Mittwoch, 23. August 2006

Nothing But Pleasure

In der gleichnamigen Ausstellung der Bawag Foundation in Wien (hingehen und nicht an Elsner& Co denken) liegt gleich oben, nebem dem Empfang ein dickes Buch auf: Google-Bild-Recherchen zu Themen wie Glück, Reichtum, Sehnsucht. (Künstler: Christoph Weber, Österreich)

Bei Glück zeigt die deutsche Sprache ihre Schwäche: denn die englischen Suchbegriffe waren unter anderem luck, happiness, bliss.
Die jeweiligen Ergebnisse:
luck 33.200 in 0,19 sec
happiness 16.300 in 0,26 sec
bliss 13.400 in 0,10 sec

Wiegt das zu-gefallene luck mehr, weil es mehr Bilder dazu gibt? Oder doch die dauerhafte happiness, weil es länger dauert, sie zu finden? Oder der fulminante bliss, der blitzartig über einen kommt?

Und was ist mit pleasure? Das hab ich nicht mitgeschrieben, vielleicht kam es nicht vor. Das Vergnügen. Das hatte ich zuvor, auf einen Imbiss vor dem Schwarzen Kameel sitzend. Eine absurd-substanzielle Unterhaltung mit einem "alten Herrn".

pleasure: 525.000 in 0,13 sec.
Es kommen auch vor: Kondome.

Mehr davon vielleicht wieder von daheim.
Im BigNet am Hohen Markt ist es zu heiß für fruchtbare Gedanken.

Montag, 21. August 2006

Fundspruch 6: Die Selbste

Eigentlich sind es zwei zusammengehörige Zitate, in einem Buch gefunden.
(Ich nehme gleich die Übersetzung)

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.

Michel de Montaigne, ESSAIS

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.

Fernando Pessoa, LIVRO DO DESASSOSSEGO

Es ist schon schwer, sich durch die eigenen Ambivalenzen = Doppelwertigkeit zu finden, dann gar noch mehr Selbsten! Und wie schwierig wird es dann, wenn einem ein Anderer mit seinen Selbsten gegenübersteht!

* Dieser Eintrag ist explizit einem gewidmet, der sich ins Nichts auflösen wollte und mit wievielen? Selbsten wieder zurückgekehrt ist.

Sonntag, 20. August 2006

Das Paradies, die Selbstbefriedigung und das Feuer.

Heute war wieder mal Pleasantville im Fernsehen. Der Sohn (13) wollte es sehen, muss ihn beim ersten Mal beeindruckt haben. Die Geschichte von der Verwandlung des Paradieses in eine ganz normale Welt. Aber immerhin: von s/w in Farbe.

Meine Lieblingsszene: die Mutter, soeben von der (vermeintlichen) Tochter aufgeklärt, liegt in der Badewanne und macht es sich selbst. Daraufhin entzündet sich der Baum im Vorgarten. Die Feuerwehrmänner haben keine Ahnung von Feuer, sie reagieren nur auf das Stichwort "Katze".

Ach, wir Frauen in den Badewannen, da können wir lange "Feuer" rufen!

Helden in Kitzbühel

G.B.Shaws Helden (Arms and the Man) ist ein dynamisches Stück, vollgepackt mit Ironie und Grundsatzfragen zum Heldentum. Dieser Bühnenevergreen scheint ideal für Gymnasialaufführungen und Sommertheater in der Provinz, wohl der Zugänglichkeit der Texte wegen und der Möglichkeit zu temporeicher Inszenierung.

Die in Kitzbühel vorgefundene Inszenierungsvariante aber war durch eine tiefgründige Musikbegleitung in ihrer Ironie noch verstärkt und überhöht worden: Otmar Binder, als Pianist für Theatermusik und Chanson in der Szene bekannt, mit der musikalischen Leitung betraut, hat revuehaft einzelne gut bekannte Songs eingeschoben, die schon in ihrer ursprünglichen Fassung Bezug zur jeweiligen Person und Szene hatten und von Regisseur Peter Faerber mit neuen Texten versehen worden waren - eine Bereicherung voll Witz und Tücke, ein doppeltes Spiel, Hinterlist zu Hinterlist!

