Eierschwammerl und Moosbeernocken.
Dabei hab ich damals die erste Frau meines Lebens kennengelernt.
Gestern bekam ich dieses untrennbar mit Sommer verbundene Essen vom Mann meines gegenwärtigen Lebens serviert.
Sommer schmeckt so.
ConAlma - 2007-07-18 11:00
An was denkst du?
An nichts, wenn es gelingt.
Als ich gestern aus dem abschließenden Dunkel des Theaters ins Münchner Abendlicht trat, dachte ich ungewohnt - nichts. Ich entfloh der Sommerabendbetriebsamkeit der Plätze, folgte meinen Füßen, die stillere Seitenwege suchten, und kam, einem leisen Klang folgend, in einen seltsam entrückt scheinenden Innenhof. Ich war wohl noch ganz im
Stück gefangen, nahm, was um mich war, wie die Bilder eines ohne Ton abgespielten Filmes wahr. Zudem hatte sich ein leiser Schwindel meiner bemächtigt, der das Bild des Hofes zu bewegen schien. In dieser multiplen Bewegung ging ich zu den Tischen, sollte ich Platz nehmen?, das Licht der überdimensionalen Stehlampe schien so warm und tröstlich, rot, doch nicht blutrot, nicht wie der Mond der Marie.
Aber ich wollte nicht anhalten, wollte nicht aus der Bewegung fallen, aus der des Körpers wie aus der der Empfindung, nicht Teil des Filmbildes werden, das in dem Augenblick, wo ich es betreten hätte, klirrend zerbrochen wäre in eine nackte Wirklichkeit. Der blinde Cellospieler im Durchgang intonierte zu seltsamer Orgelbegleitung das Ave Maria, ich stürzte zurück in die vom Tage zurückgebliebene Hitze auf den Straßen.
Im Zug las ich dann:
Der Reifezustand des Subjekts bemisst sich nicht mehr an Fähigkeiten der Bedürfnis- und Umweltkontrolle, also insgesamt der Ich-Stärke, sondern an solchen Fähigkeiten der Öffnung für die vielen Seiten der eigenen Person, wie sie hier im Begriff der "Lebendigkeit" festgehalten werden. Wird die Persönlichkeitsentwicklung als ein Vorgang beschrieben, der sich in Schritten der Internalisierung von Interaktionsmustern als allmählicher Aufbau eines intrapsychischen Kommunikationsraumes vollzieht, so liegt eine derartige Neubestimmung des persönlichen Reifezustands auf der Hand: Als reif, als vollständig entwickelt muss dann dasjenige Subjekt gelten, das ein Potenzial an innerer Dialogfähigkeit, an kommunikativer Verflüssigung seiner Selbstbeziehung dadurch zur Entfaltung zu bringen vermag, dass es möglichst vielen Stimmen der unterschiedlichsten Interaktionsbeziehungen in seinem eigenen Inneren Gehör verschafft. Das Ziel der inneren Lebendigkeit, des intrapsychischen Reichtums hat, kurz gesagt, die Stelle eingenommen, die in der älteren Psychoanalyse die Vorstellung der Ich-Stärke innegehalten hatte.
Die innere Lebendigkeit jedoch, diese
kommunikative Verflüssigung der Ich-Identität, die Entschränkung der inneren Dialogfähigkeit kann, so wird in weiteren Sätzen deutlich, auf Kosten der Fähigkeit zur Realitätsbewältigung zu gehen, wie sie der ich-starken "männlichen" Persönlichkeit zu eigen ist.
Die Entscheidung zwischen den zwei solcherart vorgestellten kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten aber: ist sie uns so bewusst möglich?
Beide Zitate stammen aus dem Begleitheft zum Münchner Woyzeck, das erste von Rainald Goetz, das zweite von Axel Honneth
ConAlma - 2007-07-16 15:27
Einem heißen, makellosen Tag bin ich gestern entsprungen, eingetaucht in die kalte blaue Bühne von Martin Kusejs
Woyzeck-Inzenierung. Hab das warme Licht des Sonnenabends eingetauscht gegen grelles Neon, gegen Sätze von fataler Wucht, hab zugesehen, wie Figuren hilflos über eine von blauen Mülltüten zu unwegsamem Gelände gewandelten Bühne taumeln, sich an ihren zur eigenen Wahrheit gemachten Sätzen aufrecht halten, übereinanderstürzen, sich ineinander krallen, Marie im blutroten Kleid, ja da ist sie, für Augenblicke auch
Herrin ihrer Lust, das war es, was ich überpüfen wollte, ob es denn wirklich
dann so gewesen sein wird?
