass ich einem sympathischen Kellner, der drei gänzlich unzureichende, zerfranste Brotschnitten mit lächerlichen nachlässig draufgeschmierten Aufstrichen nicht als kulinarische Anregung durchgehen lassen kann, ist mir, obwohl ich am Abend ganz hervorragend zünftig gegessen hatte, ja noch irgendwie aus beruflichem Zusammenhang erklärbar.

Wenn ich aber in einem riesigen quadratischen Altbau-Raum erwache, mit hübscher Stuckleiste unter dem gold-rot-färbigen Plafond, und mit mir unter der Decke des großen Bettes im Eck ein bis dato unbekannter Mann liegt, wobei das unbekannt sich auf seine äußere Erscheinung beschränkt, da mir sein schriftliches Wesen wohl geläufig war, und eine nicht mehr erinnerte Intimität der Nacht sich sogleich in neuerlichen Umarmungen manifestiert, dann entkommt mir selbst im Traum verwundertes Lächeln. Und erst recht im tatsächlichen Aufwachen:

Was für Kapriolen schlägt da der Körper (und schickt sie dem Geist), der doch höchst befriedet und mit ausreichend frischer Höhenluft versehen mit einem ruhigen Schlummer das Auslangen haben sollte?

Kehraus

Der Hirsch hatte darauf bestanden: Am letzten Faschingstag hinauf auf die Alm, Musik gäbe es und überhaupt sei so eine Nacht am Berg doch eine feine Sache. Um die Sonne recht lang auszukosten, nahmen wir den Weg über die Almböden, nicht minder steil als die Direttissima durch den Wald, aber ungleich anregender und auch friedlicher.

Der Hirsch war mir mit seiner Leichtfüßigkeit natürlich weit voraus, als könnte er seine 28 Jahre Lebensvorsprung auch in Vorsprünge anderer Art umlegen. Mir war's allerdings ganz recht, der mangelnden Kondition halber beschaulicher unterwegs zu sein; so wintertrüb, wie es ein oberflächlicher Blick denken lassen würde, waren die Almwiesen gar nicht. Aus den sonnengewärmten Mugeln stieg immer wieder die Würze eine getrockneten Sommers auf, als wäre der gar nie vergangen, sondern hätte nur kurz geschlafen. Weiter oben dann war es intensiver Rauchgeruch, wie aus einer Speckselche, einiges an Erikabüscheln war ganz schwarzverkohlt - auch dies wohl noch Reste des letzten Jahres.

Die Ritzau ist ja normalerweise schon eines der beliebtesten Ziele im Kaisertal, gestern aber war der Andrang noch um einiges größer. Und die Musi (leider nicht ganz so zünftig-bodenständig wie erwartet) hatte offenbar schon einige Runden Schnaps spendiert bekommen.

Aus der dampfigen Stube trieb es mich immer wieder in die Luft hinaus, so entging mir auch die Abendstimmung nicht.

Irgendwann machten sich auch die Hartnäckigsten auf den Rückweg ins Tal auf, uns blieb die Stille. Und ein leuchtender Morgen:

Talwärts aber kamen dann schon wieder die Aschermittwochs-Horden entgegen.

Montag, 19. Februar 2007

Traumblöße

Das Zimmer des Häuschens am Weinberg – es ist ein steiler Hang, in Terrassen angelegt, das Häuschen steht, hangaufwärts gesehen, links oben, ein schmaler Steig mit Holz-Erde-Treppe ist der einzige Zugang; von oben sieht man über eine weitläufige, gerade im Sonnenlicht flirrende Stadt (dieser Ort kam schon in früheren Träumen vor) – hat einen Holzfußboden, ist sonnendurchflutet. Meine Mutter, so schlank, wie sie nie war, und mit einem schwarzen Pagenkopf merkwürdig ins Jüngere verändert, will mir etwas über ihren gewandelten Zugang zum Leben erzählen, über ihre Befreiung von allen Ängsten. Sie ist so fremd, dass es mir ganz unangenehm ist, ihr zuzuhören, ja geradezu peinlich. Ein ankommendes sms gibt mir Gelegenheit, die Aufmerksamkeit zu verlagern. Als ich es öffne, vergrößert sich gleichzeitig das Display des Telefons, ich hab eine A4-Seite, nein, eher zwei Quartseiten vor mit, viel Text, der wie in einem schlecht gescannten Anhang nur unscharf wiedergegeben ist, und Fotos, diese allerdings in guter Qualität, eine alte Kirche, ebenfalls Weingärten, aber flacher. Der Text ist von ANH, der mich höflich anspricht als eine der Personen, die – in den Kreis eines nie ausgesprochenen Dus eingebunden – anlässlich seines 50. Geburtstages (der bei ihm aber doch schon etwas zurückliegt, während der meine bevorsteht) zusammenfinden sollen irgendwo im Land um Berlin, um an der Restaurierung einer Kirche mitzuarbeiten. Eine Arbeit, die in einem ekstatischen großen Fest münden solle. Es sind düstere Räume, die auf den Fotos zu sehen sind, keinerlei katholisch-barocker Reichtum, sondern schwarzsteinige Strenge, nur wenig Stuck - und als Kontrast dazu die sanften Weinhügel rundum. Ich bin verblüfft, dieses sms zu erhalten, bin ich doch in meinem Blog wieder so hineingerutscht in schlampige Beiträge, gar einen Unwillen überhaupt zu schreiben, weil mir die nötige Ruhe dafür fehlt und die Sätze allesamt korrumpiert sind von der dicht gewordenen Alltagsarbeit. Der Neuansatz aber noch gänzlich unausgegoren ist