Raina, die zunächst heldengläubige Tochter aus gutem Hause, windet sich verzückt zu "Lord is mine" von Supertramp; Mutter Katharina verrät ihre unerfüllten Träume, wenn sie zu Marilyn Monroes "I wanna be loved by you" den Schwiegersohn in spe besingen muss; der aufrechte, nur scheinbar naive Bluntschli darf Johnny Cashs "I walk the line" interpretieren, Major Petkoff fügt mit "King of the Road" seiner immer ins Lächerliche gleitenden Figur eine weitere Nuance hinzu, undsofort undsofort ....

Ich hatte jedenfalls große Freude im Erkennen und Zuordnen; schade, dass die an kühlen Abenden wenig heldenhaften Kitzbühler wohl das Feuer im Kachelofen dem wärmenden Lachen vorzogen.

Fundspruch 5: Glück lässt sich nicht zwingen

Ein Vöglein zwitscherte mir zu:

Der Unterschied zwischen
Glück und Vergnügen besteht darin,
dass man sich das Vergnügen selber wählen kann.


(und hat's selber von Gustav Knuth gehört)

Heute wieder einmal in Händen: ein smaragdgrünes Shirt aus Seidenjersey des Labels Göttin des Glücks, das ich zu Sommerbeginn in Wien gefunden hatte. Darauf steht, links unten und ganz dezent, der Spruch:

Die Göttin des Glücks
kommt nur dann
wenn sie Lust dazu hat.


Und so wähle ich mein Vergnügen und denk mir, die Göttin des Glücks wird schon wissen, wann sie Lust auf mich hat.

Wenn einer eine Reise tut ...

Der "kleine" Bruder war zu Besuch gekommen, mit seiner Frau, die seit diesem Frühjahr seine auch amtlich verbriefte Frau ist. Wir trafen uns beim Metzgerwirt, seinem Lieblingswirt, wenn er in Tirol ist, der auch meiner wäre, müsst ich nicht statt 10 Minuten fast 40 fahren, das ist dann danach immer ein bissel mühsam und erfordert Disziplin, Mäßigung.

Sie waren eben erst aus Australien zurückgekommen, einem Hochzeitsreisenteil, und während wir bei Milchkalbnierndln mit Spinat und Püree und dann Hirschkalb mit Topfensemmelknödel und Kirschsauce saßen, erfuhr ich von den wundersamen Dingen, die sie gegessen hatten, seabug oder baybug etwa, die Meereskakerlake, die zunächst wenig appetitlich wirkt, aber dann ganz manierlich daherkommen sollte und vor allem ganz vorzüglich sei!


(siehe auch.)

Immer wieder Bestandteil in den Schilderungen der Menüs, die unter 8 Gängen kaum wegkamen, die marrons, süßlich schmeckende Krustentierchen, die, wie ich dem Tierlexikon entnehme, auch aquariumtauglich sind. Und Wachteln gibt es allenthalben, einmal wurden sie mit Pancetta umwickelt, dazu gab es Püree und Shiitakepilze - im Tetsuya's in Sidney, einem "weltlichen" Japaner, wie der Bruder so trefflich definierte, angesichts mangelnden Japan-Purismus(ses? *hilfe* wie geht der Genetiv von Purismus?)

Der - der Purismus - war bei Ryuichi Yoshii dann ausgeprägter, aber das kennen wir ja jetzt in Österreich, war er doch im Juli zu Gast im Hangar7!

Eindrucksvoll müssen die Marktbesuche gewesen sein, nicht nur all die Fische und sonstiges Meeresgetier, sondern vor allem Obst und Gemüse: was immer man sich vorstellen kann, wird in Australien selbst angebaut - da ist man sehr heikel. Nix mit Import, wegen möglicher Krankheitsüberträger. Sogar die Trüffel, französische, kommen aus dem eigenen Land, seit 1997 gibt es sie, und 2006 war offenbar ein besonders gutes Trüffeljahr. Die Rebstöcke, die dann doch aus dem Ausland benötigt werden - man experimentiert ja mit allem, es gibt auch keine Beschränkungen, was ausgesetzt werden darf oder nicht - kommen erst für 2-3 Jahre in Quarantäne - das würde ein Kisterl Obst ja nicht überleben.