Anders ist es geworden, ich hab nicht mit dieser Wucht der Inszenierung gerechnet, die mich immer stummer werden ließ, nichts mehr konnte ich denken, hielt mich nur noch fest an Jens Harzer, diesem schmalen, bleichen Woyzeck, der sich selbst mit verlorenem Blick im Reigen der sich über ihn erhebenden Männergestalten irgendwo zu halten versuchte. Als es irgendwann stille war und die einen zu applaudieren begannen, musste ich weinen.
[Bislang kannte ich nur Alban Bergs
Wozzeck, eine der wenigen Opern, die ich jemals mochte.]
ConAlma - 2007-07-16 09:16
The
Pimp-Tube
Hab ich nie erzählt: vor 27 Jahren saß ich nach einem halben süditalienischen Jahr etwas desorientiert und verstört in einem plötzlich über mich hereingebrochenen kalten österreichischen Winter. Die Wiener Kaffeehäuser waren so düster wie nie, für eine Uni-Inskription war's schon zu spät gewesen, aber die Sinnhaftigkeit der Studiums-Fortsetzung war ohnehin nicht greifbar, und so folgte ich gerne dem Ruf eines Freundes, vier Wochen lang mit seiner Band zu proben, ein zusammengewürfeltes Grüppchen nicht untalentierter Menschen. K. war ein absoluter Zappa-Fan, seine Kompositionen ähnelten in vieler Hinsicht jenen seines Idols (er hatte auch eine Zeit lang mit Zappa in Kalifornien gearbeitet, seine Videos geschnitten). Die Kompliziertheit der musikalischen Seite der Songs wurde durch sehr schräg-holprige Texte konterkariert; ich erinnere mich noch an ein vertracktes Stück im 7/8-Takt, das für mich auf der Violine extrem schwierig zu spielen war, K. hatte überhaupt kein Gefühl für die Machbarkeit auf diesem Instrument. Aber seine Gitarrensoli waren immer brillant.
ConAlma - 2007-07-15 12:20
Sie habe meine Geschichte aufgepimpt, schreibt mir die Redakteurin, damit sie bundesweit durchgeschossen werden kann.
Was auch immer so aus meinem kleinen, unwichtigen Text wird, der ja nur eine Bedarfsangelegenheit ist und doch in sich gerundet war, anhand einer solchen Meldung merke ich, wie weit weg ich von allem bin (das liegt auch nicht daran dass die Redakteurin vielleicht halb so alt ist wie ich). Nicht nur weit weg lebend von der Hauptstadt, sondern auch dann, wenn ich dort bin und an ähnlichen Orten unterwegs, von welchen alle sprechen, weit weg. Ich kümmere mich nicht, oder zu wenig, um die Lektüre jener Spalten und Hefte, die wohl notwendig wären, um den allen anderen vertrauten Hintergrund zu haben, ich such mir immer den eigenen Weg.
Das ist ein bisschen wie
den eigenen Atem suchen,
eratmen statt
anlesen. Ja, selbst in so profanen Regionen, wo es vor allem um
eressen geht. Aber es geht eben immer auch um mehr.

ConAlma - 2007-07-13 23:02
Seit gestern sind sie wieder in Erl eingefallen, die Tiroler Festspiele. Nein, falsch, nicht die Spiele, sondern die Spieler. Die auf der anderen Seite der Bühne. Vor allem bei der Eröffnung sind viele Spieler da, Selbstinszenierer, Dortseinmüssenspieler, Pflichtspieler in deren Gefolgschaft, Neugierigspieler, Spielevermittler, was tat Ro Raftl da?, aber freilich auch viele, die um der Musik willen kommen.