Samstag, 17. Februar 2007

Ein von Musik geschüttelter Körper

Das endgültige Programm des Konzertes der Wiener Philharmoniker am Donnerstag dieser Woche stand erst zu Wochenbeginn endgültig fest: ursprünglich sollte Daniel Barenboim erst Schuberts Fünfte, dann Bruckners Siebte Symphonie dirigieren. Die erste Programmänderung kam vor etwa zwei Wochen: nicht Bruckner, sondern Wagner, Orchesterstücke aus den Opern. Und dann mit Wochenbeginn: Boulez, nicht Barenboim. Kein Schubert, dafür Bartók. Und doch Bruckner. Der Hirsch war glückselig.

Die "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" von Bela Bartók hörte ich zum ersten Mal. Ziemlich viel mitreissende Lebensfreude. Ich hatte den Cellisten Franz Bartolomey direkt im Blickfeld - ihm im zweiten Satz zuzusehen, wie er verschmitzt lachte, mit den Augen blitzte, eine Fröhlichkeit hinausstrahlte, sich wiegte und bewegte: das verstärkte noch das eigene Empfinden.

Im Adagio ergriff mich dann unvermittelt Rührung, ganz ungewohnt bei einem Stück, das ich nicht kenne. Es schien mir, als griffe etwas in dieser Komposition direkt auf mich zu, verflüssigte sich in den Gliedmaßen und drängte über den Hals in die Augenhöhlen. Ich war erstaunt - und glücklich.

Und dann Bruckners Siebte. Ein Stück, bei dem ich vorher schon weiß, was geschehen wird. Wo dieses "Ergriffensein", also dieser Zugriff der Musik nie ausbleibt. Allerdings ist da, im Unterschied zu Bartók, die persönliche Historie mit im Spiel. Es sind Erinnerungen an Gefühle, an sehr zwiespältige Gefühle, verschüttete "Erfahrungen" aus der Jugendzeit, die sich mit der Kraft der Musik verbunden haben. Erfahrungen, die erst in den letzten Jahren aus dem Eis der Abwehr herausgetaut sind.

Doch dieses bisschen an Tränen, das sich da jedes Mal staut, ist nur eine kleine sentimentale Regung im Vergleich zu dem, was ich bei der unmittelbar vor mir sitzenden Person wahrnehmen konnte. Ein schmächtiger Mann, Asiate, ich sah ihn nur von hinten, hätte im Nachhinein nicht sagen können, ob Japan oder doch eher eine südlichere Herkunft, in einem bescheidenen braunen Tweedsakko drückte er sich die ganze Symphonie über ganz nah an die Säule zu seiner Linken, sah kein einziges Mal auf die Bühne. Aber er h ö r t e. Er hörte offenbar mit einer solchen Intensität und Offenheit, dass er von der Musik ganz durchdrungen wurde, der zarte Körper begann immer mehr zu beben. Ich konnte von hinten nur das Zucken der Schultern sehen, das immer wieder, vor allem bei ganz filigranen Stellen, in ein unverhohlenes Schütteln überging. Wie mir der Hirsch danach sagte, sei auch das Gesicht tränenüberströmt gewesen.

Und Pierre Boulez? Ich empfand ihn als wunderbar bescheidenen Dirigenten. In seiner trockenen Art benötigt er keine großen Gesten, die überwältigenden Steigerungen münden geradezu mühelos im unnachahmlich weichen Piano. Ich könnte mich ebenso vertrauensvoll in seine Hände begeben, wie es die Philharmoniker offenbar taten. Denn sie klangen - überwältigend.

hellwach

Mittendrin werde ich hellwach. Mitten in diesem Fließen, zu dem mein Leben nach einem langen Stocken wieder gefunden hat, in Arbeitsströmen, "Love Streams", sehe ich plötzlich das Loch. Im weichen Gewebeband dieses Lebens ein kleines, scharf umgrenztes Loch, aus dem nur ein grelles Licht dringt, doch ich weiß, dahinter ist diese andere Welt, aus der jederzeit ein kalter Zugriff erfolgen kann auf meine warme Scheinsicherheit.

Montag, 12. Februar 2007

Labender Schein

Ist's der Name, der wert?
Nicht der Inhalt, der zehrt von den Jahren?
Ach, könnt ich im Keller bewahren
diesen Saft, der nicht Kraft
noch Geist je verlor, ich holte ihn vor:
Nein, kein Schein, sondern Leben und Laben.



[Gedanken beim Übertragen der Verkostungsnotizen zu Château Margaux 1900]

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rinpotsche - 2011-10-07 00:37
!
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books and more - 2011-10-07 00:30
sang und klanglos :-(
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profiler1 - 2011-10-06 21:55
Erwischt... und Sie fehlen...
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