Im Weinbaugebiet Victoria gibt es zwar die Reblaus, während Westaustralien frei davon ist - dafür ist Vicotria gänzlich fruchtfliegenfrei! Man stelle sich das vor: das Obstkörberl ungeschützt einfach stehen lassen, ohne dass die lästigen Minitierchen in Schwärmen darüber herfallen!

Nur mit dem Wein, da waren sie nicht allzu glücklich drüben-drunten, den Weißen fehlte die gewohnte Säure, und die Roten haben sie gleich beiseite gelassen, zu dick, zu fett, zu marmeladig. Wie erfrischend schien doch da der Blaufränkische von Toni Hartl, der trotz des opulenten namens "Tout feu, tout flamme" ein elegant-mineralisches Beispiel für österreichische Identität war. Aus dem avinierten Glas roch es - nein, lieber Bruder, nicht nach Speck uns Selch, sondern ja, liebe Schwägerin, nach Streichholz, Feuerstein, aber es gibt ja reichlich Schiefer in den Abhängen des Leithagebirges. Mit dem Fass 4 vom Bernhard Ott ("endlich wieder Veltliner!") ließ ich die beiden dann, mich mäßigend, alleine und fuhr durch einen sternbildreiche Nacht nach Hause.

Samstag, 19. August 2006

Frauennacht:Volver - Zurückkehren

"Frauennächte, wie gehen die?" fragt der Ferne Fremde, "sie gehen nicht, sie fließen" sage ich. Die Freundin-Malerin wartet beim Leo-Kino, ich bin durch die wieder stechende Sonne gelaufen, der Zug hatte Verspätung.

Eine Frauennacht beginnt also mit Kino, Volver, ein buntes Kaleidoskop, Kino pur, Liebe, Gewalt, Musik, Farben, Schönheit, und die unwiderstehlich bezaubernde Penelope Cruz inmitten, ja, alle Zuschreibungen stimmen, und immer ist sie aufrecht, auch vom scharfen Ostwind der Hochebene nicht umzuwerfen. Die Männer, wie immer bei Almodóvar in seinen schrillen Frauenuniversen, am Rande, am Abgrund, diesmal als Tochterschänder, von Frauenwut verbrannt, erstochen. Und der vorgebliche Geist der geliebten Toten, der die zum Tode Gehenden begleitet, Überleben in einer Sühnehaltung, wie es nur in dieser furchtgläubigen Gesellschaft des Dorfes möglich ist: Carmen Maura als scheintote Mutter mit funkelndem Witz in den Augen und gleichzeitig der großen Traurigkeit vor der Erkenntnis des Versäumten ist ein großartiges fantasma! Über allem aber schwebt die herrliche Melancholie des Carlos Gardel: volver - heimkehren.

Und also ist so eine Frauennacht, die mit reichlich Fusionküche-Abenteuer im sich hip und weltstädtisch gebenden neuen Altstadt-Hotspot weitergeht, auch immer eine des Zurückkehrens, zu sich, im Gespräch, über schlummernde, geleitete oder fehlgeleitete innere Kräfte, über jüngste Kreativschübe, über zauberhafte Begegnungen, über Bücher und Schriften, über ein teilgeglücktes Leben, über Leben als work in progress. Flanieren durch stiller gewordene Straßen, die letzten Don-Giovanni-Besucher (René Jacobs; keine Karten mehr bekommen) trinken noch einen Schluck Blaufränkisch Eisenberg von Uwe Schiefer, die milde Luft verschiebt die Müdigkeit noch ein wenig, wir bewegen uns geradewegs auf die Sprungschanze zu, Zarah Hadid, in der Früh sehe ich dann die Stubaier Gipfel dahinter.