Heinz Fischer, als Bundespräsident zu Erl zwangsverpflichtet, eröffnete recht aufrichtig bezüglich seiner Erler Unkenntnis, dafür mit leisen, langen politischen Worten; LH Van Staa war polternder gewesen; prägnant und kurz wie immer Geldgeber Haselsteiner, das Flugzeug verpasst hatte aufgrund von Stau in Paris der Moitier, der hat einen launigen Brief an den Kuhn geschickt, der es sich wiederum nicht nehmen ließ , diesen mit Accent vorzulesen; die eigentliche Rede (Kernthema: Kunst muss politisch sein) war dann Vortragssache jenes Schaupielers, der auch die Meistersinger-Lesung wird durchführen - hoffentlich mit verständlicherer Aussprache als alle seine Einsätze gestern.
Nach so viel teils ermüdendem Wortlaut sich dann der Musik hinzugeben ist gar nicht leicht, zudem auch Bruckners Dritte Symphonie, selbst in ihrer dritten Fassung, kein Werk für leichtes Hineinschlüpfen ist. Zwischen den mächtigen Bläserblöcken (sehr beeindruckend die Hörner), zarter Streichermeditation (so wunderbar samtig) und fröhlichen ländlerisch-volksnahen Weisen schweifen die Gedanken ab, der Blick bleibt an der zentral sitzenden jungen Cellistin hängen, die mit strahlender und lächelnder Energie fast ständig zum ihr frontal davor, ja darüber stehenden Gustav Kuhn blickt und in ihrem hingebend leidenschaftlichen Spiel fast nie in die Noten blicken muss. Auf der Seite der zweiten Geigen sind bemerkenswert viele schöne Frauenbeine zu sehen, dort tragen die Mädchen mehr Röcke, die nackten Füße sind in zarte hochhackige Sandalen gesteckt.
Beim Frühstück erfahre ich, dass über verschlungene Wege Karten für Bruckners Siebte mit Harnoncourt in Salzburg errungen wurden; vor drei Tagen erst hat das Scherzo die Landschaft, die ich gerade durchfuhr, auf so unwiderlegbar überzeugende Weise zum Klingen gebracht, wie es in einem Konzertsaal nie geschieht.
ConAlma - 2007-07-06 14:52
Bin ich so versessen, frag ich mich, und schon besessen? Nicht nur täglich essen, vor allem nicht irgendwas, sondern meistenteils Mehrteiliges, Ausgewähltes, Zusammengestelltes, sondern auch noch drüber lesen, kommentieren, be-schreiben, so sehr und viel, dass man mir eine Entziehung verschreiben müsst! Denn freiwillig hör ich einfach nicht auf ...
Aber vielleicht indem ich mir rund um die Uhr
das hier reinziehe?
ConAlma - 2007-07-03 21:36
Wenn ich in entlegenen Provinzdörfern eine
ambitionierte Speisenkarte find, die in mühsam aufgepeppte Stuben die weite Küchenwelt mit unfreiwillig lächerlichen Kopien von Gerichten internationalen Zuschnitts glaubt bringen zu müssen, bedauere ich die Manifestation von so wenig Identitätsbewusstsein. Wenn aber dann auch noch die Formulierung dem schon längst überholten Nouvelle-Cuisine-Sprech huldigt, indem die bemüht feinen Teilchen AN etwas zu liegen kommen anstatt AUF zu ruhen oder MIT serviert zu werden, dann ist die sprachliche Verzerrung vom Eleganten ins Lächerliche perfekt.
Letzteres gilt auch für
Stadtrestaurants. Bei Sprache bin ich noch heikler als beim Essen ;-)
ConAlma - 2007-07-03 21:04
Die kläffende Kindersendung auf OE1, "Radiohund Rudi", bedarf immer einer gewissen Überwindung beim Zuhören, weil das wuff wuff und diese seltsam altkluge Sprache so eine Erwachsenenvorstellung von kinderadäquat sind - scheint mir zumindest. Aber das heutige Thema wär auch eins für die vielen Verlorenen im Netz gewesen: smsen vulgo es em essen, und zwar mit Unbekannten, auf der Pirsch sozusagen. Irgendwelche Nummern anschreiben und auf Reaktion warten. Mit einer Unbekannten flirten. "Aber Rudi, die weiß doch nicht, dass du ein Hund bist!" - Umgekehrt: weiß der Hund, wer da am anderen Ende der Leitung ist?