(gefunden hier)

Mittwoch, 16. August 2006

Fundspruch 4: Verklärte Nacht

Nicht mangelnde Liebe, sondern mangelnde Freundschaft führt zu unglücklichen Ehen.

aus: Dante Andrea Franzetti, Passion.

Schönberg, Verklärte Nacht. Dieses Stück trage ich seit meinem siebzehnten Lebensjahr mit mir herum. Und erst heute höre ich, dass ihm ein Gedicht von Richard Dehmel mit ebendiesem Titel zugrunde liegt:

Waldspaziergang, Mann und Frau. Sie gesteht, das Kind eines anderes zu erwarten. Sie bangt um seine Liebe, er tröstet sie, versichert sie seiner ungebrochenen Liebe.

Sie können dieses Gedicht lesen als Ausdruck für eine großzügige Liebe, die verzeiht. Die sich auch (wir befinden uns im Jugendstil) gegen Konventionen und herrschende Moral richtet. Garantiert eine solche Liebe Haltbarkeit?

Wie schön hätte ich es, in meiner gestrigen Verfassung, gefunden, hier auch eine empfundene freundschaftliche Bindung vermuten zu können! Eine Zuwendung voll Verständnis, die Besitzergreifen verhindert, den Respekt vor der Situation des Anderen dauerhaft ermöglicht!

Mein liebstes Literaturpaar sind Arthur und Erna in Cees Nootebooms Allerseelen. Sie sind Freunde, tiefe Freunde, Ernas Männer sind eifersüchtig auf Arthur. Ich empfinde die Gespräche zwischen den beiden wie Gespräche von Liebenden. Von Liebenden ohne Besitzdenken.

Wieviel Liebe verträgt eine Freundschaft?

Der Weinentertainer: René Gabriel in der Wachau.

Ich kenne René Gabriel als vergnüglichen, humorvollen Bordeaux-Autor. Ich kenne ihn als stets fröhlichen und mitreissenden Präsentator. Ich kannte ihn nicht als Sänger und Entertainer!

Das hat sich geändert, ich war am vergangenen Sonntag beim Veltliner-Fest im Loibnerhof der Familie Knoll dabei. Es waren ziemlich viele Schweizer gekommen, der Weinbauverein Zentralschweiz zum Beispiel, oder der Männerkochclub Willisau - und so geballte Vereinskraft ließ den Abend zunächst ganz kurz nach gemütlicher Kaffeefahrt mit Musikbegleitung aussehen - wenn da nicht die erkleckliche Ansammlung an Veltliner Federspielen gewesen wäre, als reichlich fließender Aperitif, denn zum Menü gab's dann ausschließlich Smaragde. So kam man ganz zwanglos ins Plaudern, mit anderen Gästen aus Wien, Tirol oder Berlin, und als es ernsthaft losging mit dem musikumrahmten Abend, war die Stimmung schon gut.

Das Menü war sehr fein (ganz großartig in Qualität und Zubereitung das Geschmorte und Gebratene vom Waldviertler Milchkalb, mit vielen vielen Steinpilzen), die Smaragde durchwachsen (Jäger aus Weissenkirchen hielt sich gut neben den Namhaften), die Musikbegleitung zwischen den Gängen und danach: einfach zum Tanzen! Nein, eine solche Stimme hätte ich ihm nicht zugetraut, smooth bei Nat King Cole und anderen Evergreens, eine Superschmeichelstimme mit Gitarrenbegleitung oder Begleitband aus dem Synthesizer. Das ließ mitswingen, mitsingen und vor allem: tanzen. Hatte ich mir nicht schon lang ein Diner mit Tanz gewünscht? Hier war es! So sah ich mich denn auch plötzlich übers Parkett fegen, einen lupenreinen Boogie hinlegend wie schon seit Jahren nicht mehr - gute Führung halt! *Knickserl*

Was mich begeistert hat, auch wenn das wiederholte "Mariandl" nur mit übermäßigem Genuß von Lokalkolorit zu erklären und damit zu ertragen war, lag in der Nonchalance und Souveränität von René Gabriel, mit der er durch sein Musikprogramm führte: entwaffnend selbstverständlich und offen.