Ja ja, schon die Kinder sind konfrontiert mit den fakes, die ihnen später noch so manches Herz schwer machen werden!
ConAlma - 2007-07-03 18:45
Die Schrunser Zimmerwirtin beginnt beim Frühstück zu erzählen, Geschichten vom Sterben und vom Tod. Fast eine Stunde lang spricht sie, traurige und weniger traurige Erzählungen, Erinnerungen aus lang vergangener Zeit und jüngster Vergangenheit.
Von ihrem Mann zum Beispiel, der vor vier Jahren gestorben ist, in Wien, auf einem Feuerwehrausflug, nach einem fröhlichen Festabend, tot im Bett gelegen ist er in der Früh, und noch zwei Tage später, als er heimkamim Sarg , lag ein Schmunzeln auf seinem rosigen Gesicht. Von ihrem Vater, der Tischler war im Rheintal, und auch Tote hat einsargen müssen. Wie er einmal heimgekommen ist am Heiligen Abend, sich zum Kachelofen gesetzt und geweint hat. Tati, was hast denn? fragen die Frau und die Mädchen, sie selbst war vielleicht 10 Jahre alt gewesen. Eine junge Mutter hat er einsargen müssen, mit vier Kindern, alle jünger als seine Töchter, diese Ungerechtigkeit des Todes, mit der ist er an dem Abend nicht fertig geworden.
Ganz anders bei den Toten vom Armenhaus, das war das Altersheim damals, da waren nur die Armen und Einsamen im Heim, die anderen hatten ja die Familien. Wenn er für einen von denen einen Sarg vorbereitet hat, war ein Lächeln in seinem Gesicht, weil wieder einer erlöst war.
Eines Tages, erzählt die Wirtin, hat sie einen Mann getroffen, der aus demselben Dorf stammte wie sie selbst. Geh, sagt sie, kannst dich noch erinnern an den Tod deines Vater? Dass er tot ist, ja, entgegnet der Mann, aber sonst nix. Vier Jahre warst alt, sagt sie, und bist hinter meinem Vater hergelaufen und hast laut gerufen: Du böser Mann, du böser Mann, hast meinen Vater in die Kiste getan! Nein, davon ist dem Mann nichts mehr erinnerlich, die Wirtin aber weiß so viele Geschichten, ist aufgewachsen mit so vielen Toten, den fremden und den eigenen, zwei Geschwister, die Schwiegereltern - der Schwiegervater, gsund und tot! - und zuletzt der eigene Mann. Und immer noch der große Trost, dass er ein Schmunzeln hatte in seinem Gesicht.
ConAlma - 2007-06-28 11:29
Deine Worte und Sätze sind wie Musik, wie sie Schubert gemacht hat.
Ich habe Wildrosenblütenmousse gegessen, wir sprangen um unsere Gedanken und erwischten sie immer im Einvernehmen. Furchtlosigkeit ist ein schöner Zustand, ich bin richtig in der Zeit, die kein Strang ist, auch wenn mir die Kirchenglocke hinterm Haus mit ihren Viertelstundenschlägen die Nacht als solchen um den Hals legen will.
Ich danke für die Freude der Freunde; Hemingway hat hier gesoffen und blieb wohl deshalb in Erinnerung, gegenüber dem nach ihm benannten Keller ist Goethe eingraviert: Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis/wenn man ihn wohl zu pflegen weiß.
So ein kleinster Kreis war es heute.
ConAlma - 2007-06-27 23:37
... der aane kommt nach
Paris
der andere nach Schruns-Tschagguns,
ja das Leben spielt mit uns.
[Josef Hader]
Ich sitz grad in Schruns-Tschagguns, eigentlich mehr Schruns, hätt nicht gedacht, dass ich so schnell mal herkomm, und find das Leben grad nicht sooo - aber vielleicht sollt ich mir einfach mal wieder reinen Wein einschenken, den letzten gabs vor 3 Tagen, und wenn er so gut ist wie der vor 10 Tagen (das hab ich noch gar nicht erzählt), dann gehts schon wieder.
Und die Gespräche mit dem halben Schrunser gleich werden mir sicher wieder jene Leichtigkeit geben, die mir durch die Übernahme fremder Schwere entglitt.
ConAlma - 2007-06-27 18:52