Den ruhigen Ausklang erfuhr ich dann am Tisch der Familie FX Pichler, wo noch ein paar erlesene Feinheiten zur Verkostung kamen: Grüner Veltliner M 05, ein mehr als mächtiger Wein, oder der von mir bevorzugte Riesling Kellerberg 05, aber auch Riesling Schütt 02 von Knoll, Hirtzberger Honivogl 04 ...

Ein ausgedehnter Spaziergang am Nachmittag hatte mich noch durch die Weingärten Loibens geführt, am Fuße des Loibenbergs fand ich einen reich tragenden Brombeerschlag, die verlassenen Weingärten zwischendurch, alte Weinstöcke mit schwer hängenden Trieben legten einen Hauch von Melancholie über die spätsommersonnendurchflutete stille Landschaft. Die 24 Stunden Wachau und retour waren kein unnützes Unterfangen.

Samstag, 12. August 2006

Mit Gernstl reisen: Rumfahren auf der Suche nach Irgendwas

Manchmal war ich an Elizabeth T. Spira und ihre Alltagsgeschichten erinnert. Aber nein, dann doch nicht: da war kein entblössender Blick, kein insistierendes Fragen aus dem Off, das die Kameravorgeführten in die Bredouille brachte, sondern vielmehr Schauen mit offenem Mund, Raum geben, der genützt werden konnte oder nicht, und immer wieder ein bisserl sympathische Selbstdarstellung der anfänglich zwei, dann drei durch die Lande Reisenden.

Erst den 10. Längengrad von Süd nach Nord, dann am 51. Breitengrad gen Osten, rund um Bayern und schließlich den Alpen entlang: von den Achzigern bis heute herauf durch die Zeit. Immer wieder ist von einem Auftrag die Rede, dem selbstgestellten Auftrag, mit Menschen zu sprechen, die wissen, wie man richtig lebt. Das entbehrt nicht gewisser Skurrilitäten, hat aber doch meist große Ernsthaftigkeiten, und gelegentliche Ausrutscher ins private-video-genre entschuldigt man angesichts von trockenem bayrischen Humor und immer präsenter Selbstironie.

Die Kameraeinstellungen sind starr, statisch, und wenn einer nicht reden will, dann wird nicht abgeschwenkt, wer lacht zuerst, möchte man hier als Spiel dahinter vermuten. Wenn gleich zu Beginn eine Glückssuche angesprochen wird, so geschieht dies nicht durch den Autor, sondern legen sie sich Gefilmte selbst in den Mund, konterkariert von Kommentar und Bildern, die alle Interpretationen zulassen, so wenig manipulativ sind sie: wenn ein Hippipaar mit Kleinkind im Wald, "ausgerechnet in der Einflugsschneise eines Flughafens", campiert und diffus von der Suche nach dem verlorenen Glück plaudert, nach dem, was ich nicht kenne, nach dem Herz, so kann man das als etwas verhuschten Ausdruck eines ehrlichen Bemühens nehmen oder - darüber lachen.

Und so wurde viel gelacht im Kino, gestern um sechs, es waren vor allem Bayern, die zu dieser frühen Stunde den Film sehen wollten. Aber ich glaube nicht, dass es schadenfrohes Lachen war, vielleicht war es manchmal Ausdruck von Verwunderung, wie denn solche Leben überhaupt möglich sind, und ja, die fast peinlichen Augenblicke eines Sich-Blöße-Gebens der unfreiwilligen Akteure, die wohl glücklich waren, sich einmal darstellen zu dürfen, keine Scheu hatten, Intimes von sich zu geben, das - nach meinem Empfinden - behutsam aufgenommen wurde.

Da war der Boxer, der seine ganze Zeit in die kleine eigene Boxschule investiert, und der bei der Frage nach der Frau und deren Verständnis dafür bei seiner Antwort, dass sie mehr oder weniger ihr Leben lebe, ganz unvermutet in Tränen ausbricht, er, der harte Mann inmitten des Männerkampfsportes.

Köstlich das alte Paar im Osten, sie schon etwas schwerhörig, das als Beispiel für das Funktionieren dauerhafter Liebe geschildert wird, seine Antwort auch sehr schön ist (das Ineinandergehen zweier Seelen), wo aber irgendwann im Gespräch ihr Eigensinn zu Tage tritt, da der Mann doch immer alles mögliche mitbringe von seinen Spaziergängen, aber das, wonach ihr verlange, einfach nicht bringe. Und Blümchen sind das gewiss nicht.

Es sind in sich versunkene Menschen, die da allen lebensumstandsbedingten Widrigkeiten zum Trotz eine Zufriedenheit ausstrahlen; freilich, weil sie nichts anderes kennen, nichts anderes können auch, bescheiden vom Wesen her und manchmal auch bescheiden im Geiste.

Der ehemalige Pfarrer und Käsemacher, der mit seinen Bakterien kommuniziert, damit der Käse gut gerate; der alte Mann in den Südtiroler Bergen, der auf seinem Ansitz in der Höhe allerhand Kunstgebilde wie eine riesige Stahlkugel, die die Welt einfängt, um sich hat und es nicht erwarten kann, endlich Wein (aus einem güldenen Pokal) zu trinken; der selbsternannte Guru am Wörthersee, der mit fast nichts auskommt (Jesus braucht keine Badehose), der Chirurg in seinem alternativen Tierprojekt oberhalb von Villach, das eher einem zufälligen Durcheinander gleicht, (Sport ist Privileg der Landlosen); der elegant in schwarz gewandete Herr am Chiemsee, der seinen Dr.Phil. aus plötzlicher Universitätsangst knapp nicht geschafft hat, mit wohlgesetzten Worten zu plaudern versteht und doch auf Heimbetreuung angewiesen ist: allesamt Männer, fällt mir auf, die irgendwo hängengeblieben sind oder ohnehin nie eine Chance hatten.

Und die wirklich Zufriedenen, die ein sehr bewusstes Leben haben, die Bergbäuerin, scheu und wortkarg, der Schreiner (der ganz in der Nähe meines Wohnortes lebte), er erst spät seine eigentliche Berufung gefunden hatte und sehr überzeugt und überzeugend von sich spricht, der Wünschelrutengänger, der dem armen Tonmann gleich einen ganzen Körper voller Unruheherde attestiert, und der nur "einen Hubschrauber und eine Sekretärin" benötige, um wirklich Großes leisten zu können.

Wie sagte da einer?: Man darf nicht fragen, wozu das alles Sinn hat. Oder anders: Einfach das Leben leben und nicht auf Besseres warten. Selbst sind die Filmmacher ins Auto gestiegen und haben's genommen, wie's kommt.

Was ich entgegen der Ankündigungen jedenfalls nicht gesehen habe: einen absichtlichen Film über die Suche nach dem Glück. Da bleib ich schon lieber bei der Eigendefinition: auf der Suche nach den besten Weibern, dem besten Bier, den besten Bratwürsten. Dass dabei anderes gefunden wurde, ist schon gut so.

Und so ging ich gestern mit einer feinen Heiterkeit aus dem Kino.

Fundspruch 3: rechtschreibung

VON FRIEDRICH ACHLEITNER


will man, dass zwei menschen glücklich zusammen leben, muss man zusammen leben getrennt schreiben. will man aber, dass sie sich schnell in die Haare kriegen, kann man sie ruhig zusammenleben lassen. denn was immer aufeinanderpickt (welch ein grauenhaftes wort), liegt schnell in streit. das prinzip gilt auch für in streit liegen. will man, dass sich paare wieder vertragen, schreibt man besser in streit liegen, während instreitliegen andauerenden hader verspricht. das wäre ein neuer ansatz für eine weitere reform der rechtschreibreform. da könnten sich die reformer richtig zusammenraufen. was allerdings garantieren würde, dass sie dann auch richtig zusammen raufen könnten.


Ich finde, das ist eine gute Anleitung für präzisere Ausdrucksweise.

Freitag, 11. August 2006

Fundspruch 2: Glück ist Augenblick ist Leben

"Den Augenblick immer als den höchsten Brennpunkt der Existenz,
auf den die ganze Vergangenheit nur vorbereitete,
ansehen und genießen, das würde Leben heißen!"

Friedrich Hebbel

* ist mir heute zugeflogen
** könnte ein Beitrag zur Glücksdiskussion sein.
*** denn: Glück ist ein brennender Augenblick.

Mittwoch, 9. August 2006

TV-Abend: Clara Schumann - Hélène Grimaud

Dass gerade Hélène Grimaud, exzeptionelle Pianistin, die Sendung über die Männerkonstellation rund um Clara Schumann, exzeptionelle Pianistin, moderierte und mit Eigengedanken beleuchtete, fügte eine nicht unwesentliche Authentizitätskomponente bei. Nur einer prononcierten Künstlerin nehme ich Interpretationen über ein Künstlerinnenleben ab, das neben der nach außen getragenen Harmonieintensität viele innere Brüche birgt.

Der Briefwechsel Clara Wieck - Robert Schumann ist Traumstoff zahlloser liebender Paare: der Kampf gegen den unnachgiebigen Vater führt zur steten Überhöhung der Liebesmacht. Der schriftliche Gedankenaustausch zieht sich dann auch weiter durch die Zusammenlebensjahre, bedingt durch die vielen Konzertreisen Claras, aber auch durch das Führen eines gemeinsamen Tagebuches.

Was, wenn sie die Möglichkeiten des Weblogs gehabt hätte(n)? Wenn andere hätten mitlesen können? Wie hätte es den Ausdruck Claras verändert? Hätte sie darin nicht eine Form von Unterstützung für ihre eigenen Bedürfnisse gefunden?

Denn trotz aller Liebe und Loyalität war es keine so ohne weiteres akzeptable Sache für sie, ihr musikalisches Eigenleben hinter das ihres Mannes zu stellen. Übungsverbot, damit er beim Komponieren nicht gestört wird. "Wie schwer mir diese Entsagung fällt, kann ich niemandem sagen." Ihre eigene Kompositionstätigkeit als überspannte Weibergeschichte ins Abseits gestellt, sodass sie selbst an der Qualität zu zweifeln begann, sich dem Männerurteil hingab. "Das Weib steht doch noch höher als die Künstlerin", tönt Robert. Was aber, wenn sich das Weib zuallererst als Künstlerin begreift? Ohne Kinder könne sie sich ein Leben vorstellen, ohne Musik nicht. Ein Sohn liegt sterbenskrank daheim. Sie verabschiedet sich zärtlich, aber folgt ihrem eigenen Ruf, spielt ihr Konzert. "Und dennoch spielte ich ganz glücklich, ohne eine verunglückte Note."

Künstlertum erfordert eine gehörige Portion Egoismus, sagt Frau Grimaud. Sie blickt mit einem klaren, ungeschminkten Gesicht in die Kamera, ein gänzlich attitüdenfreier Blick, der alle Mythengeschichten um sie herum in anderem Licht sehen lässt. Sie spielt Schumann, Robert und Clara. Eine zarte Figur, aber die Oberarme kräftig, die Finger energiegeladen.

Die Loyalität (aus Verantwortung, aus Liebe?) zu Robert hielt Clara Schumann auch über seinen Tod hinaus aufrecht, auch angesichts des stürmischen Liebesdrängen eines jüngeren Johannes Brahms. Einiges dessen, was hier an Briefwechsel stattfand, ist vernichtet. Das Bild der Großen Liebe ist durch keine verfänglichen Worte getrübt. "Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht" - dieses Heine-Gedicht vertonte Robert Schumann in der Dichterliebe. Er hatte wahrlich keinen Grund zu grollen, und doch grollt das Klavier gegen die Worte in einem fort.

Ist ein eigenständiger weiblicher künstlerischer Kopf im Haus Grund für Groll?

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